Danke

Gebrauchte und gerauchte Tage in Dortmund
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 27. September 2019

Es zog uns noch einmal in den Stammbiergarten, bestes Wetterchen verhinderte einen Umzug in neue (Indoor-) Gefilde. Ich hatte den Platz neben U., dem Mann ohne Zähne gewählt, das war Fehler Nr. eins. Aber mein Platz neben der schönen M. war ja verbrannt. U. nuschelte mich das komplette Spiel voll, meistens doppelt, weil ich die jeweils erste Version nicht verstand. Gerne wiederholte er auch Dinge, die ich eine Sekunde vorher gesagt hatte. Bisher war mir nicht klar, dass er anscheinend auch halb taub war. Die schöne M. war so mega hektisch, dass sie mich beim ersten Tor glatt aus Versehen abklatschte, obwohl ich doch eigentlich gar nicht mehr existierte. Gartenbro A. und Geschichtsstudent J. gaben der Runde zumindest einen gewissen würdevollen Anstrich. Immerhin. Danke.
Fehler Nr. zwei war wohl, sich den Grottenkick überhaupt anzusehen. Ja, man konnte weder Dortmundern noch Frankfurtern den Kampf absprechen, nur mit Fußball hatte das ganze eher weniger zu tun. Fehlpässe en masse, technische Absurdichkeiten, die man selbst bei Lokomotive Lattendicht selten sehen würde und ein Mittelfeldgerangel wie im Kindergarten bei der wöchentlichen Wackelpuddingausgabe. Folgerichtig endete das Spiel, bei dem Dortmund etwas weniger schlecht war als Frankfurt, 2:2, eigentlich fast schon selbstredend durch ein Eingentor. Marco Reuss verbat sich hinterher gegenüber Reportern die Frage nach der Einstellung mit einem „Boah, das geht mir so auf die Eier mit eurer Mentalitäts-Scheiße“. Hätte er diese Aggressivität mal auf dem Platz gezeigt, wäre die Frage möglicherweise über gewesen. So aber war Reuss einer der Schlechtesten auf dem Feld. Warum Trainer Favre, die fleischgewordene Apathie, ihn auf dem Feld lies, weiß er alleine. Danke.
Und sonst? Gelsenkirchen gewann zum dritten Mal in Folge und kein Mensch weiß, wann die Bevölkerung dieser herzallerliebsten Stadt wieder nüchtern wird. Schalke auf Platz fünf? Vielleicht so Mitte der Woche dürften die ersten wieder arbeitsfähig sein, würde man mal vorsichtig vermuten. Leipzig und München gewannen wieder souverän, nicht schön das. Hertha gewann auch mal ein Spiel, gegen Paderborn, ok, aber immerhin. Freiburg glänzt mit Platz vier und Union Berlin gesellt sich so langsam zu den Loosern ans Ende der Tabelle. Apropos Looser: Union-Stürmer Sebastian Polter dürfte den kürzesten Arbeitstag aller Profis gehabt haben. Eingewechselt in der 61. Minute flog er genau 151 Sekunden (!) später mit glatt Rot vom Platz. Kann man mal so machen, wenn nicht richtig Bock auf Pöhlen hat.
Ich raste auf dem Rad nach Hause, Tschirner und Ulmen im neuen Weimar-Tatort standen noch auf meiner To-do-Liste. Ich hätte es auch fast pünktlich geschafft, aber ein Tatort-Bierchen wollte ich mir noch organisieren. So stand ich dann ganze 15 Minuten in meinem tamilischen Büdchen hinter einem völlig bekifften Teenie-Pärchen, das in dieser Reihenfolge gemischte Klümpchen („Aber keine Lakritze, die mögen wir nicht, hihi“), Schokolade, Chips, Eis und alle möglichen süßen Säfte („Und Mate, wir brauchen Mate, hihi“) benötigte, um ihren Abend vor Netflix oder was auch immer zu beenden. Die ersten zehn Minuten des Tatorts verpasste ich jedenfalls. Danke.


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