Russische Sportlerinnen und Sportler dürfen derzeit in vielen Sportarten nicht mehr antreten

Schweres Foul

Die Fußball-WM wird in diesem Jahr ohne Russland stattfinden. Auch die Eishockey-WM und internationale Wettkämpfe in vielen anderen Sportarten. Die Mehrheit der internationalen Verbände ist dem politischen Druck gefolgt und hat russische – sowie belorussische – Sportlerinnen und Sportler vorerst suspendiert. Auch bereits vergebene internationale Meisterschaften, die in diesem oder dem nächsten Jahr in Russland stattfinden sollten, wurden abgesagt und an andere Länder gegeben. Grund sei „Putins Krieg“ in der Ukraine.

„In unserer zerbrechlichen Welt, in der Spaltung, Konflikte und Misstrauen zunehmen, zeigen wir der Welt: Ja, es ist möglich, erbitterte Rivalen zu sein und gleichzeitig friedlich zusammenzuleben.“ Mit diesen Worten hatte Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Anfang Februar die Olympischen Winterspiele in Peking eröffnet. Das Komitee und sein Präsident hatten zuvor allen politischen Forderungen widerstanden, die Spiele nicht in China durchzuführen. Der die Völker verbindende Sport sollte im Vordergrund stehen. Knapp vier Wochen später, nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war und die „westliche Welt“ prompt erste scharfe Sanktionen verkündet hatte, widerstand man nicht mehr. Unter „steigendem Druck“, wie die „Deutsche Welle“ berichtete, habe „sich nun auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu einer harten Haltung gegen Russland durchgerungen. Es empfehle „seinen Mitgliedsverbänden den Ausschluss russischer Sportlerinnen und Sportler bei internationalen Veranstaltungen“ – unabhängig von deren Haltung. Dies gelte auch mit Blick auf Athletinnen und Athleten aus Belarus.

Ein solches Vorgehen ist ohne „Vorbild“. Zu Zeiten des Vietnamkrieges, der Kriege gegen den Irak oder dem völkerrechtlichen Angriff der NATO auf Jugoslawien und so weiter wurde so etwas nicht einmal diskutiert. In der olympischen Geschichte wurden bislang nur ganz wenige Länder sanktioniert. Bei den Sommerspielen 1992 in Barcelona durfte zum Beispiel (Rest-)Jugoslawien wegen des Krieges auf dem Balkan nicht als Land antreten, die Sportlerinnen und Sportler konnten aber als unabhängige Athleten starten. Drei Jahrzehnte durfte Südafrika wegen der Apartheid-Politik nicht bei Olympischen Spielen starten, war ab 1992 wieder dabei. Der Grund, Kuweit 2016 auszuschließen, war dagegen die politische Einflussnahme des Staates auf den Sport.

Viele Sportweltverbände schlossen sich am 1. März 2022 und danach dem Aufruf des IOC an. Nach einigen Diskussionen und nachdem offensichtlich auf das Präsidium des Internationalen Paraolympischen Komitees (IPC) massiv Druck ausgeübt wurde, knickte auch dieses kurz vor Eröffnung der Paralympics in Peking ein. Das IPC erklärte seine Entscheidung damit, es habe Drohungen nationaler Verbände gegeben, die Paralympics zu boykottieren. Im Tennis und in einigen anderen Sportarten können russische und belorussische Sportlerinnen und Sportlern dagegen weiter an Wettbewerben teilnehmen. Aktuell wird es offenbar nur beim Tennisturnier im englischen Wimbledon eine Ausnahme geben. Die Entscheidung der Veranstalter sorgte bei Tennisspielern wie dem Spanier Nadal für Unmut.

Übrigens gibt es, so der Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportrecht (DVSR), Thomas Summerer, im Sportbereich gegen Krieg führende Staaten und deren Sportverbände gar keine Sanktionstatbestände. Und in der Olympischen Charta heißt es zudem: „Jede Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht oder aus sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar.“

Dem „Spiegel“ und anderen reichen die Sanktionen jedoch noch lange nicht aus. Gern würde man auch alle russischen Einzelverbände und die Funktionäre aus den internationalen Sportverbänden verbannen. Und das möglichst rasch.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Schweres Foul", UZ vom 27. Mai 2022



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