Kochkollektiv versorgte ukrainische Flüchtlinge in Rumänien und München

Helfen statt Aufrüsten

Der Strom von Flüchtlingen aus der Ukraine hat eine Welle der Solidarität ausgelöst. UZ sprach mit Moritz Greil von der „Volxküche München“. Das Kochkollektiv half auch schon in München während der „Flüchtlingswelle“ 2015.

UZ: Ihr wart zusammen mit der Initiative „Knoblauchfahne“ in Rumänien und habt Geflüchtete bekocht. Wie war die Situation in Rumänien?

Moritz Greil: Insgesamt kann man sagen, die Situation war angespannt. Als wir am 5. April an der Grenze zwischen Rumänien und Ungarn ankamen, standen dort schon etwa 2.000 Geflüchtete und haben auf ihren Einlass nach Ungarn gewartet. Das Rote Kreuz stand in Satu Mare, einer sehr abgelegenen Grenzstadt, mit einem kleinen Zelt da und hat ein paar Hilfsgüter verteilt, alles sehr spärlich, ein bisschen Tee, mal kam wer aus der Gastro und lieferte 20 Essen ab. 20 Essen für 2.000 Menschen, das ist natürlich nichts. Wir haben mit dem Roten Kreuz gesprochen und uns als Küche angeboten, die wollten natürlich unser Küchen-Equipment sehen. Die örtliche Leiterin des Roten Kreuzes ließ den Veterinärmediziner aus dem Ort holen und der hat erst mal kurz leuchtende Augen bekommen. So starke Kocher haben sie dort vor Ort nicht und wollten uns die Küche zuerst komplett abkaufen. Wir wollten aber selbst helfen, unterstützen und ihnen unser System zeigen, damit sie es kennenlernen und selber weiter betreiben können. Als alles geregelt und Details besprochen waren, hat man uns relativ schnell und unkompliziert einen Standort in einem Altenheim zugewiesen, wo wir unser Lager aufbauen und kochen konnten. Dann kam erst die richtige Welle, am Ende mit mehr als 5.000 Geflüchteten pro Tag. Wir haben insgesamt 14 Tage dort gekocht und über 14.000 Essen und hektoliterweise Tee ausgegeben.

Am Ende unserer Zeit in Satu Mare kamen „nur noch“ 200 Flüchtlinge pro Tag. Da haben wir überlegt, noch näher an die Grenze zur Ukraine zu ziehen, aber dort waren die Organisationen gut ausgestattet, zum Beispiel von den Maltesern.

UZ: Konntet ihr den Rumänen vor Ort weiterhelfen? Du hattest ja erzählt, dass sie ganz begeistert waren.

Moritz Greil: Man muss erst mal sagen, dass Rumäninnen und Rumänen uns geholfen haben. Zum Beispiel sind täglich sieben oder acht Pflegerinnen aus dem Altenheim gekommen und haben uns für zwei, drei Stunden beim Schnippeln geholfen. Sie waren richtig motiviert und wollten den Geflüchteten helfen. Für das Rote Kreuz haben wir dann noch verschiedene Materialien dort gelassen, damit sie eigenständig weitermachen können.

UZ: Als ihr zurück in München wart, habt ihr hier weitergemacht.

Moritz Greil: Ja, bereits bevor die Küche aus Rumänien zurück war, haben wir angefangen im Lokal „Import/Export“ in München zu kochen. Wir wurden von der örtlichen IG-Metall-Geschäftsstelle informiert, dass Menschen sich vor dem „Amt für Wohnen und Migration“ schon ab zwei Uhr nachts bis 18 Uhr abends die Beine in den Bauch stehen ohne irgendeine Verpflegung. Das sind Menschen, die schon in Notunterkünften untergebracht sind, aber noch eine amtliche Meldung für eine Wohnung oder eine Arbeitserlaubnis brauchen. Zu Beginn waren die Ämter überfordert, weil – wie die Sozialreferentin in einem Interview sagte – die Anzahl der Antragstellerinnen und -steller von 100 in einer Woche auf über 900 pro Tag hochgegangen ist. Wir haben dann circa 400 bis 500 Portionen Essen pro Tag gekocht und ausgegeben und für eine andere Initiative Teekocher aufgebaut, die dann Chai und Kaffee gemacht haben.

Relativ zügig haben wir dann auch in Absprache mit der Stadt Notunterkünfte bekocht – nicht um irgendwelche Caterer rauszudrängen und Leute um ihren Job zu bringen, sondern nur dort, wo gerade akut Not bestand. Das schwankte zwischen 400 und 1.200 Essen pro Tag. Ich denke, jeder Mensch hat das Recht auf warmes und leckeres Essen. Das alles hätten wir nie ohne die Beteiligung von vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern geschafft!

UZ: Wie sieht es jetzt aus?

Moritz Greil: Am 27. März mussten wir aus dem „Import/Export“ raus, weil der Regelbetrieb mit dem Fall der Corona-Regeln wieder angefangen hatte. Zudem hatte die Stadt dank uns genügend Zeit, selber etwas auf die Beine zu stellen, und es gab keinen Grund mehr, dass die Verantwortlichen sich ausruhen können, nur weil hier eine ehrenamtliche Küche steht. Falls sich die Situation wieder zuspitzt sind wir natürlich jederzeit wieder bereit zu kochen.

Seitdem fahren wir regelmäßig Hilfsgütertransporte an die polnisch-ukrainische Grenze und nehmen Menschen auf der Rückfahrt mit. In Absprache mit den Verantwortlichen vor Ort liefern wir von der Powerbank über Dosenessen bis zur Babynahrung und Hygieneartikel alles, was dringend benötigt wird – aber vor allem Wasser, das anscheinend massiv fehlt. Seit heute haben wir Kontakt zu einem ehemaligen Kloster in der Ukraine ganz nahe der Grenze, dass nun Unterkunft für 1.000 Geflüchtete ist. Ich denke, wir werden uns wohl darauf konzentrieren.

UZ: Ihr habt schon 2015 für die Geflüchteten gekocht. Gibt es Unterschiede zu damals?

Moritz Greil: Ja, die gibt es auf jeden Fall. 2015 haben auch viele Menschen geholfen, aber es gab auch einen Aufschrei, es sei kein Platz hier und so weiter. 2022 war die Hilfsbereitschaft noch größer, weil Menschen, die damals geschrien haben, jetzt nicht mehr schreien beziehungsweise selbst geholfen haben. Als Küchenkollektiv gehen wir davon aus, dass das mehrere Gründe hat. Zum einen kommen überwiegend weiße mitteleuropäische Menschen, zum anderen kommen vorwiegend Frauen und Kinder und keine Männer, die tausende Kilometer Flucht hinter sich haben.

Es gibt heute auch viel mehr Geld. Wir nehmen für unsere Arbeit kein Geld. Die Spendenbereitschaft war riesig und die Stadt hat die Materialkosten für die Essen in München übernommen. 2015 dauerte es ewig, bis wir vom Technischen Hilfswerk eine Gulaschkanone bekamen, einfach weil kein Geld da war, um sie wieder flott zu machen.

2015 wurde, meines Wissens nach, die EU-Asylverordnung „Dublin-II“ ausgesetzt, heute auch. Heute haben aber ukrainische Geflüchtete Privilegien gegenüber anderen Geflüchteten. Das macht einen großen Unterschied. Gilt aber nicht für alle Ukrainerinnen und Ukrainer. Wir haben zahlreiche Berichte von ukrainischen nichtweißen Menschen gehört, in denen es um Misshandlungen, Willkür und noch schlimmeres geht.

UZ: Du hast erwähnt, dass ihr rein ehrenamtlich Flüchtlinge versorgt. Was meinst du, warum kommen die Staaten ihren nach internationalen Verträgen bindenden Verpflichtungen nicht nach?

Moritz Greil: Im Vergleich zu 2015 läuft schon einiges besser. Für mich stellt sich die Frage, wie viel Geld im öffentlichen Haushalt ist und wie es verteilt wird. Momentan wird das Geld halt so verteilt, dass das meiste für die Aufrüstung ausgegeben wird, um eine Art Drohkulisse aufzubauen wie im Kalten Krieg. Es wäre besser und sinnvoller, wenn das Geld in humanitäre Hilfe gesteckt würde, damit wir Menschen helfen können, anstatt sie zu Kanonenfutter zu machen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Helfen statt Aufrüsten", UZ vom 22. April 2022



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