Eine verrückte Mixtur

Carl von Ossietzky „Zur Reichsgründungsfeier“
|    Ausgabe vom 11. Oktober 2019

Wir haben wieder einen Nationalfeiertag bekommen, von dem die Republik nichts weiß. Die Verfassungsfeiern wickeln sich Jahr für Jahr in dürrer Schematik ab, der 9. November ist für die Patrioten ein Tag der Schande. Jetzt haben die Offiziellen endlich etwas gefunden, das ihre Hemdbrüste wogen lässt (…).
Zurückgeblieben ist ein ins Elend geworfenes Volk, (…) das nicht mehr weiß, was es will, und dem nur ziemlich klar ist, dass es mit der demokratischen Republik nichts anfangen kann. Stünde die Vernunft höher im Preis, so müsste man wenigstens zugeben, dass die Republik von Weimar, so unzulänglich ihre Praxis auch gewesen sein mag, doch einen Willen zur Form aufweist, (…). Statt der politischen Freiheit, für die der Bürger vorher auf die Barrikade gegangen war, bekam er die geschäftliche Prosperität. Vielleicht ist das der Grund, weshalb der Bürger heute so inbrünstig die Reichsgründung feiert. Denn das war sein Reich; wenn ihm auch der Staat eine Kröte nach der andern zu schlucken gab, so verdiente er doch sein gutes Geld dabei, so regierte er zwar nicht im Lande, wohl aber im Geschäft, in der Fabrik, in der Familie. (…)
Warum aber die junge Generation diesen Kult der Vergangenheit mitmacht, das mag der Teufel wissen. (…) Den patriotischen Verehrern der Kasernenpflicht sei es gesagt: – wenn heute Zwanzigjährige wie früher alten Drillunteroffizieren ausgeliefert werden sollten, sie würden am ersten Tage alles in Klump schlagen. (…)
Aus alten Legenden und neuem Unsinn bereitete sich Deutschland eine neue verrückte Mixtur. (…) Niemals wieder wird es eine einheitliche deutsche Nation geben. Wenn einmal der große Schlusskampf zwischen Kapital und Arbeit ausgefochten wird, dann werden zwar die Grenzsteine wieder wanken, aber dann werden Klassen gegeneinanderstehen und nicht mehr Nationen.
Sie mögen ihr Reich feiern, die Fragmente der ehemaligen Herrenkaste, die Militärs, die hohe Bureaukratie, die Besitzer von Geld, Land und Menschen. Die Republik hat damit nichts zu tun. Die Republik nennt diese amtliche Feierei Verrat an ihrem Geist.

Es gibt nichts zu feiern am 3. Oktober? Doch. Am 3. Oktober 1889, also vor 130 Jahren, wurde Carl von Ossietzky geboren: Journalist, Aktivist der Deutschen Friedensgesellschaft und Friedensnobelpreisträger. Ossietzky konnte, als er 1931 „Zur Reichsgründungsfeier“ schrieb, nicht wissen, dass das wiedervereinigte Deutschland die Reichsgründungsfeier genau auf seinen Geburtstag legen und diese Feier zu seinem 130. in Kiel begehen würde. Ralf Cüppers

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