Zustimmung und Ablehnung zum Einmarsch in die CSSR

Gefahr für den Sozialismus in Europa

Von Nina Hager

1968 war ich Schülerin an der „Käthe-Kollwitz-EOS“ in Berlin-Prenzlauer Berg. Ein Jahr später machte ich mein Abi. Gleichzeitig spielte ich in jenen Jahren aktiv Handball. Mitte August waren wir im Trainingslager in Freyburg an der Unstrut, heute Zentrum des Weinanbaugebietes Saale-Unstrut, schon damals aber bekannt durch seine „Rotkäppchen“-Sektkellerei und durch den „Turnvater“ Jahn, der dort von 1829 – 36 gelebt hatte. Am 21. oder 22. August bat uns unser Trainer nach der Mittagsruhe außerplanmäßig in einen Klassenraum der alten Schule, in der wir damals übernachteten. Wir zwängte uns in die Schulbänke. Doch es ging nicht – wie sonst – um „Teambuilding“ oder Handballtaktik.

An diesem Tag erfuhren wir, dass Truppen des Warschauer Vertrages in die CSSR einmarschiert waren. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass groß diskutiert wurde oder irgendjemand von uns sonderlich überrascht war. Umso mehr wurde dann aber anderthalb Wochen später zu Schuljahresbeginn in meiner Klasse diskutiert. Wieso, warum war das geschehen? Ich weiß noch, dass wir an unserem ersten Schultag in der Werkstatt waren. Wir gehörten zu jenen Jahrgängen, die neben ihrem Abitur eine Berufsausbildung machten. In der Mittagspause verfassten wir sogar eine Resolution, in der wir den Einmarsch als notwendig begrüßten. Es waren wohl meine Argumente, die überzeugten und die Fakten, die ich nennen konnte. Aber auch andere, meist Kinder von Genossinnen und Genossen, sahen das so.

Heute würde ich – natürlich mit weitaus mehr Wissen über objektive wie subjektive Ursachen und Zusammenhänge, aber auch mit den Erfahrungen vor 1989, wie eine Partei, die sich als führend sieht, Zustimmung und Rückhalt immer mehr verspielt – die damaligen Vorgänge viel differenzierter einschätzen. Und vieles, was ich damals sagte, war bestimmt naiv, auch wenn ich aufgrund der vielen Diskussionen mit meinem Vater und dank ihm ausgerüstet mit wesentlich mehr Informationen über die Reaktionen und Aktionen von Politik, Medien und Militär im Westen zumindest einige meiner Mitschülerinnen und Mitschüler in der Klasse wohl überzeugte. Über die inneren Ursachen der Entwicklung in unserem Nachbarland wussten wir wenig. Doch die Gefahr – ökonomisch, politisch wie militärstrategisch –, die für das ganze sozialistische Lager entstanden wäre, wenn die CSSR, eines der wirtschaftlich fortgeschrittensten Länder in diesem Verbund, ausgeschieden wäre, war wohl nicht nur uns bewusst.

Später habe ich dann junge Leue kennengelernt, die nach dem 21. August Flugblätter gegen den Einmarsch verteilt hatten, dafür von der Schule flogen bzw. sich erst mal in der Produktion „bewähren“ mussten. Das empfand ich als ungerecht. Man muss doch mit denen, die nicht auf des Gegners Seite sind, diskutieren, sie aufklären und damit überzeugen, war meine damals wohl etwas naive Überzeugung. Doch das Vorgehen gegen diese jungen Leute bei uns war auch politisch falsch, hat sicherlich bei manchen dazu geführt, sich entweder völlig anzupassen oder auf Dauer in die Opposition zu gehen, vielleicht auch auf des Gegners Seite.

Was aber war mit den vielen anderen im Land? Darunter waren sicher viele, die sich auch einen besseren Sozialismus, Veränderungen – so eine bessere Versorgung, bessere Wohnungen, mehr Offenheit in der Diskussion, mehr Mitspracherechte – wünschten. Nicht wenige sahen die Ereignisse in der CSSR wohl auch mit Sympathie und Hoffnung und erlebten den 21. August als großen Rückschritt. Allerdings war die DDR damals in einer anderen Situation als unser Nachbarland: Die Schließung der Grenze nach Westberlin und zur BRD am 13. August 1961 hatte die Lage stabilisiert. Die Versorgung verbesserte sich. Die Führung der SED hatte vor allem frühzeitig erkannt, dass Wirtschaftsreformen nötig waren – der Übergang von der extensiv zur intensiv erweiterten Reproduktion, eine Modernisierung der Planungs- und Leitungsmethoden usw. – und selbst damit begonnen. Mit einer breit in der Bevölkerung diskutierten Bildungsreform erhielt das Bildungswesen eine neue, einheitlichere Grundlage. Im Frühjahr 1968 gab es eine Volksabstimmung über die neue sozialistische Verfassung der DDR und zuvor auch eine Aussprache, die zu vielen Vorschlägen führte. Eine Hochschulreform wurde begonnen und die Studentinnen und Studenten waren aufgerufen, sich kräftig einzumischen.

Doch die Wirtschaftsreformen wurden nach zunehmenden Disproportionen in der Volkswirtschaft der DDR, aber auch auf Drängen der Führung der KPdSU abgebrochen. Vieles an bisherigen und neuen demokratischen Erfahrungen mit breiten Debatten wurde nicht ausgebaut bzw. weitergeführt. Fehler im Umgang mit Kritikern schufen in der Folge neues Misstrauen, ja Ablehnung. Die ökonomische Situation der DDR verschlechterte sich. Aber offiziell wurden Erfolge deklariert. Die SED verlor vor allem in den 80er Jahren immer mehr – nicht nur unter der Jugend – an Zustimmung.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Gefahr für den Sozialismus in Europa", UZ vom 17. August 2018



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