Wie staatstragende Medien notwendige Diskussionen unmöglich machen

Hervorheben und ausblenden

Nachdem der Krieg in der Ukraine begonnen hatte, war es plötzlich klar, dass Waffenlieferungen in Kriegsgebiete Frieden schaffen und nicht Konflikte erst richtig anheizen. Dieser Tabubruch deutscher Außenpolitik wurde von einer Mehrheit der Bevölkerung gebilligt – auch dank einer Dauerbeschallung durch öffentlich-rechtliche und private Medienunternehmen. Dabei setzen die Nachrichtenmacher sogenanntes Framing ein. Darüber, was das ist und wie es funktioniert, sprach UZ mit Sabine Schiffer, Professorin an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Frankfurt am Main und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Berlin.

UZ: Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling definiert Framing knapp als „seinen eigenen Blickwinkel auf die Welt kommunizieren“. Also etwas, was zum Beispiel in einer Diskussion jeder macht. Wann wird Framing problematisch?

Sabine Schiffer: Erst einmal muss man feststellen, man kann nicht nicht-framen. Wir verwenden eine gewachsene Sprache mit bestimmten Bedeutungen. Wenn man einen Sachverhalt beschreiben möchte, dann muss man sich für ein Wort entscheiden. Wenn man ein anderes Wort nimmt, ergibt das schon eine andere Perspektive auf den Sachverhalt. Daneben gibt es ein ganz bewusstes und strategisches Framing, mit dem versucht wird, auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen. Eine genaue Grenze zu ziehen zwischen den verschiedenen Framing-Prozessen ist sehr schwer.

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Prof. Dr. Sabine Schiffer

UZ: Wie kann ein Laie strategisches Framing erkennen und wie sollte man damit umgehen?

Sabine Schiffer: Laien – oder wir alle – erkennen ganz leicht, wenn Begriffe als Schimpfwörter oder Stigmawörter verwendet werden. Der Begriff „Ökodiktatur“ ist so ein Versuch, eine Debatte darüber unmöglich zu machen, warum wir unsere Erde nicht so ausbeuten können, als hätten wir drei davon. Ein anderes Beispiel, woran man gut sieht, wie das alle mittragen, auch wenn sie davon politisch nicht profitieren, wäre der Hambacher Forst. Die Besetzer des Hambacher Waldes haben den Begriff auch für das Stückchen Wald verwendet, welches sie schützen wollten. Der Begriff Forst kommt aus der Forstwirtschaft und meint eine Waldfläche, die zur Abholzung bestimmt ist.

Unbewusst vertauschen wir auch die Begriffe Arbeitgeber und Arbeitnehmer, eigentlich gibt der Arbeiter seine Arbeit und der Unternehmer nimmt sie. Aber wenn man mit Menschen über ein Thema reden will, zum Beispiel über die Arbeitgeberbeteiligung an der Krankenversicherung, dann muss man Begriffe verwenden, die – wenn auch falsch – allgemein verständlich sind.

UZ: Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt in ihrer Erklärung zu Verschwörungstheorien: „Verschwörungstheoretiker und Verschwörungstheoretikerinnen fragen: Wem hat etwas genützt?“ Waren also Marx und Lenin Verschwörungstheoretiker? Oder wie kann heute kritisches Denken noch funktionieren?

Sabine Schiffer: Das ist jetzt eine originelle und gar keine schlechte Frage, weil Menschen, die die Grundprinzipien unserer Wirtschaft infrage stellen, vor eben diesem Problem stehen. Es gibt ja nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten westlichen Welt das Missverständnis, Demokratie und Kapitalismus ineinszusetzen, obwohl zum Beispiel unser Grundgesetz in der Frage eigentlich neutral ist. Aber es ist in den 1930er Jahren einem amerikanischen PR-Genie namens Edward Bernays gelungen, Demokratie mit Konsum und der Idee von Freiheit zu verknüpfen. Danach handelt der Verfassungsschutz heute. Wer wirtschaftspolitische Dinge infrage stellt, steht gleich im Verdacht, den Staat systemisch angreifen zu wollen.

Dann gibt es Labels wie „Verschwörungstheoretiker“, ähnlich wie andere Stigmawörter, um Menschen zu diskreditieren und keinen Unterschied zuzulassen zwischen denjenigen, die hinsichtlich eines bestimmten Themas indifferent sind und denjenigen, die überlegen, wie können wir die Zusammenhänge im globalen Kontext verstehen – welche Unternehmen, welche Stiftungen, welche Thinktanks, welche Leute arbeiten daran. Zum Beispiel wird jetzt unter dem Label „Unabhängigkeit von russischem Öl und Gas“ auf alte Energietechnologien gesetzt und nicht auf die lange verschobene Energiewende. Es wäre eigentlich die Aufgabe der Medien, solche Dinge aufzudecken, sprich: Welche Lobbytätigkeit steckt dabei jeweils dahinter? Das muss nicht immer gleich eine Verschwörung sein, aber so etwas gab und gibt es natürlich auch und das sind nicht nur Theorien.

UZ: Welche Rolle spielt da das Wording, also die Verwendung bestimmter Begriffe?

Sabine Schiffer: Ein aktuelles Beispiel wären die sozialen Proteste, die die Herrschenden für den Herbst befürchten. Jetzt baut man in einer Art Vor-Framing ein Szenario auf, in dem – wer auch immer in Zukunft protestieren sollte – die Beteiligten von vornherein als rechts oder rechtspopulistisch eingeschätzt werden. Ein ganz bestimmter Deutungsrahmen wird gesetzt, was auch den diesen Setzenden erleichtert, ihre Meinungen und Vorhaben zu legitimieren. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es natürlich auch Übernahmestrategien von rechts gibt, die wir genauso wenig zulassen dürfen.
Der amerikanische Linguist George Lakoff nennt die Auswirkungen dieser Deutungsrahmen „Highlighting in Hiding“ (übersetzt: Hervorheben im Ausblenden – UZ). Highlighting bedeutet, dass Dinge in diesem Rahmen benannt werden und so Aufmerksamkeit auf sie gezogen wird. Diese bestätigen wiederum den gesetzten Rahmen. Hiding ist dazu das Gegenstück – bestimmte Dinge und Inhalte werden ausgegrenzt, versteckt und verschwiegen. So wird der Blick des Betrachters abgelenkt und bestimmte Bilder werden kreiert. Das passiert oft als selbststeuernder Prozess, da wir alle sozusagen Scheren im Kopf haben – und Journalisten bilden da keine Ausnahme. Hiergegen hilft nur Bewusstmachung dieser Mechanismen.

UZ: 2014 haben Sie zusammen mit Ronald Thoden das Buch „Ukraine im Visier – Russlands Nachbar als Zielscheibe geostrategischer Interessen“ im Sel­brund Verlag herausgegeben. Wie hat sich das Framing in der deutschen Medienlandschaft seitdem verändert?

Sabine Schiffer: Überhaupt nicht. Wir sind selber ganz erschüttert und erleben gerade auch einen Boom beim Verkauf dieses Buches. 2014 hatten wir es als Ergänzung zur vorherrschenden Medienberichterstattung geschrieben – um nicht nur russische Interessen zu benennen, sondern auch westliche und den Fokus auf das EU-Assoziierungsabkommen und die NATO-Strategien zu lenken. Im Grunde haben wir das gemacht, was später der ARD-Programmbeirat von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gefordert hat nach der kritischen Diagnose, die ARD habe es in ihren prominenten Nachrichtenformaten versäumt, die westlichen Interessen darzustellen. Zu erwähnen wäre in dem Zusammenhang, dass dies bis heute nicht nachgebessert wurde. So kursieren über diese Zeit immer noch Mythen durch die Medien – etwa, dass der Konflikt in der Ukraine mit der „Annexion der Krim“ begonnen hätte.

UZ: Die Medien verwenden immer wieder Sprachbilder aus dem Kalten Krieg. Funktionieren die heute noch?

Sabine Schiffer: Die Sprachbilder aus dem Kalten Krieg, darunter das gute alte antrainierte Feindbild Russland, sind natürlich propagandistisch hilfreich. Derartige einmal eingeübte Framings sind immer wieder und jederzeit reaktivierbar. Man kann es sich jetzt vielleicht nicht vorstellen, aber wir würden das auch mit Frankreich wieder hinkriegen, wenn daran nur lange genug gearbeitet würde. Gesetzte Frames verengen den Blick auf das Ganze. Wir erleben heute eine solche Verengung des Diskurses beispielsweise hinsichtlich der Definition von Waffenlieferungen als Ausdruck von Solidarität – und das ist brandgefährlich. Michel Foucault wies darauf hin, dass Diskurse sehr viel mit Macht zu tun haben. Wer die Diskurse dominiert, der bestimmt, was passiert.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Hervorheben und ausblenden", UZ vom 26. August 2022



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