Gerns war Arbeiter, Intellektueller und Revolutionär

Einer unserer wichtigsten Lehrer

Willi Gerns ist tot. Er prägte, wie kaum ein anderer, zusammen mit seinem Freund Robert Steigerwald die programmatische Arbeit und Strategieentwicklung der DKP seit 1968 und war auch am Versuch der Veröffentlichung des letzten Programmentwurfs der 1956 verbotenen KPD beteiligt. Bei der Veröffentlichung dieses Entwurfs demonstrierte die Staatsmacht der BRD, dass sie eine legale KPD nicht zulassen würde. Der Entwurf wurde beschlagnahmt, die Mitglieder der KPD, die ihn der Öffentlichkeit vorstellen wollten, verhaftet.

Für die illegal wirkenden Kommunistinnen und Kommunisten war damit klar, ein legales Eingreifen in die damals aufflammenden Arbeiterkämpfe, die Studenten- und Jugendbewegung erforderte einen anderen Weg. Es kam zur Neukonstituierung der DKP und Willi war von Anfang an Sekretär des Parteivorstands, verantwortlich für marxistische Theorie und Bildung. Er arbeitete bereits am ersten programmatischen Dokument, der Grundsatzerklärung, als Leiter der Programmkommission mit.

Willi war bis 1990 für die ideologische Arbeit, Programm- und Strategieentwicklung der DKP verantwortlich und arbeitete führend am Programm von 2006 mit. Ein Kernthema für ihn und Robert Steigerwald war dabei die Heranführung an die proletarische Revolution, die Frage der Übergänge und das Finden einer revolutionären Strategie für den hochentwickelten Imperialismus.

Das war theoretisch nicht einfach und praktisch erst recht nicht, denn der Platz der Kommunisten in der BRD musste an der Seite der DDR und der Sowjetunion sein. Das aber war für die herrschende Klasse der BRD, für rechte und linke Opportunisten, kein Kavaliersdelikt und Willi der „Chefideologe“ ihres schlimmsten Feindes, der kommunistischen Partei.

Willi musste erleben, wie sich im Sog von Gorbatschow in der kommunistischen Bewegung der BRD eine reformistische Strömung herausbildete. Er musste die Konterrevolution in Europa erleben und erkannte deren Charakter sehr früh. Sehr schnell erkannte er, dass diese Konterrevolution zwar das Kräfteverhältnis tiefgehend verändert, die Notwendigkeit der revolutionären Überwindung des Kapitalismus aber keineswegs beseitigt hatte.

Gramsci prägte den Ausdruck vom „organischen Intellektuellen“. Er meinte damit, hervorgebracht durch und hervorgegangen aus der Arbeiterklasse und Teil von ihr geblieben – das galt für Willi bis zu seinem Tod. Ich hatte vor wenigen Tagen mit ihm telefoniert und er erzählte, dass er am darauffolgenden Freitag an einer Kundgebung des Bremer Friedensforums teilnehmen werde. Er nahm teil, ein Genosse aus Bremen schickte mir Fotos.

Die DKP hat Willi Gerns ungeheuer viel zu verdanken. Nicht nur sie. Wer den Kapitalismus überwinden will, wer dabei weder im Elfenbeinturm sitzen noch im Reformismus enden will, wird sich mit den Gedanken, Erkenntnissen, dem Kampf von Willi Gerns befassen und daraus lernen müssen. Für uns war Willi ein Lehrer, solidarisch, hilfsbereit, nie unkritisch – unersetzlich.

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"Einer unserer wichtigsten Lehrer", UZ vom 5. Februar 2021



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