Syrien, Ukraine und ein russischer Hitler

Kriegswichtige Lügen

Von Klaus Wagener

Am 10. Oktober 1990 berichtete die damals 15-jährige „Nayirah“ vor dem Menschenrechtskommitee des US-Senats von Tränenausbrüchen unterbrochen von den Gräueltaten einer irakischen Soldateska. Sie habe als Hilfskrankenschwester die Ermordung hilfloser Babys mitansehen müssen. Die Babys seien aus ihren Brutkästen heraus gerissen worden und man habe sie auf dem Boden sterben lassen. Ihr Statement ist bei „youtube“ nachzusehen.

„Nayirah“ war sehr überzeugend. Die internationalen Großmedien und auch Amnesty International vermarkteten die Geschichte weltweit. In der psychologischen Kriegsvorbereitung der damaligen Bush-Administration war damit eine Art „Heartbreaker“ gefunden. Bekanntlich war die Geschichte eine Lüge. Erfunden zum Preis von 10 Millonen Dollar von der in diesen Dingen „erfahrenen“ PR-Agentur Hill & Knowlton Strategies und vorgetragen von der Tochter des kuweitischen Botschafters in den USA, al Sabah. Die Wirkung solcherart Kriegsführung besteht in ihrem Extremismus. Die Lüge muss nicht nur, wie Goebbels meinte „oft genug wiederholt“ werden, sie hat auch so drastisch zu sein, dass niemand öffentlich an ihrer Möglichkeit zweifeln mag.

Seit dem 30. September letzten Jahres greift die Russische Luftwaffe in den Krieg um Syrien, bzw. im weiteren Sinne um die Neuordnung des „Greater Middle East“ bezeichneten globalstrategisch zentralen Großraums ein. Spätestens seit 2007, als der russische Präsident auf der Münchener „Sicherheitskonferenz“ klargemacht hat, dass er keine Veranlassung sieht, die devot-einfältige Verbeugung seines Vorgängers vor dem US-Anspruch einer „monopolaren Weltordnung“ zu wiederholen, ist die Russische Föderation zum primären Kriegsgegner und Wladimir Putin zum aktuellen Hitler aufgestiegen. Das russische Eingreifen in Syrien steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem US-gesponsorten „prowestlichen“ Putsch in der Ukraine und dem damit verbundenen Vorrücken der Nato bis vor die Haustür von „Stalingrad“. Dies machte von Russland in Bezug auf die Krim und den Nahen Osten dringend eine Art strategischer Sicherungs- und Schadenbegrenzungsreaktion erforderlich.

Der russische Syrien-Einsatz verlief zumindest so erfolgreich, dass sich der CIA offensichtlich zu einem „Plan B“ genötigt sah und mit Unterstützung der saudi-arabischen und katarischen Verbündeten, analog zur „Operation Cyclone“ in Afghanistan, die Versorgung der „moderaten Rebellen“ mit hochmodernem Gerät, darunter hunderte TOW Surface-Air-Missiles (SAM) und Anti-Tank-Raketen sicher stellte. Trotz der damit verbundenen Bedrohung und einigen Hubschrauberverlusten, reichte die Luftunterstützung für die Regierungstruppen soweit, beispielsweise die Landverbindung nach Aleppo wieder freizukämpfen. Die schon seit der Antike strategisch wichtige, zweitgrößte Stadt Syriens steht, trotz der massiven Verstärkungen für die Jihadisten vor einer vollständigen Rückeroberung durch die Regierungstruppen. Das könnte zu einem Waterloo der US-, Türkei- und Saudi-Arabien-gesponsorten „Rebellentruppen“ werden und damit zu einem empfindlichen Problem für die strategischen Planungen des Westens für diese Region. Die syrischen Regierungstruppen haben Aussicht, mit russischer Luftunterstützung die Herrschaft über die zentral-wichtigen Regionen des Landes zurückzuerobern. Darüber hinaus scheint, nach dem Erdogan-Besuch in Moskau, eine Neuorientierung der türkischen Politik denkbar, welche für den westlichen Rückraum, die Finanzen und die Logistik der „Rebellen“ eine herbe Schwächung bedeuten könnte. Eine Lage also, in der entschlossenes Handeln der Washingtoner Falken angesagt zu sein scheint.

Dieses aggressive Vorgehen bedarf (s. o.) der propagandistisch-psychologischen Einbettung. Die Bewusstseinsmaschinen zur jeweiligen Hitlerproduktion laufen ja seit rund 20 Jahren auf vollen Touren. Neben den marktschreierischen ehemaligen „Linken“ vom Schlage eines Daniel Cohn-Bendit oder Joseph Fischer kommen solche bellizistischen Allzweckwaffen wie der kameraversessene Vertreter der Nouvelle Philosophie, Bernhard-Henry Levy, zum Einsatz. Besondere Bedeutung haben aber die scheinbar sachverständig-neutralen, real aber längst in die einträgliche menschenrechtsimperialistische Bewusstseinsindustrie integrierten „NGOs“. Pünktlich lieferte also auch Amnesty International die medial verwertbare Schlagzeile ab: „Schwere Folter und 18 000 Tote in Syriens Gefängnissen“ (FAZ) Die Quelle: „Aussagen von 65 früheren Häftlingen in syrischen Gefängnissen“. In der letzten Woche gingen Bilder und Videos eines umgehend „Aleppo Boy“ getauften Jungen um die Welt. Das Bildmaterial stammt von der Pro-Rebellengruppe „Aleppo Media Center“.

Möglich, dass die Bilder tatsächlich authentisch sind und der Junge aus Aleppo stammt und dort verwundet wurde. Dort herrscht Krieg und dort werden viele Kinder verwundet und getötet. Der Angriffskrieg gilt nicht umsonst als das schwerste Verbrechen. Bilder dieser Art und noch viel brutalere hätte man hunderttausendfach bei den US-Kriegen in Irak und wohl millionenfach in Südostasien machen können. Das Bild der neunjährigen Kim Phúc, die nackt und schwerverletzt aus einem US-Napalmangriff flieht, enthält Wahrheit, weil es die Kausalität der US-Aggression für das Sterben von Millionen ikonographisch dokumentiert. Das Bild des verletzten Jungen dagegen transportiert die kriegswichtige Lüge, der „Blutsäufer Assad“ bombardiere sein eigenes Volk und der Hitler Putin helfe ihm dabei. Das Bild ist Teil der westlichen Kriegspropaganda.

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"Kriegswichtige Lügen", UZ vom 26. August 2016



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