China feiert den Sieg im Krieg gegen Japan

Erinnern und umdeuten

Von Olaf Matthes

Am 2. September 1945 hatte das faschistische Japan auch offiziell kapituliert. In dieser Woche, am 3. September feiert China den 70. Jahrestag dieses Sieges. Präsident Xi Jinping unterzeichnete zu diesem Anlass eine Amnestie, mit der insbesondere inhaftierte Veteranen des Krieges gegen Japan, aber auch jugendliche Strafgefangene begnadigt werden – voraussichtlich einige Tausend Gefangene werden davon betroffen sein.

Erstmals findet zum Jahrestag des Sieges eine Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Friedens statt. Unter anderem, so die Nachrichtenagentur Xinhua, soll bei dieser Parade ein neuer, in China entwickelter Langstreckenbomber präsentiert werden. Neben Soldaten der Volksbefreiungsarmee und Truppen aus 17 weiteren Staaten werden auch Veteranen des Krieges gegen Japan an der Parade teilnehmen.

China war der wichtigste Schauplatz des 2. Weltkrieges in Asien. Das Gedenken und die Berichterstattung zum 70. Jahrestag stellt diese Tatsache in den Mittelpunkt: Sie betonen die Bedeutung des chinesischen Kriegsschauplatzes und heben den Beitrag des chinesischen Volkes zum weltweiten antifaschistischen Krieg hervor.

Die westliche Presse deutet die Militärparade vor allem als Machtdemonstration gegen Japan und stellt sie in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Konflikt um die Diaoyu- bzw. Senkaku-Inseln. Die chinesische Presse dagegen erinnert nicht nur an die Verbrechen, die die japanischen Aggressoren in China begangen haben, sondern benennt auch, dass Japan mit der Tradition des Militarismus nie konsequent gebrochen hat – und sie stellt die aktuelle Rechtsentwicklung in der japanischen Politik in diesen Zusammenhang. Der japanische Premierminister Abe wird nicht an den Feierlichkeiten in Peking teilnehmen.

Japan hat sich nie von seiner militaristischen Vergangenheit gelöst. In der vorherrschenden Wahrnehmung in China gibt es dazu ein positives Gegenbild: Deutschland. Zhang Haipeng, Historiker bei der Akademie für Sozialwissenschaften, bringt diese Wahrnehmung auf den Punkt: Es gebe heute zwei unterschiedliche Haltungen zu den Ergebnissen des 2. Weltkrieges. Im Gegensatz zu Japan habe „Deutschland mit dem Faschismus radikal gebrochen und ein neues Deutschland errichtet“. Dieses neue Deutschland habe seine Vergangenheit gründlich reflektiert – im Gegensatz zu Japan, das sich bis heute nur halbherzig für die Verbrechen des japanischen Militarismus entschuldigt hat.

An der Militärparade am 3. September werden nicht nur Veteranen der Armeen teilnehmen, die unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gegen die japanischen Angreifer kämpften. Auch ehemalige Angehörige der Regierungstruppen der Guomindang (GMD) sollen in der Parade mitfahren. Darin drückt sich eine Umdeutung der Geschichte des Widerstandskrieges aus: Die Führung der GMD unter Tschiang Kai-shek hatte sich nur unter Druck der Front gegen die japanische Aggression angeschlossen und nicht einmal für die Dauer des Krieges auf antikommunistische Angriffe verzichtet. Die KPCh hatte dagegen, um alle Kräfte Chinas gegen die Aggression zu mobilisieren, bereits während des Krieges gegen Japan in den von ihr kontrollierten Gebieten weitreichende Veränderungen im Interesse besonders der armen Bauern durchgeführt und für demokratische Reformen im ganzen Land gekämpft. Dadurch war es ihr gelungen, die Volksmassen für den nationalen Befreiungskrieg zu mobilisieren und eine entsprechende militärische Strategie des Volkskrieges zu verwirklichen. Mit dieser Politik, die Führung im Befreiungskrieg nicht den herrschenden Klassen zu überlassen, legte sie die Grundlage für den Sieg im folgenden Bürgerkrieg gegen die GMD und den Aufbau des neuen, sozialistischen Chinas. Dieser Gegensatz zwischen GMD und KPCh erscheint in den aktuellen Darstellungen nicht als Gegensatz von Klassenkräften, sondern nur als Unterschied zwischen dem regulären Kriegsschauplatz und dem Krieg, den die kommunistisch geführten Truppen hinter den feindlichen Linien geführt hatten. Damit sendet die chinesische Regierung auch ein Signal an das von der GMD regierte Taiwan. In der staatlichen „China Daily“ findet der niederländische Sinologe und Militärhistoriker van de Ven deshalb die „inklusive Natur des Gedenkens“ „bemerkenswert“, eine Hongkonger Zeitung lobt diese „positivere Einschätzung“ der Rolle der GMD.

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"Erinnern und umdeuten", UZ vom 4. September 2015



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