Die Große Depression

Im Oktober 1929 setzte die bisher größte ökonomische Krise des Kapitalismus ein
Von Lucas Zeise
|    Ausgabe vom 18. Oktober 2019

Die Große Depression ist ein treffender Ausdruck in den USA für das, was im Deutschen „die Weltwirtschaftskrise“ heißt. Sie bezeichnet jene Periode, die mit dem Crash am New-Yorker Aktienmarkt vor 90 Jahren, im Oktober 1929, beginnt und, grob gesagt, mit dem Zweiten Weltkrieg endet. Depression ist deshalb treffender, weil das Wort die lange Dauer des Elends gut wiedergibt. Krise ist eher ein dramatischer Moment, der in den Abgrund oder in die Erholung führt. Die Krise ist im Kapitalismus eine bekannte und immer wiederkehrende Erscheinung. Auch die, um die es hier geht, ist eine dieser wiederkehrenden Krisen. „Weltwirtschaftskrise“ ist aber angesichts ihrer Wucht und Dauer, angesichts des resultierenden Elends und ihrer historischen Bedeutung ein harmlos-nüchterner Ausdruck, fast eine Untertreibung. Dass es sich um die Krise des Kapitalismus schlechthin handelte, darüber waren sich die Menschen, die sie einigermaßen wach durchlebten, auf beiden Seiten der Klassenschranke einig. „Wenn wir keine drastischen Maßnahmen zu seiner Rettung ergreifen, wird das kapitalistische System in der zivilisierten Welt binnen eines Jahres zerstört sein“, schrieb der Governor der Bank von England, Montagu Norman, im Sommer 1931 an

Menschenauflauf an der Wall Street kurz nach dem Schwarzen Donnerstag, Oktober 1929

Menschenauflauf an der Wall Street kurz nach dem Schwarzen Donnerstag, Oktober 1929

( public domain)

Clément Moret, seinem Gegenpart bei der Banque de France.
Zwei Jahre nach dem Krach an der Wall Street war die Produktion in fast allen kapitalistischen Ländern eingebrochen, in den zunächst am stärksten betroffenen Ländern USA und Deutschland um 40 Prozent. Die industriellen Abnehmerpreise waren um 25 Prozent gesunken. Die Preise für Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte zum Teil noch stärker. Die Zahl der Arbeitslosen war angeschwollen, auf 8 Millionen in den USA, auf 5 Millionen in Deutschland und 2,5 Millionen in Britannien. Die Autofabrik Ford hatte von 128000 Arbeitern und Arbeiterinnen im Frühjahr 1929 nur noch 37 000 behalten. Die schlimmsten sozialen Folgen kamen erst noch. Die Depression war erst am Anfang. Der sich selbst verstärkende Moment aus Rückgang der Investitionen, Pleiten, Entlassungen und weiterem Rückgang der Nachfrage hielt an. Die Überproduktion vertiefte sich.
Überproduktionskrisen setzen klassisch (etwa bei Marx in Kapital, Band I) mit steigenden Löhnen ein. Höhere Löhne drücken die erwartete Profitrate der Kapitalisten, weshalb sie weniger oder gar nicht neu investieren. Ein Crash an der Aktienbörse wie im Oktober 1929 ist ein anderer Auslöser. Die Spekulanten verlieren Geld, eigenes und geliehenes. Die Gläubiger wollen ihr Geld zurück. Kredit, den es vorher reichlich gab, wird knapp oder er versiegt ganz, auch für solide industrielle Unternehmungen. Die Spekulationswelle, die den US-Aktienmarkt 1927 bis 1929 in die Höhe trieb, wurde damals schon im Anstieg als ungeheuerlich empfunden – der Absturz ebenso. Im Vergleich zu heute sieht es allerdings wie ein Kinderspiel aus. Das in der Finanzspekulation tätige Kapital ist heute, gemessen an dem in der Produktion ausbeutend tätige Kapital, ungeheuer viel größer geworden. Die Spekulation in diesen Jahrzehnten ist nicht wie damals weitgehend auf den Aktienmarkt und nur auf das größte kapitalistische Land, die USA, beschränkt, sondern erfasst Kredite, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe, Kunstwerke, für Werbung nutzbare Informationen, Nichtigkeiten wie Pseudowährungen (Bitcoins) und überhaupt alles, was haltbar ist und einen Preis hat, der steigen kann.

„Kostenlose Suppe, Kaffee und Donuts“ für die Arbeitslosen. Diese Suppenküche wurde 1931 von Al Capone in Chicago gegründet.

„Kostenlose Suppe, Kaffee und Donuts“ für die Arbeitslosen. Diese Suppenküche wurde 1931 von Al Capone in Chicago gegründet.

( public domain)

Weil die Hyperspekulation und der Crash an der Wall Street ein lokales Ereignis war, waren andere Länder außerhalb der USA zunächst wenig davon berührt. Man hoffte sogar in London, Paris und Berlin, dass der Sog des schnellen Geldes aus Europa mit dem Ende des Hyperbooms in New York nachlassen würde. Auch in den USA selbst waren die Banken zunächst relativ wenig betroffen. „Nur“ die schlechte wirtschaftliche Lage im Land führte dazu, dass bis Oktober 1930 hunderte kleiner Institute geschlossen worden. Erst im Dezember 1930 wurde die New-Yorker „Bank of United States“, ein Institut für nicht-kapitalistische Kundschaft, dichtgemacht, wobei sie ihren Einlegern 200 Millionen Dollar Schulden hinterließ. Im Mai 1931 fiel die bei weitem größte Bank Österreichs, die Creditanstalt um. Drei Monate später löste die Pleite der drittgrößten deutschen Bank, der Danatbank, einen Ansturm auf die Banken in Deutschland aus. Die Großgläubiger in der City von London waren in Gefahr. Damit erst war die Krise auch zur weltweiten Finanzkrise geworden.
Das damalige Finanzsystem hatte einen entscheidenden Mangel, den das heutige auch hat. Es war sperrangelweit offen für jegliche Geld- und Kapitalbewegungen. Im Laufe der „goldenen“ zwanziger Jahre war Deutschland trotz der Reparationszahlungen zum Anlageobjekt vor allen US-amerikanischer Finanzkapitalisten geworden. Die Aussicht auf hohe Gewinne an der Wall Street stoppte diese Bewegung und kehrte sie sogar um. Als dann der Crash da war, holten die US-Banken und Großanleger ihr auf dem europäischen Kontinent angelegtes kurzfristiges Geld zurück. Zum Übel der Freiheit des Kapitalverkehrs kam damals das Übel des „Goldstandards“, der heute wenigstens nicht mehr gilt. Danach war jede Währung zu einem festen Satz an das Gold gekoppelt. Die Leistungsbilanz aller Länder spiegelte sich im Ab- oder Zufluss der bei den Notenbanken verwalteten nationalen Goldreserven. Schlimmer war, dass die spekulativen Geld- und Kapitalbewegungen, deren Umfang meist größer war als die Zahlungsströme netto aus Handel und Dienstleistungen, sich ungebremst in den Goldbeständen niederschlugen. Auch große Länder wie Deutschland und Britannien waren somit den Moden und Launen des Finanzkapitals ausgeliefert. Wenn ein Land kein Gold mehr hatte, konnten keine Schulden mehr bezahlt werden. Das Land war pleite, es sei denn, es hätte neue Kreditgeber gefunden. Ein solches Land wie Deutschland wurde ausgepresst, ganz ähnlich wie 2011 ff. Griechenland.
Die brutal agierende Wirtschaftskrise führte überall zu einem Aufschwung der Klassenkämpfe. Die herrschende Klasse war nur in Sowjetrussland entmachtet, wo gleichzeitig eine rasante Entwicklung der Industrie ihren Anfang nahm. Die herrschenden Klassen im Westen herrschten zwar noch, waren aber offensichtlich ratlos, wie die von ihnen produzierte Krise zu überwinden sei. Der klassische Ausweg aus der Überproduktionskrise, der Wiederanstieg der Profitraten dank der Entwertung von Kapital und Arbeitskraft funktionierte nicht mehr. Die deutschen Kapitalisten haben bekanntlich den Ausweg in terroristischer Herrschaft und Raubkrieg gefunden. In den USA produzierten die intensiven Klassenkämpfe über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren einen veränderten Kompromiss der Klassen. Er wurde politisch von der Präsidentschaft Franklin Roosevelts und dem von ihm propagierten New Deal ab 1933 eingeleitet. Der Staat der bei weitem immer noch stärksten Volkswirtschaft der Welt wurde gestärkt, die vorher unumschränkte Herrschaft des Finanzkapitals etwas eingeschränkt. Der New Deal reichte aber nicht aus, um die Depression zu beenden. Er hat zwar die Zahl der Arbeitslosen in den USA vom Höhepunkt von 13 auf 9 Millionen reduziert, konstatiert Howard Zinn in seiner „A People‘s History of the United States“, aber erst der beginnende große Krieg und die Aufrüstung hat den kapitalistischen Wiederaufschwung gebracht. 


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Leserbrief zu Artikel »Die Große Depression«, UZ vom 18. Oktober 2019





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