Zu: Leserbrief „Fehlinformationen zur App“, UZ vom 19. Juli

Klassenschranke

Stephan Edel, per E-Mail

Die App ist als „Open Source“ veröffentlicht, das heißt, jeder kann den Programmtext im Internet einsehen und (Fachwissen vorausgesetzt) die Funktionsweise nachvollziehen. Einen Mangel an Transparenz sehe ich hier nicht. Auch der Gedanke, mit Hilfe der App potenziell Erkrankte zu informieren und so möglicherweise eine Quarantäne ganzer Regionen zu vermeiden, scheint mir nicht grundsätzlich schlecht. Eine kommunistische Kritik sollte stattdessen dort ansetzen, wo auch die findigsten, um Datenschutz besorgten App-Entwickler und Chaos-Hacker einen blinden Fleck haben: an den Klassenaspekten der Corona-Epidemie.

Denn keine App wird etwas daran ändern, dass Menschen in prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen einem besonderen Krankheitsrisiko ausgesetzt und obendrein von den Folgen besonders gefährdet sind. Eher wird sich diese Ungleichheit weiter vertiefen, denn um sich die App zu installieren, braucht es neben einem modernen Smartphone auch erst mal Kenntnis des Mediendiskurses; beides ist bei den Betroffenen nicht unbedingt gegeben. Während die digital Vernetzten mit der App also ein Mittel in die Hand kriegen, sich und ihre Kreise Corona-frei zu halten, ist denen, die die analoge Drecksarbeit machen, damit wenig geholfen. Ein treffendes Beispiel dafür, wie sich die dezentrale Kybernetik im Kapitalismus abmüht, alles zum Besten zu regeln, und davon überzeugt ist, alles, was sie tut, sei offen und für alle – um dann doch wieder über die „unsichtbare“ Klassenschranke zu stolpern.

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"Klassenschranke", UZ vom 17. Juli 2020



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