Über gebotene und geborene Abständ

Royal Distancing

Ob er ganz banal mangels Unsterblichkeit oder „an oder mit Covid-19“ gestorben ist, wird man nicht erfahren. Und ob blaues Blut überhaupt von irdischen Viren infizierbar ist, muss offenbleiben, solange auch andere Antworten auf die Fragen der Metaphysik auf sich warten lassen. Der Herzog von Edinburgh ist kurz vor Vollendung seines Lebensjahrhunderts von seinen ihm per Geburt übertragenen Herrscheraufgaben abberufen worden – und der in himmlischen, also passenderweise blauen Gefilden Thronende hat den Prinzen Philip bereits ohne Umwege irgendwo in seiner Nähe platziert. Falls man sich überhaupt noch auf irgendetwas verlassen kann.

Verlässlich ist jedenfalls die deutsche Presse: „Merkur.de“ informierte schon vor zwei Jahren, wie die Beerdigung des damals vielleicht nicht mehr allzu quick-, aber formal doch noch lebendigen Prinzen Philip vonstatten gehen würde. Elizabeth‘ Schattengatte werde „im St James‘s Palace aufgebahrt, die Beerdigungsfeier in der St.-George‘s-Kapelle auf Schloss Windsor und die Beisetzung in Frogmore“ stattfinden. Ohne Untertanen, deren Platzbedarf auch schon im Jahr 1 vor Corona zur Dekretierung eines (in dem Fall wörtlich gemeinten) „Social Distancing“ geführt hätte.

Eine größere Beerdigung gab es in der notorisch rebellischen Provinz Nordirland, ein Jahr nach der unziemlichen Vorausschau von „Merkur.de“ auf die royalistische Bestattung. Da kamen Menschen aus dem Sinn-Féin-Umfeld ohne viel Distanz zusammen, um einem ehemaligen Mitglied der IRA das letzte Geleit zu geben – in dem Fall in die Erde, aus der Rot- und vor allem Heißblütige aller Art trotz der Versprechungen diverser Religionen doch nicht mehr herauskommen.

Das da schon grassierende Virus gab nun den Anlass für tagelange Straßenschlachten royalistischer „Unionisten“ in Belfast. Denn die Verfahren wegen der republikanischen Verstöße gegen die Corona-Verordnungen sind staatsanwaltschaftlich eingestellt worden. Und wieder ist Verlass auf hiesige Medien – NTV hat den gegenüber besagtem Anlass „wohl schwerwiegenderen Destabilisator des Friedens in Nordirland“ identifiziert: Der Brexit. Gegen die Vorhersagbarkeit der deutschen Journaille ist das tägliche Aufhellen nach der Nacht nichts, auf das man wetten sollte.

Ihre ganz eigene Art von Austritt, wenn auch nicht mehr aus der EU, sondern aus dem United Kingdom, haben indessen 130.000 von Philips Untertanen dank schlechten Pandemie-Managements vollzogen. In die Erde, nicht in den Himmel. Der Prinz wird also seine Ruhe haben.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Royal Distancing", UZ vom 16. April 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz aus.