Streiks an den britischen Hochschulen

Nichts geht mehr

Von Melina Deymann

Die Universitätsgewerkschaft „University and College Union“ (UCU) hat in Großbritannien zu vierzehn Streiktagen an 64 Hochschulen aufgerufen. Außerhalb der Streiktage soll „Dienst nach Vorschrift“ erfolgen, Vertretungsseminare oder -vorlesungen werden nicht stattfinden.

Dabei geht es um die Pensionen für Professoren und andere Lehrende. Wenn es nach dem Unternehmerverband „Universities UK“ geht, soll zukünftig mit den von Lehrenden eingezahlten Rentenbeiträgen an der Börse spekuliert werden. Der von den Universitäten eingerichtete Rentenfonds, in den das Lehrpersonal bislang einen Teil ihrer Gehälter einzahlte, steht angeblich mit 6 Millionen Pfund im Minus. Bei der Umstellung des Betriebsrentensystems werden den Lehrenden nach Schätzung der UCU Einbußen von mindestens 10 000 Pfund (11 350 Euro) pro Jahr entstehen – Verluste durch Kursverluste nicht mitgerechnet. Im gesamten Rentenzeitraum können das pro Person bis zu 200 000 Pfund (227 006 Euro) sein, bis zu 50 Prozent der bisherigen Rentenansprüche.

Seit 2009 sehen sich die Angestellten im britischen Hochschulbildungswesen Einkommenseinbußen ausgesetzt, das Einkommen ist um 16 Prozent gesunken, die Einzahlungen in den Rentenfonds sind erhöht und das Pensionsalter heraufgesetzt worden. Zudem sind 50 Prozent aller Lehrenden an den Universitäten mit befristeten Verträgen prekär beschäftigt, an einigen Unis sogar bis zu 70 Prozent.

Dementsprechend groß ist die Zustimmung zum Ausstand, der, wenn „Universities UK“ nicht einlenkt, der größte Unistreik in der Geschichte Großbritanniens sein wird. Am ersten Streiktag am 22. Februar beteiligten sich 40 000 Lehrende, das bedeutete einen Ausfall der Lehrveranstaltungen für mehr als eine Million Studierende. Diese zeigten sich solidarisch mit den Streikenden, nahmen an Demonstrationen teil und unterstützten Streikposten. Laut Umfragen liegt die Zustimmung an bestreikten Universitäten mit 66 Prozent sogar höher als an nicht bestreikten (60 Prozent). Um den Druck auf „Universities UK“ zu erhöhen, schlossen sich Studierende aller Universitäten zusammen um ihre Studiengebühren zurückzufordern. Überraschenderweise haben sich auch einige der in Großbritannien als „Vice-Chancellors“ bezeichneten Universitätspräsidenten mit den Streikenden solidarisch erklärt. Deren Pension ist nicht an einen Rentenfonds, sondern an ihr letztes Gehalt geknüpft und von den einschneidenden Änderungen daher nicht betroffen. Das Jahresgehalt der Vice-Chancellors wird von den Universitäten lokal festgelegt und beträgt durchschnittlich jährlich 400 000 Pfund (453 228 Euro). Laut UCU sind zwei Drittel aller Universitätspräsidenten Teil der Komitees, deren Aufgabe die Festlegung ihres Gehalts ist.

Auch die deutsche Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärte sich solidarisch mit ihren streikenden KollegInnen. Die Vorsitzende der GEW, Marlis Tepe, und ihr Stellvertreter Andreas Keller betonten in ihrer Solidaritätsadresse das Interesse der Studierenden an angemessen abgesicherten DozentInnen, die sich auf Forschung und Lehre konzentrieren können. Keller wünschte sich eine Vorbildfunktion des Streiks für Deutschland: „Mit guten Argumenten für faire Beschäftigungsbedingungen ist es nicht getan. Die Beschäftigten müssen sich gewerkschaftlich organisieren und engagieren, um ihre Ziele erfolgreich durchzusetzen. Ziel der GEW ist daher die Kampffähigkeit der Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und anderen Beschäftigten an den Hochschulen.“

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Nichts geht mehr", UZ vom 2. März 2018



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