In „Blut Salz Wasser“ deckt Denise Mina die dunklen Seiten einer Kleinstadtgesellschaft auf

Trügerisches Idyll

Von Bee

Denise Mina

Blut Salz Wasser

aus dem Englischen von Zoë Beck

Argument Verlag Ariadne 2018

geb., 368 Seiten, 19.– Euro

Iain Fraser schlägt die Frau tot. Sie war ihm und Tommy gefolgt wie ein Kalb. Nun liegt sie auf dem Grund des Loch Lomond. Später wird sie wieder auftauchen. Bis dahin beschäftigt DI Alex Morrow in Glasgow das plötzliche Verschwinden von Roxanna Fuentecilla, die vor zwei Monaten von London nach Glasgow kam, zusammen mit ihren beiden Kindern und ihrem neuen Freund. Mittellos, mit Kontakt zur kolumbianischen Botschaft, beide Kinder auf einer teuren Privatschule, war sie ins Fadenkreuz der Met (Metropolitan Police, London) geraten. Verdacht auf Geldwäsche und Drogenschmuggel ist auch der Grund dafür, dass Alex Morrow und ihr Team sie seit geraumer Zeit überwachen. Und dann ist sie weg. Am Morgen hatte sie ihre Kinder zur Schule gebracht und danach nichts mehr von sich sehen oder hören lassen. Wie vom Erdboden verschwunden.

Dafür taucht in Helensburgh, einem beschaulichen Küstenstädtchen nahe Glasgow, eine Leiche auf. Alex hat ein ungutes Gefühl, glaubt nicht an das freiwillige Abtauchen von Roxanna und begibt sich zum Fundort der Leiche. Doch „Das ist nicht meine“. Trotzdem vermutet sie eine Verbindung und bietet Hilfe bei der Mordermittlung an. Die örtliche Dienststellenleiterin zeigt sich dankbar, ganz im Gegensatz zum üblichen Genre-Klischee. Etwa zur selben Zeit taucht auch Susann Grierson wieder auf. 20 Jahre ist sie nicht mehr zu Hause gewesen, jetzt kommt sie, um den Nachlass ihrer verstorbenen Mutter zu regeln. Ihre Mutter hat ihr eine stattliche, wenn auch ziemlich heruntergekommene Villa hinterlassen.

Soweit die Gemengelage. Daraus entwickelt Denise Mina eine Geschichte über kriminelle Machenschaften als strukturelle Elemente einer Gesellschaft, die auf Gier, Ausbeutung und Betrug beruht. Den Rahmen bildet das schottische Unabhängigkeitsreferendum 2014, in dem es eben nicht nur um das Machtverhältnis zwischen Schottland und England geht, sondern um die mögliche Profitmaximierung bei legalen wie illegalen Geschäften. Nach dem Unabhängigkeitsreferendum hofft so mancher auf einen wieder florierenden Immobilienmarkt. Helensburgh geriert sich als ein Seebad und Refugium für die Reichen und Schönen. Der schöne Schein trügt. Die Stadt ist nicht nur ob des Referendums gespalten, von dem sich sowohl die Yes- wie die No-Fraktion Vorteile erhofft. Auf der anderen Seite grassieren Armut, Hoffnungslosigkeit und der verzweifelte Versuch, sich und die Seinen über Wasser zu halten. Die Bewohner eint die direkte oder indirekte Verstrickung in die Machenschaften eines Drogenbarons. Und wenn dem jemand dazwischenfunkt, gibt es Tote. In „Blut Salz Wasser“ gibt es keine Grenzen zwischen Opfern und Tätern. Alle sind beides.

Iain Fraser irrt verloren und orientierungslos durch die Straßen, ohne Hoffnung, sein Gewissen beruhigen zu können. „Es war eine Überzeugung, die aus einer traumatischen Kindheit erwuchs, es war so viel überschaubarer zu glauben, dass man selbst schlecht war und nicht die Welt.“ Er hat nur einen Befehl ausgeführt, um die Schulden seines einzigen Freundes zu begleichen und dessen Tochter zu schützen. „Sein Auftreten war beängstigend, weil er in die Brüche ging.“ Eine tragische Figur, voller Verletzungen und Narben, mit der wir leiden und der wir so was wie Erlösung wünschen.

Es geht natürlich um Geld. Nicht nur für die Kriminellen. Sparmaßnahmen machen auch vor der Polizei nicht halt und daher interessiert sich die Spitze von Police Scotland letztlich nur für die Millionen, die bei Roxanna vermutet werden. „Findet das Geld, bevor es die Met tut.“ Der Fall soll als ein lokaler gelöst werden, so dass die Met keinen Zugriff darauf bekommt. Alex will dieses Spiel nicht mitspielen, ermittelt weiter. Stößt auf eine verkommende und verkommene Gesellschaft, deren gutbürgerliche Fassade bröckelt und die nur notdürftig übertüncht ist. Schnörkellos, mit einer Prise Humor und viel Empathie erzählt Denise Mina von den Zusammenhängen und Brüchen in kapitalistischen Gesellschaften. Ihre Figuren – und es gibt nicht wenige davon – haben Kontur und Tiefe, obwohl sie äußerst knapp beschrieben sind.

Iain ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Er ist ein Mörder, „vielleicht sogar ein Stück Scheiße, aber wenigstens kein verlogenes Stück Scheiße“.

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"Trügerisches Idyll", UZ vom 26. Oktober 2018



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