Selbstbestimmtes und mitverantwortliches Leben ermöglichen

Seniorenpolitik in Reinheim

Für die DKP im hessischen Reinheim ist Politik für Seniorinnen und Senioren ein Dauerthema. Darüber sprachen wir mit Friedrich Kammer. Unser Gesprächspartner ist seit 2011 Abgeordneter der DKP-Fraktion in der Reinheimer Stadtverordnetenversammlung.

UZ: Wie macht sich der „demographische Wandel“ in Reinheim bemerkbar?

Friedrich Kammer: Reinheim hat einen besonders hohen Anteil älterer Menschen – das lesen wir jedes Jahr von Neuem im Vorbericht des Haushaltsplans. Zahlenmäßig kann man es den Statistiken entnehmen, die der Landkreis regelmäßig veröffentlicht. Reinheim liegt da in der Spitzengruppe der 5 von 23 Kommunen mit 23 Prozent oder mehr Menschen mit einem Alter ab 65.

Ein wesentlicher Grund dafür ist, das die Bevölkerung ab den 70er Jahren stark gewachsen ist – wir liegen hier ja im Speckgürtel von Rhein-Main. In den Wohngebieten, die damals neu entstanden sind, leben heute vielfach die Menschen, die damals zugezogen sind, mit einem entsprechenden Alter. Reinheim hat einen hohen Anteil an Ein- und Zweifamilienhäusern – oft bewohnt von älteren Menschen, die allein sind, nachdem die Kinder aus dem Haus sind.

UZ: Welche Bedürfnisse hat die ältere Generation?

Friedrich Kammer: Die Stadt hat dazu Anfang 2021 eine Bürgerbefragung durchgeführt. Schon als damals die Fragebögen zur Verfügung standen und bevor überhaupt Ergebnisse bekannt wurden, haben wir diese Aktion kritisiert.

Die Befragung ist aus unserer Sicht nichtssagend und verzichtet gerade auf die Fragestellungen, auf die es aus unserer Sicht gerade ankäme. Und was man nicht erfragt, wird man dann auch in einer noch so gründlichen Auswertung nicht wiederfinden.

Ich zitiere hier mal aus einem Artikel, den wir dazu im Frühjahr in der DKP-Stadtzeitung „Unser Weg“ veröffentlicht haben: „Was fehlt aus Sicht der DKP in der durchgeführten Befragung? Was ‚Freizeit, Sport und Kultur‘ angeht, wird (kurz zusammengefasst) gefragt: ‚Kennen/nutzen Sie die bestehenden Angebote und sind Sie damit zufrieden – oder warum nutzen Sie sie nicht?‘ Welche Art Angebote sich Seniorinnen und Senioren wünschen und brauchen, ist in dieser Befragung überhaupt kein Thema.“

Wir sind hier ja von Nachbarkommunen umgeben, in denen es zum Beispiel einen gewählten Seniorenbeirat gibt, Angebote zum regelmäßigen Treffen oder auch einen Mittagstisch.

UZ: Wie ist die Reinheimer DKP das Thema „demographischer Wandel“ angegangen?

Friedrich Kammer: Reinheim war ja schon einmal auf einem guten Weg. 2014 wurden auf Antrag der DKP Haushaltsmittel eingestellt, um „eine Bestandsaufnahme der bestehenden Angebote für Seniorinnen und Senioren vorzunehmen und Perspektiven für eine Weiterentwicklung aufzuzeigen“. Damals wurde unter Anleitung einer Professorin für Sozialarbeit/Sozialpädagogik ein „Runder Tisch“ ins Leben gerufen, bei dem alle Betroffenen vertreten waren. Leider reichten die Haushaltsmittel dann nicht aus, um diese Arbeit zu Ende zu bringen und das Projekt wurde vom Bürgermeister beerdigt.

Man muss dazu sagen, dass es 2014 vorübergehend andere politische Mehrheiten gab als heute. Wir haben in der Folge immer wieder beantragt, das Projekt fortzusetzen, und sind damit bei Rot-Grün gegen die Wand gelaufen. Jetzt haben wir Schwarz-Rot und unser praktisch gleichlautender Antrag liegt derzeit immerhin auf Eis und nicht in der Tonne.

UZ: Welche Forderungen stellt die DKP? Und welche Vorschläge hat die Partei?

Friedrich Kammer: Inzwischen orientieren wir uns an den Empfehlungen der BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen), die sagt „Politik für ältere Menschen muss darauf zielen, (dass) ihnen ein selbstbestimmtes, selbstständiges und mitverantwortliches Leben ermöglicht wird“, und dazu auch viele konkrete Vorschläge macht.

Wir kennen die Situation vieler Seniorinnen und Senioren vor Ort, zum Beispiel, dass es hier viele Zugezogene ohne weitere Familie gibt, während in der „angestammten“ Bevölkerung ältere Menschen vielfach in einem familiären Umfeld aufgefangen werden – was auch seine Herausforderung bietet. Wir sind aber keine Fachexperten, sondern halten es für notwendig, dass diese – wie es schon einmal richtig angegangen wurde – gemeinsam mit den Betroffenen die Situation untersuchen, bewerten und Handlungsvorschläge machen. Über die Umsetzung sollte dann im nächsten Schritt wieder die Politik entscheiden.

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"Seniorenpolitik in Reinheim", UZ vom 1. Juli 2022



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