Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 27. September 2019

Viel geschrieben
Der Schriftsteller Günter Kunert ist im Alter von 90 Jahren in seiner Wahlheimat Kaisborstel bei Itzehoe gestorben. Kunert gilt als einer der produktivsten deutschen Schriftsteller, seine Werkliste ist ellenlang. Früh gefördert in der DDR, ausgezeichnet mit wichtigen Preisen, kam er nach zwei Gastdozenturen im Westen auf den Geschmack. Er nutzte die Ausbürgerung von Biermann, um sich zum Dissidenten zu machen, flog folgerichtig aus der SED und ging 1979 in die BRD. Geschrieben hat er Gedichte, Kurzgeschichten, Hörspiele und Romane, lieferbar ist noch einiges, lesen muss man nichts davon. In der BRD, der kleinen wie der später größeren, räumte er noch jede Menge Preise ab, Höhepunkt für ihn sicherlich das „Große Bundesverdienstkreuz mit Stern“. Zuletzt erschien im Wallstein Verlag ein alter Text, den Kunert angeblich fast 45 Jahren unter Verschluss hielt, er sei den DDR-Oberen nicht zumutbar gewesen. „Die zweite Frau“ erschien im Frühjahr 2019 und macht eher den Eindruck eines müden Alterswerks.

Wenig Erhellendes
Die große Tutanchamun-Ausstellung in Paris ist am Sonntag mit einem neuen Besucherrekord zu Ende gegangen. 1,42 Millionen Menschen besuchten nach Angaben der Veranstalter die Ausstellung im Kulturzentrum Grande Halle de La Villette im Nordosten der Hauptstadt. Zu sehen waren die wertvollen Pharaonenschätze, das Grab nebst vielen Beigaben wurde Opfer von Raubkunst hauptsächlich britischer Archäologen nach 1922. Der Herrscher kam als Kind auf den Thron, unter dem Einfluss der Priesterkaste ging es wieder zurück zu den vielen Göttern, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Echnaton, der nur noch einen Gott über den Menschen sah. Davon war in Paris natürlich nicht die Rede, lieber berauschte man sich an den Goldmasken oder schauderte vor so mancher Grabbeigabe, so vor zwei mumifizierten Föten, die im Grab lagen. Ab November wird die Schau mit mehr als 150 Schätzen aus dem Grab des berühmten ägyptischen Königs in London gezeigt. Ob das nach einem „No-Deal Brexit“ so einfach gehen wird? Denn dann werden jede Menge Bestimmungen gelten, die es bisher nicht gab.

Gutes Video
Ein Rap-Video mit dem Titel „Susamam“ – „Ich kann nicht schweigen“ – hat am Wochenende in der Türkei eingeschlagen wie eine Bombe. In weniger als drei Tagen wurde der Clip rund 13,3 Millionen Mal auf Youtube angeschaut. „Susamam“ ist das Werk von 18 Rap-Musikern unter Leitung des Sängers Saniser. Jeder Künstler erhielt ein Thema, zu dem er einen Text schrieb und ein kurzes Video produzierte, Saniser fügte das insgesamt 15 Minuten lange Stück zusammen und veröffentlichte es in der Nacht zum Freitag, leider noch keine Übersetzung ins Englische oder Deutsche. „Susamam“ spricht Dinge an, über die in der Türkei öffentlich geschwiegen wird. In einer besonders bitteren Szene, die in einer Gefängniszelle spielt, rappt Saniser über die Verantwortung der Türken für die Zustände im Land. „Du hast den Mund nicht aufgemacht – also bist du schuld“, heißt es in der Passage. „Die Gerechtigkeit ist tot, doch ich habe geschwiegen, weil ich nicht betroffen war. Jetzt lasse ich sogar von Twitter die Finger und habe Angst vor der Polizei meines Landes.“ Das Schweigen hat Folgen, warnt Saniser: „Wenn sie eines Nachts kommen und dich holen, dann wirst du keinen Journalisten finden, der darüber schreibt, denn sie sitzen alle im Knast.“ Die AKP reagiert prompt: Die Vorwürfe gehen über die Zusammenarbeit mit der CIA, dem Mossad, der Gülen-Bewegung und natürlich der PKK, damit wird es nicht genug sein.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 27. September 2019





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