Kultursplitter

Doppelspiel

Neuer Präsident des Deutschen Bühnenvereins ist Carsten Brosda, ein SPD-Politiker, der hauptamtlich als Hamburger Kultursenator fungiert. Was den Verband zu dieser Wahl bewog, bleibt unklar, bisher war der Bühnenverein als Ansprechpartner der Theater und Orchester in Deutschland bekannt, sollte also als Lobby für die Einrichtungen gegenüber den politisch Verantwortlichen in den Bundesländern und den Kommunen agieren. Jetzt wird also der Bock zum Gärtner gemacht, denn wie soll ein Kultursenator, der sich für Sparmaßnahmen, für Einschränkungen und ähnliche „Freundlichkeiten“ in Hamburg einsetzt, nun gleichzeitig als Lobbyist tätig sein. Aber ein solcher Spagat ist solchen Figuren zuzutrauen, denn schließlich wird Kulturpolitik nur als Instrument der herrschenden Klasse gesehen, um Missliebiges, Störendes und radikal Kritisches zu unterbinden. In der Hansestadt, in der die „Pfeffersäcke“ immer noch den Ton angeben, war und ist Brosda ein gefälliger Helfer, dass er die Interessen aller Theater und Orchester im Land tatkräftig befördert, darf bezweifelt werden.

Würdigung

Im hohen Alter von 93 Jahren ist Klaus Heinrich gestorben, einer der bekanntesten und wirkmächtigsten Religions- und Kulturwissenschaftler in Deutschland. Seit dem Ende der 1960er Jahre lehrte und forschte er an der FU Berlin, sein Vorlesungsspektrum ging weit über die klassischen Themen seines Faches hinaus: Er las über Philosophie, Mythologie, Psychoanalyse und Kunst. Er sprach frei in den Vorlesungen, aus den Mitschriften und Tonmitschnitten entstanden später die legendären „Dahlemer Vorlesungen“, seine Habilitationsschrift „Über die Schwierigkeiten ‚Nein‘ zu sagen“, wurde immer wieder neu aufgelegt. Es lohnt sich, das eine oder andere aus den „Vorlesungen“ zu lesen, Fülle und Breite des Vorgeführten und Erklärten können mehr als hilfreich sein, den Spannungen und Widersprüchen in der Gesellschaft und ihren ideologischen Fundamenten beizukommen.

Augen zu und durch

Sie sollen unbedingt stattfinden: Die Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) im kommenden Jahr sollen trotz der Corona-Pandemie und den dabei verordneten Beschränkungen „als physisch stattfindendes Festival“ durchgeführt werden.So äußerte sich das Leitungs-Duo der Berlinale, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian. Sie finden, dass „analoge Erlebnisräume in der Kultur“ nötig seien. Eine Erkenntnis, die sie nicht alleine haben, aber zu der Forderung, dass alle Kinos und Theater ihren Betrieb aufnehmen sollen, können sie sich nicht hinreißen. Schließlich geht es bei diesem Festival um ein Aushängeschild der Filmbranche und der Stadt Berlin, dafür wird immer viel Geld in die Hand genommen – es fehlt dann woanders. Der für das ökonomische „Weiter-so“ wichtige European Film Market wird aber als Mischform „analog-virtuell“, genannt „Hybrid-Modell“, geplant. Außerdem werden die Preise der Berlinale neu strukturiert. Die Schauspielerpreise sollen künftig nicht mehr nach Geschlechtern getrennt an eine „beste Darstellerin“ und einen „besten Darsteller“ gehen, sondern für die beste Haupt- und Nebenrolle vergeben werden. Die beiden verkündeten zudem das endgültige Aus für den nach dem Gründungsdirektor des Filmfestivals, Alfred Bauer, benannten Silbernen Bären. Die Auszeichnung war bereits in diesem Jahr ausgesetzt worden, nachdem Recherchen über die Rolle des späteren Berlinale-Gründungsleiters in der NS-Filmpolitik veröffentlicht worden waren. Statt des alten Preises soll es künftig neben dem Silbernen Bären als „Großen Preis der Jury“ auch einen „Preis der Jury“ geben, also wohl einen „kleineren“. Wofür der neue Preis stehen soll, ist noch nicht bekannt.

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Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

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"Kultursplitter", UZ vom 27. November 2020



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