Micky Maus is over

Phänomenal

Eine Frau steht draußen im Eingang vor meiner Gyrosbude. Ich gucke auf das Schild: Bitte nur fünf Personen. Gucke durchs Fenster: Zwei Personen. Hmm … Freundlich: „Warten Sie auf Essen?“ Sehr angespannt: „Nein, dass ich bestellen kann.“ Immer noch freundlich: „Dann gehen Sie doch rein zum Bestellen.“ Total fuchsig: „Ich gehe rein, wann ich will!!“ „Ähhh … aber das Schild haben Sie schon gelesen?“ „Was fällt Ihnen überhaupt ein, mich zu belästigen??!!“ „Hunger.“ Sie geht dann doch irgend wann rein, ordert und stellt sich mit verschränkten Armen (Hah!) unter ein sehr großes Schild, das da lautet: Bitte warten sie draußen auf ihre Bestellung. Ich bekomme einen Lachflash und verschlucke mich dabei zu einem verschwenderischen Hustenanfall. Die Blicke der Dame schicken mich durch das Schaufenster in das Tiefparterre der dunkelsten Hölle. Auch bei Corona-Regeln gilt: Wer lesen kann, ist deutlich im Vorteil. Phänomenal.

Ganz Deutschland ist rot. Hellrot, rot, dunkelrot. Was für ein hübsches Schaubild. Nun meint es leider nicht die politischen Verhältnisse, sondern dieses Virusdingens. Schade. Derweil schließen in Dänemark die Nerzfarmen. Das Land geht drastisch gegen eine Corona-Variante vor, die zuerst bei Nerzen aufgetreten ist. Millionen Pelztiere werden getötet. Nerzfarmen? 2020? Euer Ernst? Ich wusste überhaupt nicht, dass so etwas Überflüssiges und Widerliches noch existiert. Warum? Und für wen? Zum Brechen.

Spaziergang mit der hübschen S. („Komm, wir feiern das Leben, ha ha, mit Spazieren im Dunkeln und einer Flasche Bier“). Toll. Wäre sie nur nicht so kompliziert. Keine 200 Meter weiter kommt: „Wann hast du etwas Schönes zum letzten Mal zum ersten Mal gemacht?“. Ich brauche eine Mauer zum Anlehnen und eine Zigarette, bis ich die Frage überhaupt intellektuell greifen kann. „Also, ich, ähh…“. Nach einer Viertelstunde Schweigen wechseln wir das Thema: Lesbische Beziehungen und das Problem mit den Kindern der Partnerin. Phänomenal.

Ja, der vielleicht schlimmste, mit Sicherheit aber irrste Präsident der USA muss wohl gehen. Was man aber nicht vergessen sollte: Nach den gezählten 20.000 Lügen, die Trump in vier Jahren von sich gab, haben ihn 6 Millionen mehr Amerikaner gewählt als vor vier Jahren. Mehr! Kann man eigentlich nicht glauben. Die Gesellschaft in den USA ist in jedem Fall auf Jahrzehnte gestört und gespalten. Von einer Micky-Maus-Karikatur. Und wo ist diese, während entscheidender Stunden? Golfen. Phänomenal.

Fußball. Dortmund gegen Bayern ist fast wie immer. Nur anders. Ein schönes Spiel, das gerne 5:5 hätte ausgehen dürfen – und die Chancen waren da –, gewinnen die Bayern, wie fast immer. Was (mir) positiv in Erinnerung bleibt: Der Unsympath Joshuah Kimmich, der versucht, Erling Haaland mit einem wirklich brutalen Foul zu stoppen. Dabei prallt er von dem norwegischen Baum aber ab wie ein Frettchen an einem Bär und verletzt sich selber. Gibt von mir ein gutes Dutzend Karmapunkte. Dass Haaland die ganze Aktion einfach ignoriert und weiterläuft: Phänomenal.

Nach der vorzeitigen Auflösung der „Querdenken“-Kundgebung in Leipzig eskaliert die Lage. Tausende „Demonstranten“, darunter Reichsbürger, Hooligans und Neonazis, ziehen, von der Polizei unbehelligt, durch die Stadt. Und die Wasserwerfer der Staatsmacht? Stehen im linken Stadtteil Connewitz. Klar, dort laufen ja auch 100 Linke auf. Man habe die Masse (der Querdenker) über den Ring ziehen lassen, weil man sie nur unter Einsatz massiver Gewalt hätte zurückhalten können, sagte Polizeisprecher Olaf Hoppe. „Unter Einsatz massiver Gewalt“. Dinge, die der Polizei neuerdings völlig fremd sind. Echt: Phänomenal.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Phänomenal", UZ vom 13. November 2020



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Schlüssel aus.

    Vorherige

    Krieg, nicht Embargo

    Auch im Westen

    Nächste