Mordskarriere

Aus dem Elendsviertel in die Bundeswehr
Von Franz Anger
|    Ausgabe vom 11. Oktober 2019

Widmung von Nariman Hammouti-Reinke für den Autor

Widmung von Nariman Hammouti-Reinke für den Autor

Wenn man als muslimisches Kind marokkanischer Eltern in einem elenden Viertel von Hannover-Linden aufwachsen muss, dann kann die Erlernung des Kriegshandwerks bei der Bundeswehr durchaus eine Versuchung sein. Stärker wird die kriegshandwerkliche Versuchung dann, wenn man nach der selektiven Schulausbildung notgedrungen einen schlecht bezahlten Ekeljob in einem Callcenter zu verrichten hat. In dieser marktwirtschaftlichen Tristesse vermag das Anschauen eines heroischen Kriegspropagandafilms wie „Pearl Harbor“ zum Erweckungserlebnis zu werden: „Ich will was Großes tun, ich gehe zur Bundeswehr, ich werde Soldatin“, sagte sich die muslimische Arbeitertochter Nariman Hammouti Mitte 2001 im Kinosaal.
Nun – achtzehn Jahre später – sitzt sie als Leutnant zur See Nariman Hammouti-Reinke auf der Bühne des „Kulturkellers“ zu Neuss am Rhein, um aus ihrem „Plädoyer für die Bundeswehr“ vorzulesen. „Ich diene Deutschland“, so heißt ihr – von der Ghostwriterin Doris Mendlewitsch verfasstes – Rowohlt-Buch, in dem sie stolz verkündet: Für sie sei es „die höchste Form der Integration, dass ich in der Bundeswehr diene und bereit bin, für Deutschland zu sterben“. Diese mordsmäßige Integrationsleistung wird vom Neusser Publikum, das aus braunhäutigen Migranten(kindern) und weißhäutigen Eingeborenen besteht, begeistert beklatscht.
Nicht klatschen mag – unter einigen anderen – ein Zuhörer, der die Propagandasoldatin und ihre Fans darauf hinweist, dass die idealistische Phrase „für Deutschland zu sterben“ tatsächlich bedeute, als selbstloser Tor für die Profite der deutschen Marktwirtschaftsunternehmen zu töten und getötet zu werden. Denn in den gültigen „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ aus dem Jahr 2011 werde die Bundeswehr vom staatlichen Herrschaftspersonal dazu verpflichtet, die „deutschen Sicherheitsinteressen“ in aller Welt durchzusetzen. Durchsetzung „deutscher Sicherheitsinteressen“ heiße laut Kriegsministeriumsrichtlinien vor allem, „einen freien und ungehinderten Welthandel sowie den freien Zugang zur Hohen See und zu natürlichen Ressourcen zu ermöglichen“.
Während etliche Zuhörer diesen antiimperialistischen Einwänden applaudieren, erweist die deutsche Muslima sich als funktionstüchtige Söldnerin, indem sie forsch ihren Kadavergehorsam bekundet: „Wir als Bundeswehr treffen solche politischen Entscheidungen nicht, wir setzen sie bloß in die Tat um.“ Der politische Dienstherr kann also sehr zufrieden sein mit diesem soldatischen Musterexemplar der übereifrigen Integration in die deutsche Marktwirtschaftsdemokratie. Zumal deshalb, weil Nariman Hammouti-Reinke in einer Buchwidmung kess gelobt: „Immer als Frau Ihren (sic!) Mann stehen“ zu wollen.


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Leserbrief zu Artikel »Mordskarriere«, UZ vom 11. Oktober 2019





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