Über Lutz Seilers neues Buch „Stern 111“

Roman eines Scheiterns

Am Tag nach der Grenzöffnung 1989 wird Carl Bischoff von den Eltern in Gera aus Halle zurück nach Hause gerufen, weil sie in den Westen wollen. Sie wollen endlich die Verlockungen erleben, die bis zu Bill Haley und in die Schlagerwelt um 1960 zurückreichen. Carl soll sich um die Hinterlassenschaft – Wohnung, Garage mit bemerkenswertem Werkzeug und Besitz in Gera – kümmern. Nachdem er kurzzeitig dieser Aufgabe nachkommt, bricht auch er in ein neues Leben auf, das ihn zum Dichter machen soll. Sein Weg, den er mit Vaters Auto, einem Shiguli, absolviert und der ihm zum Namen „Shigulimann“ verhilft, führt ihn in die „Assel“ in Berlin-Prenzlauer Berg. Auch in eine Kommune, „Rudel“ genannt und geführt vom „Hirten“ Hoffi, Hoffnung assoziierend. Sie bewohnen verlassene Häuser und verschaffen Gescheiterten eine Bleibe.

Zwei gesicherte Lebensläufe – der elterliche und der Carls – werden aufgegeben und neue Ziele gesucht. Dieser dominante Vorgang wird durch das Wortfeld „Wanderung, Wanderschaft“ bestimmt, das den Roman mit realen und literarischen Beispielen überzieht – es lässt sich bis zu Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ denken – und an dem man sich orientieren kann.

Was über die beiden Wanderungen berichtet wird, ist farbig und vielgestaltig, unterhaltsam und abwechslungsreich. Der morbide Verfall in Berlin, auf den Carl stößt, ist für manche gewöhnungsbedürftig, aber Ekel als Teil der Wirklichkeit ist ein Thema Seilers schon im Roman „Kruso“ (2014) gewesen. Um es vorwegzunehmen: Beide Wege scheitern in knapp zwei Jahren mit einer Wucht, Zuspitzung und Konsequenz, die in manchen, besonders von den Eltern, erlebten Szenen die Satire streift. Die Eltern werden von Ausbeutungsmechanismen des Kapitalismus bis nach Los Angeles verfolgt, wo Carl sie besucht und wo sie schließlich erkennen, dass sie „ihre eigene Wohnung“ in Gera kaufen und zurückkehren werden. Auch Carl kommt, unter anderem ausgelöst durch eine „verlogene Szene“ in L. A., zu der Erkenntnis, dass das geplante Dichterleben neu geplant werden sollte. Das Sinnbild dieser ursprünglichen auf Vernunft gegründeten Kontinuität ist der DDR-Radioapparat Stern 111, die „erste Anschaffung als Familie“ im Herbst 1964.

Carl Bischoffs Biografie ähnelt der Lutz Seilers; sie war gesichert und planvoll. Bischoff lernte Maurer, war in der Nationalen Volksarmee und studierte. Das hat er hinter sich gelassen, nicht durch die Veränderungen von 1989, sondern wegen der „Trennung von H.“ und eines Suizidversuchs. Seine Reise ins Ungewisse nach Berlin ist die Suche nach einem „poetischen Dasein“. Er wird zwar ein gefragter Maurer in der „Assel“ und dient dem „Rudel“ und seinen Gästen als Kellner, aber statt eines poetischen Werkes entstehen nur wenige Gedichte. Sie erscheinen als Scheitern, denn das eigene Leben wurde „noch nicht entdeckt“. Auch des „Hirten“ anarchische Vorstellung von einem „Unterstand der Arbeiterklasse“ mit gemeinsamer Arbeit und Solidarität, in dem soziale und gesellschaftliche Vorstellungen des untergegangenen Staates erhalten werden, scheitern am neu eingeführten kapitalistischen Wohnungsmarkt. Verlassene Häuser sind nicht in Besitz zu nehmen, um darin zu wohnen, sondern dienen dazu, daran zu verdienen. War die Situation des Zusammenwohnens des „Rudels“ mit Schwierigkeiten verbunden, auch mit Grenzverschiebungen beim emotionalen Umgang miteinander, so war der sanierte Bestand am Ende ein „Aquarium“, „keine Menschen, nur ein Kasten aus Glas und Stein, in dem ein paar Möbel treiben“. So endet der Epilog von 2009.

Carls Eltern und er selbst haben durch ihre Wanderung durch die andere Welt begriffen, was sie verloren und ohne Not preisgegeben haben. Dabei hatten Dichter ihnen ihre Welt ohne den schönen Schein vorgestellt. Einer ist der mehrfach genannte Dichter Heiner Müller. Eines seiner berühmten Zitate aus dem Stück „Der Bau“ dient der Beschreibung der „Assel“ als „Ponton zwischen Eiszeit und Kommune“, dann sogar als U-Boot „zwischen Eiszeit und Kommune“. In dem Satz steckt die riesige Arbeit, die die Menschen zu leisten haben, wenn sie die „Vorgeschichte“, wie Müller die Vorstufe nennt, überwinden und den Kommunismus erreichen wollen. Carls Eltern und er selbst finden nach ihrem Scheitern nochmals einen Anfang. Wie schon in dem Roman „Kruso“ spielt die nach 1989 abziehende Rote Armee eine Rolle als Hoffnungsträger: „Wir ziehen ab, doch unsre Lieder werden bleiben“, zitiert General Wassili, der mit seinen Begleitern im Roman mehrfach wie ein Deus ex machina agiert.

Die abwechslungsreiche, vielschichtige und figurenreiche Handlung bekommt ein eigenes literarisches Bezugssystem, um historische Entwicklungen von der „Eiszeit“ bis zur „Kommune“ einzubeziehen. Literarische Anspielungen und Zitate sind häufig; Lutz Seiler weist in einer Nachbemerkung darauf hin. Nicht genannt werden zwei literarische Modelle für den Roman, die als Bildungsromane wie Goethes „Wilhelm Meister“ zu bezeichnen sind. Im Vergleich mit ihnen wird die zeitlich begrenzte Handlung von 1989 bis 1991 einem geschichtlichen Prozess angeschlossen: ein Dichter auf der Suche nach Poesie und ihren Themen in der Neuzeit. Carl will zu Beginn „nach Hause“ und das „nach Hause“ ist nicht Gera, sondern das Lebensziel, so wie es Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ meint: „‚Wo gehen wir denn hin?‘ ‚Immer nach Hause.‘ “

Heinrich von Ofterdingen will wie Carl Bischoff ein Dichter werden und sucht wie dieser im Leben die Voraussetzungen dafür; wie Heinrich bei einem Einsiedler, so Carl bei dem Hirten. Mit dem Roman „Heinrich von Ofterdingen“, erschienen 1802, ist von Novalis ein Modell benannt, das sich der Schönheit und dem Ideal widmet, aber auch die „dunkle Nacht“ zu begreifen sucht. Aus Novalis‘ „1. Hymne an die Nacht“ zitiert Seiler ein entsprechendes Zitat im Roman. Ein Motto aus Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910) eröffnet Seilers Roman: Es weist auf den Weg in den und durch den Roman und auf den 28-jährigen Erzähler Rilkes hin. Ebenso alt ist auch Seilers Hauptgestalt Carl und ebenso alt war Lutz Seiler, als sich die Handlung des Romans abspielte. Die drei Romane zeigen verblüffende Parallelen, in denen von den Fortschritten durch Industrialisierung bis hin zum Verfall die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Ablösung zu verfolgen sind. Und dann tritt Heiner Müllers Zitat ein mit dem Blick in die Zukunft.

Autobiografisches und die literarischen Modelle sind Säulen von Seilers Roman. Die Hoffnung auf sozial gerechte Neugestaltung der Gesellschaft wird zertrümmert durch einen rabiaten Kapitalismus – die literarischen Modelle dienen dazu, dessen Vergänglichkeit im Bewusstsein zu behalten und die Zukunft nicht zu vergessen. Bezieht man die literarische Ebene beim Umgang mit dem Roman ein, ist es mehr als ein „Roman zur Nachwendezeit“, es ist ein Roman eines Scheiterns, aber auch der Suche nach einem Leben mit menschlichen Zügen, ein Roman, der zu Recht ausgezeichnet wurde.


Lutz Seiler
Stern 111
Suhrkamp Verlag 2020
528 Seiten., 24 Euro

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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Roman eines Scheiterns", UZ vom 3. April 2020



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