Politisch und therapeutisch

Vom Umgang mit Geflüchteten
Von Katharina Stahlmann
|    Ausgabe vom 11. Oktober 2019
 (Foto: Gabriele Senft)
(Foto: Gabriele Senft)

Neue Nachbarn – neue Freunde an unserem Tisch
Bilder von Gabriele Senft
„Meine Mutter war von 1981 bis 1984 Deutschlehrerin für eine Gruppe von Mosambikanern, die in einem landwirtschaftlichen Beruf ausgebildet wurden, ich durfte sie einige Male bei ihrer uns alle bereichernden Aufgabe begleiten. Oft waren ‚ihre Mossis‘ bei ihr zu Hause zu Besuch. Und auch in späteren Jahren riss der Kontakt nicht völlig ab. Das war gelebte Solidarität“.
Diese Jahre prägten Gabriele Senfts Grundhaltung als Antifaschistin, Friedensaktivistin und Internationalistin.
2012 gründete sie mit Berliner Fotografen die Gruppe „photographers in solidarity“. Diese unterstützte die aus verschiedenen Aufnahmelagern von Würzburg nach Berlin zu Fuß gekommenen Refugees in ihrem Kampf um Gerechtigkeit. Es gab gemeinsame Aktionen und Ausstellungen. Die hier gezeigten Fotografien sind in der Zeit seit 2012 entstanden.

Der Umgang mit Geflüchteten in unserem Land ist beschämend, wenn man das Verhalten staatlicher Behörden und Einrichtungen betrachtet. Unwürdige Prozeduren, die Lagerhaltung in „Ankerzentren“, die  Verweigerung, ein selbstbestimmtes Leben gestalten zu können, sind seit Jahren alltägliche Praxis. Dass viele der Geflüchteten unter schweren psychischen Verletzungen leiden, dass manche von ihnen unerträglich traumatisiert sind, wird vielfach ausgeblendet.
Katharina Stahlmann arbeitet in Berlin als Psychotherapeutin, sie hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen ein Buch herausgegeben unter dem Titel „Begegnungen mit Geflüchteten“. Sie sagt: „Meine Motivation ist politisch, meine Arbeit therapeutisch … Das Versagen staatlicher Verantwortung durch privates, zivilgesellschaftliches Engagement abzufangen, bedeutet ja ganz praktisch eine Übernahme dieser Verantwortung statt einer Kritik des Versagens.“ Wir dokumentieren hier Auszüge aus diesem Buch.

„Ein ungesicherter Aufenthaltsstatus stellt eine grundsätzliche Unsicherheit in der Lebensstruktur dar und verhindert Planbarkeit und Ausrichtung auf Zukunft. Solange sich das Nachdenken über und das Planen von Zukunft verbietet, weil man nicht weiß, wo und unter welchen Bedingungen Zukunft sein wird, solange das Träumen von einem ‚ganz normalen Leben in Deutschland‘ wegen der möglichen Enttäuschung emotional zu gefährlich erscheint, solange hat die Gegenwart als einzige Realität einen besonderen Stellenwert. Das wirkt sich auch auf die therapeutische Beziehung aus: Manchmal bin ich als Therapeutin punktuell äußerst wichtig oder sogar der zentrale Bezugspunkt. Aber das kann sich auch schnell ändern, und meine Rolle wird plötzlich sehr marginal, etwa wenn die Existenzsicherung in den Vordergrund tritt. Bei Illegalisierten ist das noch stärker, weil bei ihnen oft sogar der Schlafplatz instabil ist und selbst das fehlende Geld für das Busticket zum entscheidenden Faktor des Nicht-Erscheinens zur Therapiestunde werden kann. Es gibt also wenig langfristige Verbindlichkeit für einen ordentlich geplanten Therapieverlauf. Andererseits gibt es von Seiten der Klientinnen und Klienten eine große Bereitschaft und auch Fähigkeit, die gegenwärtige Sitzung für das jetzt aktuelle Thema wirklich zu nutzen … Allein schon die Bedingungen, unter den Geflüchtete in Deutschland für lange Zeit leben müssen, sind für viele eine Extrembelastung und oft auch retraumatisierend: Untergebracht auf sehr engem Raum mit vielen anderen, die auch alle große Angst haben, oftmals ohne Intimsphäre, ohne Geld, ohne Arbeitserlaubnis, das heißt auch: ohne Tagesstruktur, ohne etwas für die eigenen Ziele tun zu können, zu Passivität und Abhängigkeit verdammt, ohne zu wissen wie lange dieser Zustand dauert – meist Monate, oft Jahre – und ohne zu wissen, was am Ende stehen wird. Hängend im Nichts zwischen einer Vergangenheit mit viel Gewalt unterschiedlicher Art, die sie hinter sich gelassen haben, und einer Zukunft, die sie nicht beginnen dürfen … Und selbst wenn eine Asylablehnung und Abschiebung nicht in den Tod, sondern ‚nur‘ in eine schwere, entbehrungsreiche und ungewisse Zukunft führen sollte, so reaktiviert die Angst vor Abschiebung die Angst vor dem Tod und ist somit dieser gleichzusetzen …
Manchmal, aber eher untergeordnet, spielen kulturell geprägte Interpretationsmuster für seelische Leiden und ihre Heilung eine Rolle: Wer sich in Kamerun nicht nachvollziehbar verhält, scheinbar grundlos aggressiv wird und wirr redet, der ist wohl verhext worden. Wenn einem Menschen immer wieder viel Schlechtes widerfährt, dann würde man in Marokko wohl davon ausgehen, dass dies ein „Dschinn“ tut, der gegen ihn ist und ihn zerstören will. Wahlweise muss man dann entweder eine Beschwörung aus dem Volksglauben anwenden oder die Hand auf den Koran legen und Suren sprechen. Westliche Psychotherapie würde vielleicht im ersten Fall die Diagnose Schizophrenie vergeben und im zweiten von einem unbewussten Wiederholungsmuster ausgehen und entsprechende therapeutische Interventionen setzen. Nach meiner Erfahrung ist es nicht so schwierig, mit den Klientinnen und Klienten aus den jeweiligen Ländern zwischen unterschiedlichen kulturell geprägten mentalen Modellen hin und her zu ‚switchen‘ …
Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen Angst wegen einer realen Gefahr und Angst als Angststörung. Eine Frau aus der Mongolei kommt in die Praxis, weil sie neuerdings nachts mit Panikattacken aufwacht. Und auch auf der Straße habe sie immer wieder Angst vor anderen Menschen. Sie erzählt, dass das anfing, nachdem sie eine Weile in einem Abschiebegefängnis war. Sie war zu einem Termin in die Ausländerbehörde vorgeladen worden. Vor dem Gebäude fingen Polizisten in Zivil sie jedoch ab, nahmen sie fest und brachten sie in ein Abschiebegefängnis. Dort holte ein Anwalt sie nach einiger Zeit wieder raus. Aber nun habe sie diese Angst, unter der sie sehr leide. Auf der Straße müsse sie sich ständig umdrehen und nachts schrecke sie aus dem Schlaf hoch, habe Herzrasen und könne sich kaum beruhigen … Zentral ist die Unterscheidung zwischen beiden Aspekten der Angst: Die Ausländerbehörde ist wirklich ein Ort möglicher Gefährdung für die Klientin. Und ja, manchmal gibt es solche Scheintermine, wenn jemand abgeschoben werden soll und die Behörde fürchtet, derjenige könnte bei der Abholung an angegebener Adresse nicht anwesend sein. Da die Ausländerbehörde ganz real eine Gefährdung bedeuten kann, ist die Angst also dort sinnvoll, und es ist gut, sich soweit vor Behördenwillkür zu schützen, also etwa nicht alleine zu Terminen zu gehen und für Zeugen zu sorgen. Andereseits ist es aber auch wahr, dass nicht jeder Berliner ein Zivilpolizist ist. Nachdem der Klientin diese Unterscheidung klar wurde und sie erlebte, dass ich ihre Angst bezüglich der Ausländerbehörde weder bagatellisierte noch sie für paranoid halte, war sie offen dafür, Techniken zu erlernen, um mit den nächtlichen Panikattacken besser umgehen zu können.“

Katharina Stahlmann (Hrsg.) Begegnung mit Geflüchteten EHP Verlag Andreas Kohlhage, 2018 320 Seiten, 26,99 Euro Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch den Verlag.

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Bilder von Gabriele Senft
„Meine Mutter war von 1981 bis 1984 Deutschlehrerin für eine Gruppe von Mosambikanern, die in einem landwirtschaftlichen Beruf ausgebildet wurden, ich durfte sie einige Male bei ihrer uns alle bereichernden Aufgabe begleiten. Oft waren ‚ihre Mossis‘ bei ihr zu Hause zu Besuch. Und auch in späteren Jahren riss der Kontakt nicht völlig ab. Das war gelebte Solidarität“.
Diese Jahre prägten Gabriele Senfts Grundhaltung als Antifaschistin, Friedensaktivistin und Internationalistin.
2012 gründete sie mit Berliner Fotografen die Gruppe „photographers in solidarity“. Diese unterstützte die aus verschiedenen Aufnahmelagern von Würzburg nach Berlin zu Fuß gekommenen Refugees in ihrem Kampf um Gerechtigkeit. Es gab gemeinsame Aktionen und Ausstellungen. Die hier gezeigten Fotografien sind in der Zeit seit 2012 entstanden.


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Leserbrief zu Artikel »Politisch und therapeutisch«, UZ vom 11. Oktober 2019





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