Zu Gunnar Deckers „Zwischen den Zeiten“

Ein ostdeutscher Emanzipationsprozess

Aus der Fülle des nach 1990 „voreilig Begrabenen“ aus der Zeit seit 1970 – darunter auch Zukunft, wenn man sie nur denkt, aber nicht hat – erinnert Gunnar Decker, erfolgreicher Autor mehrerer Biografien, einiges und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. Sie passen zu Untersuchungen, die seit einiger Zeit vorliegen, unter anderem Gerd Dietrichs „Kulturgeschichte der DDR“ in drei Bänden und Dietrich Löfflers „Buch und Lesen in der DDR“. Gunnar Decker hat umfangreich Material gesichtet und mit Erfahrungen und Erinnerungen verknüpft. Ein beeindruckendes Buch ist entstanden, dessen Prolog und letzte Abschnitte Bilder von Beginn und Ergebnis der Konterrevolution, Eindrücke von den zerstörerischen Folgen für die Gesellschaft, aber auch für Schriftsteller und Künstler vermitteln, deren Nachwirkungen spürbar sind. Decker beschreibt, wie schnell der „Augenblick gelebter Freiheit“ und die „Utopie eines demokratischen Sozialismus“ zu Ende waren und zu den vom „globalisierenden Kapitalismus“ gekappten „Entwicklungslinien“ denkbarer Veränderungen gehörten. Er beschreibt exemplarisch, wie während des Prozesses das „Genie“ Dieter Schulze hofiert wird, sich aber als arbeitsscheu, als Dieb und „anmaßend auftrumpfender halber Analphabet“ erweist, der „die große anarchistische Attitüde“ durch „die kleinkriminelle Praxis“ ergänzt und seine Helfer Franz Fühmann und Heiner Müller betrügt und denunziert. Ein symptomatisches Beispiel und Satyrspiel zur Tragödie.

Bruchstücke der Biografie des 1965 geborenen Verfassers – daraus folgten Zufälligkeiten bei den Beispielen – verbinden sich mit Beispielen aus Kulturpolitik, aus Büchern von Erwin Strittmatters „Wundertäter III“ über Christa Wolfs „Was bleibt“ bis zur Nietzsche-Rezeption in der DDR und zu literarischen Traditionen, zu Kunstwerken Wolfgang Mattheuers und Filmen, vielen sowjetischen, aber auch von der DEFA – bei einigen fehlen die Autoren (Bredel, Anna Jürgen, das ist Pseudonym von Anna Müller-Tannewitz). Sowjetische Literatur und Literatur der DDR werden ähnlich behandelt, Armin Stolpers erfolgreiche Dramatisierungen sowjetischer Literatur bleiben ungenannt. Ergänzt wird die Zusammenstellung durch Anmerkungen zur Wirtschaft, zur unterschiedlich berechneten Verschuldung der DDR – zahlungsunfähig war sie nicht und die Pro-Kopf-Schulden ihrer Bürger waren ein Drittel so hoch wie die der BRD-Bürger. Märchen, die „Bürgerrechtler“ als wahr bezeichnen, werden durch Sachverhalte widerlegt: Decker nennt die „Umverteilungsmaschine von gigantischen Ausmaßen“, die die Treuhand in Gang setzte, um das Volkseigentum vom Volke weg zu verteilen. Das ist spannend, die subjektiven Erfahrungen haben objektive Sachverhalte zur Ursache, die offiziell nicht angesprochen werden dürfen, weil sie der Meinungsherrschaft im geeinten Deutschland widersprechen, die aus der DDR kaum Erhaltenswertes zulässt. Das galt auch für die bis 1989 als Oppositionelle gepriesenen Schriftsteller und Künstler, die nach 1990 zu verachteten Staatskünstlern wurden.

Auch nach Decker hat mit der Ausweisung Biermanns 1976, den auch er für ein „Großmaul“, einen „Politclown“ und anderes mehr hält, der Untergang der DDR begonnen; er beruft sich auf überschaubare Kreise in Berlin,unter der Führung Hermlins, Heyms und Krugs, die sich für Biermann engagierten, nach Korrektur verlangten und ultimativ fordernd wurden. Bedeutende Autoren waren darunter. Aber das war ein Teil der Schriftsteller und er stammte fast nur aus Berlin. Die Schriftsteller in den Bezirken nahmen an den Ereignissen weniger Anteil; dort meldeten allenfalls einzelne Protest an. Hacks’ Zustimmung zur Ausweisung Biermanns war nicht so beiläufig und isoliert, wie es bei Decker erscheint, sondern fand Zustimmung. Strittmatter, kein Freund Biermanns, sah 99 Prozent der Genossen unter den Schriftstellern der Ausbürgerung zustimmen, wenn auch nicht alle unbedingt ehrlich waren, sondern möglicherweise feige.

Decker spürte im literarischen Prozess der DDR die Macht des Mythos, sieht, wie Fühmann und Christa Wolf ihm nachgingen und als „,ein Abenteuer eigener Art‘“ begriffen, sieht aber nicht den dort reflektierten Abriss der DDR-Geschichte. Er weist auf Christa Wolfs „Kassandra“ hin, ohne weiterweisende Zusammenhänge zu erkennen. Der Komplex gehört zu dem außergewöhnlichen Vorgang, dass die Geschichte des Landes sich in einer Abfolge von Bildern antiker und mythologischer Gestalten niederschlug, von Odysseus, dem in die Heimat zurückkehrenden Vertriebenen, über Prome­theus und Herakles, die Hoffenden und Tätigen, bis zu Sisyphos und Ikarus, die Leidenden und Stürzenden – Hunderte literarische und bildnerische Beispiele gibt es zu diesem Themenkomplex, wissenschaftliche Untersuchungen waren von Rüdiger Bernhardt (1978) und Volker Riedel (1982) vorhanden und bei Lesern begehrt, denn hier wurde die Geschichte der DDR in ihrer Widersprüchlichkeit, aber mit dem entsprechenden historischen Anspruch lange vor 1989 erkennbar. Es waren nicht zuerst Fühmann und Wolf, die die Beschäftigung mit dem Mythos als „Neuansatz“ verwendeten, sondern Seghers, Fürnberg, Arendt, Becher, Brecht und andere, die den Anspruch an Zukunft seit Kriegsende am Mythos zu messen versuchten und dabei blieben; die mythischen Leitbilder änderten sich, auch ihre.

Bei der Detailfülle sind Fehler kaum zu vermeiden, manches ist belanglos. Stefan Heym war nach 1965 nicht „quasi verboten“, es erschienen danach unter anderem die Romane „Lassalle“, „Der König David Bericht“, der schöne Band „Erzählungen“. Camus und Sar­tre seien in den achtziger Jahren in der DDR erschienen, meine Ausgabe von Camus‘ „Pest“ stammt von 1965, Sartres „Dramen“ von 1967. Die Zensoren hätten Besprechungen von Alfred Wellms Roman „Morisco“ untersagt, aber in literarischen Zeitschriften wie „NDL“, „Sinn und Form“ und anderen wurde er umfangreich rezensiert, in den „Weimarer Beiträgen“ 1988, Heft 6, sogar eine Für-und-Wider-Diskussion geführt und vieles mehr.

Trotz seiner Lücken, Mängel und Fehler ist das Buch ein aufrichtiger Versuch, bevorzugt gegründet auf Beispiele aus Literatur und Kunst, den komplexen, frühzeitig beginnenden „Emanzipationsprozess“ in der DDR und ihre Erneuerung betreffend herauszuarbeiten und die „Delegitimierung von Persönlichkeiten“ der DDR, die vom Westen zuvor als Oppositionelle und Dissidenten gelobt wurden, nach 1990 zu dokumentieren.

Gunnar Decker
Zwischen den Zeiten
Die späten Jahre der DDR
Aufbau-Verlag Berlin 2020,
432 Seiten., 28,- Euro

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Ein ostdeutscher Emanzipationsprozess", UZ vom 4. Dezember 2020



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