Erinnerungen an Lenin • Von Clara Zetkin

Nicht viel, aber ein ungeheurer Fortschritt


Proletarische Diktatur und Befreiung der Frau –
Lenin zum 150, und zu 110 Jahre Internationaler Frauentag

Auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen wurde 1910 auf Vorschlag von Clara Zetkin beschlossen, jedes Jahr einen Frauentag zu veranstalten und ihm einen internationalen Charakter zu geben.
Aus diesem Anlass bringen wir Auszüge aus einem Text von Clara Zetkin „Erinnerungen an Lenin“ von 1925, die belegen, dass Lenin sich intensiv mit der Frauenfrage befasst hat, ihr eine große Bedeutung beigemessen und sich durchaus streitbar in die Diskussion eingebracht hat. Konni Lopau


Wir müssen unbedingt eine kräftige internationale Frauenbewegung schaffen, auf klarer theoretischer Grundlage – so leitete Lenin das Gespräch nach der Begrüßung ein. Ohne marxistische Theorie keine gute Praxis, das ist klar.

Ich war voller Enthusiasmus für das, was die russischen Frauen in der Revolution geleistet hatten und noch jetzt zu ihrer Verteidigung und Weiterentwicklung leisteten. Auch was die Stellung und Betätigung der Genossinnen in der Bolschewistischen Partei anbelangt, erschien diese mir als Musterpartei schlechthin. Sie allein schon brachte einer internationalen kommunistischen Frauenbewegung wertvolle, geschulte und erfahrene Kräfte und ein großes geschichtliches Beispiel dazu.

„Das ist richtig, das ist ganz gut und schön“, meinte Lenin. „In Petrograd, hier in Moskau, in Städten und Industriezentren draußen im Lande haben sich die Proletarierinnen in der Revolution prächtig gehalten. Ohne sie hätten wir nicht gesiegt. Oder auch kaum gesiegt. Wie tapfer waren sie, wie tapfer sind sie noch jetzt! Und sie halten aus, weil sie die Sowjets behaupten wollen, weil sie die Freiheit, den Kommunismus wollen. In der Partei haben wir zuverlässige, kluge und unermüdlich tätige Genossinnen. Manche arbeiten Tag und Nacht in der Partei oder unter den Massen der Proletarier, der Bauern, in der Roten Armee. Das ist für uns sehr viel wert. Es ist auch wichtig für die Frauen überall in der Welt. Die erste Diktatur des Proletariats ist wahre Bahnbrecherin für die volle soziale Gleichberechtigung der Frau. Sie rottet mehr Vorurteile aus als Bände frauenrechtlerischer Literatur. Aber mit alledem haben wir noch keine internationale kommunistische Frauenbewegung, und die müssen wir unbedingt haben. Wir müssen sofort daran gehen, sie zu schaffen. Ohne sie ist die Arbeit unserer Internationale und ihrer Parteien keine ganze Arbeit, wird nie ganze Arbeit sein. Erzählen Sie uns, wie es mit der kommunistischen Arbeit draußen steht.“

Ich berichtete darüber, so gut ich damals bei der noch sehr losen und unregelmäßigen Verbindung zwischen den Parteien unterrichtet sein konnte, die sich der Kommunistischen Internationale angeschlossen hatten.

Es war natürlich, dass ich besonders eingehend über den Stand der Dinge in Deutschland sprach. Ich erzählte Lenin, welch großes Gewicht Rosa Luxemburg darauf gelegt habe, dass wir die breitesten Frauenmassen für die revolutionären Kämpfe erfassten. Nach Gründung der Kommunistischen Partei drängte sie auf das Erscheinen eines Frauenblattes. Auf ihren ersten illegalen Konferenzen beschäftigte sich die Partei mit dieser Frage. Natürlich war alles noch Anfang, aber immerhin schon ein guter Anfang.

Nicht übel, gar nicht übel – sagte Lenin. Die Energie, Opferfreudigkeit und Begeisterung der Genossinnen, ihr Mut und ihre Klugheit in der Zeit der Illegalität und der Halblegalität eröffnen eine gute Perspektive auf die Entwicklung der Arbeit. Es sind wertvolle Momente für die Ausdehnung der Partei und ihrer Kraft, die Massen zu ergreifen und Aktionen durchzuführen. Aber wie steht es mit der grundsätzlichen Klarheit und Schulung der Genossinnen und der Genossen in der Frage? Wir und die Werktätigen der ganzen Welt haben wirklich noch große Dinge zu vollbringen. Also wofür begeistern sich eure Genossinnen, die proletarischen Frauen in Deutschland? Wie steht’s mit ihrem proletarischen Klassenbewusstsein, konzentrieren sie ihr Interesse, ihre Betätigung auf die politischen Forderungen der Stunde, was ist der Mittelpunkt ihrer Gedanken?

Über Sex und die Ehe
Mir wurde erzählt, dass eine begabte Kommunistin in Hamburg eine Zeitung für die Prostituierten herausgibt und diese für den revolutionären Kampf organisieren will. Sie sind bedauernswerte doppelte Opfer der bürgerlichen Gesellschaft. Erst ihrer verfluchten Eigentumsordnung und dann noch ihrer verfluchten moralischen Heuchelei. Das ist klar. Aber gibt es in Deutschland wirklich keine Industriearbeiterinnen mehr, die zu organisieren sind, für die es ein Blatt geben sollte, die zu euren Kämpfen herangezogen werden müssten?

Noch ehe ich antworten konnte, fuhr Lenin fort: Ihr Sündenregister, Clara, ist noch größer. Es wurde mir erzählt, dass in den Lese- und Diskussionsabenden der Genossinnen besonders die sexuelle Frage, die Ehefrage behandelt werde. Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen, als ich das hörte. Der erste Staat der proletarischen Diktatur ringt mit den Gegenrevolutionären der ganzen Welt. Die Lage in Deutschland selbst fordert die größte Konzentration aller proletarischen, revolutionären Kräfte zur Zurückwerfung der immer mehr vorwärtsdringenden Gegenrevolution. Die tätigen Genossinnen aber erörtern die sexuelle Frage und die Frage der Eheformen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ich warf hier ein, dass die sexuelle Frage und die Ehefrage unter der Herrschaft des Eigentums und der bürgerlichen Ordnung vielgestaltige Probleme, Konflikte, Leiden für die Frauen aller sozialen Klassen und Schichten zeitige. Der Krieg und seine Folgen hätten gerade in den sexuellen Verhältnissen die vorliegenden Konflikte und Leiden für die Frauen außerordentlich verschärft, hätten Probleme sichtbar gemacht, die früher für sie verschleiert waren. Dazu füge sich die Atmosphäre der in Fluss gekommenen Revolution. Die alte Gefühls- und Gedankenwelt habe zu wanken begonnen.

Sie kennen gewiss die famose Theorie – entgegnete Lenin, dass in der kommunistischen Gesellschaft die Befriedigung des sexuellen Trieblebens, des Liebesbedürfnisses so einfach und belanglos sei, wie das Trinken eines Glases Wasser. Die Beziehungen der Geschlechter zueinander sind aber doch nicht einfach ein Ausdruck des Wechselspiels zwischen der Wirtschaft der Gesellschaft und einem physischen Bedürfnis, das durch die physiologische Betrachtung gedanklich isoliert wird.

Die Zügellosigkeit des sexuellen Lebens ist bürgerlich, ist Verfallserscheinung. Das Proletariat ist eine aufsteigende Klasse. Es darf und will sich nicht vergessen, nicht vergessen die Abscheulichkeit, den Schmutz, die Barbarei des Kapitalismus. Es empfängt die stärksten Antriebe zum Kampf aus seiner Klassenlage, aus dem kommunistischen Ideal. Es braucht Klarheit, Klarheit und nochmals Klarheit.

Vielleicht spreche oder schreibe ich einmal über die berührten Fragen, sagte er. Später – jetzt nicht. Jetzt muss alle Kraft und Zeit auf andere Dinge konzentriert werden. Es gibt größere, schwerere Sorgen. Der Kampf um die Behauptung und Befestigung der Sowjetmacht ist noch lange nicht zu Ende. Wir müssen den Ausgang des Krieges mit Polen verdauen und das Beste daraus zu machen suchen. Im Süden steht noch Wrangel. Nun, ich habe die feste Zuversicht, dass wir damit fertig werden. Und damit komme ich endlich auf Ihre Arbeit.

Kommunistische Frauenbewegung
Lenin blickte auf die Uhr. – Die mir für Sie zur Verfügung stehende Zeit ist schon zur Hälfte abgelaufen – sagte er. – Ich habe mich verplaudert. Sie sollen Richtlinien für die kommunistische Arbeit unter den Frauenmassen ausarbeiten. Unsere Aussprache über die Arbeit kann daher kurz sein. Also schießen Sie los. Wie denken Sie sich die Richtlinien? – Ich gab einen gedrängten Überblick darüber. Lenin nickte wiederholt zustimmend, ohne mich zu unterbrechen. Als ich geendet hatte, schaute ich fragend zu ihm hin. – Einverstanden, meinte er. – Besprechen Sie die Arbeit noch mit Sinowjew. Es ist auch gut, wenn Sie darüber in einer Sitzung der führenden Genossinnen berichten und diskutieren.

Die Richtlinien müssen scharf zum Ausdruck bringen, dass wahre Frauenbefreiung nur möglich ist durch den Kommunismus. Der unlösbare Zusammenhang zwischen der sozialen und menschlichen Stellung der Frau und dem Privateigentum an den Produktionsmitteln ist stark herauszuarbeiten. Damit ist auch die Grundlage gegeben, die Frauenfrage als Teil der sozialen Frage, der Arbeiterfrage aufzufassen und als solche fest mit dem proletarischen Klassenkampf und der Revolution zu verbinden.

Es ist daher auch richtig, dass wir Forderungen zugunsten der Frauen erheben. Das ist kein Mindest- und Reformprogramm im Sinne der Sozialdemokratie, der Zweiten Internationale. Kein Bekenntnis, dass wir an die Ewigkeit oder auch nur an eine lange Dauer der Bourgeoisieherrlichkeit und ihres Staates glauben. Unsere Forderungen sind nur praktische Schlussfolgerungen, die wir aus den brennenden Nöten, den schändlichen Demütigungen der Frauen als Schwache und Rechtlose in der bürgerlichen Ordnung ziehen. Wir beweisen dadurch, dass wir diese Nöte kennen und die Demütigungen der Frau, das Vorrecht des Mannes, fühlen.

Ich versicherte Lenin, dass ich seine Auffassung teile, doch werde sie auf Widerstand stoßen. Unsichere Gemüter würden sie als bedenklichen Opportunismus zurückweisen. – Ach was! – rief Lenin etwas unwirsch aus, diese Gefahr besteht für alles und jedes, was wir sagen und tun. Wenn wir uns aus Furcht vor ihr abhalten lassen, das Zweckmäßige und Nötige zu tun, so können wir uns gleich zu indischen Säulenheiligen machen. Nicht rühren, nur nicht rühren, wir könnten von der hohen Säule unserer Grundsätze herunterpurzeln. In unserem Falle kommt es doch nicht allein auf das Was unserer Forderungen an, sondern auch auf das Wie. Es versteht sich, dass wir unsere Forderungen für die Frauen nicht wie die Perlen eines Rosenkranzes propagandistisch abbeten. Nein, je nach den vorliegenden Umständen müssen wir bald für diese, bald für jene kämpfen, stets im Zusammenhang mit den allgemeinen proletarischen Interessen.

Befreiung
Auf meine Frage nach den einschlägigen Verhältnissen in Sowjetrussland antwortete Lenin: Die Regierung der proletarischen Diktatur bietet natürlich im Bunde mit der Kommunistischen Partei und den Gewerkschaften alles auf, um der alten unkommunistischen Psychologie den Boden zu entziehen. Eine Selbstverständlichkeit ist die volle Gleichberechtigung von Frau und Mann in der Gesetzgebung. Wir gliedern die Frauen in die soziale Wirtschaft, Verwaltung, Gesetzgebung und Regierung ein. Wir öffnen ihnen alle Kurse und Bildungsanstalten, um ihre berufliche und soziale Leistungsfähigkeit zu heben. Wir gründen Gemeinschaftsküchen und öffentliche Speisehäuser, Wasch- und Reparaturanstalten, Krippen, Kindergärten, Kinderheime, Erziehungsinstitute verschiedener Art. Kurz, wir machen Ernst mit unserer programmatischen Forderung, die wirtschaftlichen und erzieherischen Funktionen des Einzelhaushaltes der Gesellschaft zu übertragen.

Wir wissen sehr gut, dass das noch nicht viel ist, gemessen an den Bedürfnissen der arbeitenden Frauenmassen, dass es noch bei weitem nicht alles zu ihrer tatsächlichen Befreiung ist. Dennoch ist es ein ungeheurer Fortschritt, verglichen mit dem, was im zaristisch-kapitalistischen Russland war, aber auch mit dem, was dort ist, wo der Kapitalismus noch unumschränkt herrscht. Ihr werdet es in dieser Hinsicht viel besser und leichter haben als wir; vorausgesetzt, dass eure Proletarierinnen endlich einmal die objektive geschichtliche Reife für die Machteroberung der Revolution begreifen.

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"Nicht viel, aber ein ungeheurer Fortschritt", UZ vom 17. Januar 2020



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