Lehren aus dem Streik

Rückblick und Ausblick auf die Tarifrunde Metall
Von Christa Hourani
|    Ausgabe vom Dossier-Seiten

Die Metall-Tarifrunde ist beendet. Ein politischer Rückblick mit etwas Abstand zum Tarifgeschehen ist angebracht. Was sind die wichtigsten Erfahrungen und Ergebnisse?
Das Thema Arbeitszeitverkürzung ging quer durch alle Medien und war breit in der gesellschaftlichen Debatte vertreten – und überwiegend auch zustimmend. Das Metallkapital hat viele Zugeständnisse gemacht, aber bei dem Thema Arbeitszeit sind sie bockelhart geblieben. Da hätte es noch eine ordentliche Schippe gebraucht, um mehr zu erreichen.
Die Forderung taugte dazu nur schwerlich, ging es doch um individuelle Ansprüche mit Teillohnausgleich. Die Erfahrung aus dem 84er-Streik für die 35-Stunden-Woche lehrt, dass es einer kollektiven Forderung bedarf und nachhaltigen Streiks, um hier Erfolge zu verbuchen. Dies gehört langfristig vorbereitet, muss von mehreren Einzelgewerkschaften auf die Tagesordnung gesetzt werden und braucht Bündnispartner.
Auch wenn das Ergebnis bei diesem Thema keinen Erfolg brachte, können wir an der gesellschaftlichen Debatte ansetzen. Das müssen wir auch, wenn wir Erfolge erreichen wollen und echte Arbeitszeitverkürzungen mit Lohn- und Personalausgleich in zukünftigen Tarifrunden durchsetzen möchten.
Eine Million Warnstreikende und eine halbe Million in Ganztagesstreiks in Tausenden Betrieben – das war schon eine Wucht. Lange ist es her, dass eine so breite Streikbewegung auf die Beine gestellt wurde. Trotz der großen Anstrengungen jammerte niemand. Alle berichten immer wieder über die geilen Streikaktionen, die tolle Stimmung, den großen Spaß, den sie hatten. Alle sind stolz, ihren Anteil beigetragen zu haben. Die jungen betrieblichen Funktionäre, die all dies noch nie erlebt haben, sind immer noch erfüllt von dem tollen Gefühl, die Fabrik zum Stehen gebracht zu haben, von der erlebten Zusammengehörigkeit.
In Diskussionen sind die Aktionen oft weit wichtiger als der Abschluss selbst. Das zeigt, wie tief diese Streikerfahrungen wirken. Positiv auch, dass wesentlich mehr Angestellte teilgenommen haben als in den vergangenen Tarifrunden. Die Zeit war einfach mehr als reif und der Druck aus den Betrieben groß genug, um die Gewerkschaftsführung zu diesem Schritt zu drängen.
Die abwieglerischen Argumente, die in vielen Tarifrunden zu hören waren, „Die KollegInnen sind nicht streikbereit“, „Wir haben zu wenige Streikbetriebe“, „Viel mehr hätten wir auch mit Streik nicht durchsetzen können“… sind jetzt erst mal obsolet. Die Tarifrunde hat anderes gelehrt.
Der Abschluss ist ein hochkomplexes Werk. Er beinhaltet Positives wie Negatives. Vom Volumen her wird wenig gemeckert. Die zwei Nullmonate und 100 Euro für März werden eher negativ gesehen, die 4,3 Prozent positiv. Das tarifliche Zusatzentgelt von 27,5 Prozent und 400 Euro tarifdynamischer Festbetrag wird ebenso positiv gesehen, auch dass es mit dem Festbetrag eine soziale Komponente gibt, wenn auch nur eine kleine. Jüngere Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter finden die Wahloption von acht zusätzlichen freien Tagen sehr geil, auch weil sie jährlich beantragt werden kann, solange in Schicht gearbeitet wird. Verhaltener die Freude bei denen, die wegen Kindererziehung oder Pflege acht freie Tage wählen können, ist es doch sehr eingeschränkt, pro Kind bzw. pro Pflegefall kann die Wahloption nur zwei Mal in Anspruch genommen werden und bei Kindern ist die Altersgrenze mit acht Jahren doch sehr niedrig angesetzt. Und Teilzeitbeschäftigte sind besonders enttäuscht, sie können die Wahloption freie Tage nicht in Anspruch nehmen. Aber für alle, die die freien Tage in Anspruch nehmen, gilt: Sie sind selbst bezahlt, das Zusatzentgelt entfällt und damit die Lohnerhöhung für 2019. Die schlimmste Kröte des Abschlusses ist die Öffnung der Arbeitszeit nach oben.


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