Busfahrer in Rheinland-Pfalz kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen

Unbezahlt in der Pampa

Seit zweieinhalb Jahren kämpfen die ver.di-Kollegen für einen neuen Manteltarifvertrag. Sie fordern, dass Standzeiten endlich vergütet werden. UZ sprach mit Christian Umlauf, stellvertretender Geschäftsführer des ver.di-Bezirks Region Saar Trier, über den aktuellen Arbeitskampf, Gewerkschaftsarbeit in Familienbetrieben und die Solidarität der ver.di-Mitglieder mit ihren Fahrgästen.

UZ: Seit wann laufen die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen ver.di und dem „Arbeitgeberverband des privaten Verkehrsgewerbes“ – kurz VAV – in Rheinland-Pfalz?

Christian Umlauf

Christian Umlauf: Gekündigt wurde der Tarifvertrag zum 1. Januar 2019, seit April 2019 verhandeln wir mit dem Arbeitgeberverband. Der größte Knackpunkt ist, dass die Betriebe auf eine Refinanzierung des Landes Rheinland-Pfalz pochen. Ihre Verkehrsverträge geben in der Regel eine prozentuale Tarifsteigerung von etwa 2,5 Prozent pro Jahr her. Wir wollen und müssen aber jetzt wesentlich darüber abschließen, weil wir Aufholeffekte haben.

UZ: Welche Forderungen stellt ihr?

Christian Umlauf: Die betreffen das Entgelt und den Mantel. Wir wollen einen Stundenlohn von 17 Euro haben. Beim Mantel geht es um die Rahmenbedingungen. Die sind uns im Moment viel wichtiger. Die Arbeitsbedingungen sind wirklich schlecht. Da geht es uns vor allem um die Durchbezahlung der Dienste. Das heißt, dass ein Kollege eine 15-Stunden-Schicht hat, davon aber nur sieben bezahlt bekommt und in seiner angeblichen Freizeit irgendwo in der Pampa steht und dort ohne Toilette, ohne Pausenraum, ohne die Möglichkeit, sich etwas zu Essen zu kaufen, einfach im Bus rumsteht.

UZ: Wie organisiert ihr denn die Kolleginnen und Kollegen in den Familienunternehmen? Gibt es da Besonderheiten gegenüber den größeren Verkehrsunternehmen?

Christian Umlauf: In der Tat gibt es da Unterschiede. Wir haben einige Privatunternehmen, oft familiengeführte Unternehmen mit langer Tradition, die noch keinerlei Berührungen mit Tarifverträgen, Verhandlungen, mit einer Gewerkschaft oder gar Streiks hatten. Das sind oft Betriebe, in denen noch keine Betriebsräte da sind. Die tun sich schwer mit demokratischer Mitbestimmung. Wir mussten leidvoll erfahren, wie man da teilweise mit den Leuten umgeht. Aber wir sind fest entschlossen, diese Betriebe in den Arbeitskampf mit einzubeziehen, weil es die natürlich ganz genauso betrifft.

UZ: Da klingt schon der Vorfall mit an, den es neulich bei einem Warnstreik bei Westrich-Reisen in Baumholder gab. Der Firmenchef Albrecht Christmann hatte seine Mitarbeiter wüst beschimpft. Wie haben die Kolleginnen und Kollegen darauf reagiert?

Christian Umlauf: Ich war nicht selbst vor Ort, aber mein Kollege Marko Bärschneider hat mir ausführlich berichtet, was sich da zugetragen hat. Man kann das gar nicht anders sagen: Die Kolleginnen und Kollegen waren wie geschockt. Es ist ja so, dass diejenigen, die da draußen gestanden haben, wirklich die sind, die schon seit vielen, vielen Jahren in dem Betrieb arbeiten. Wenn die, die den Betrieb mit aufgebaut haben, jetzt ihr demokratisches Recht in Anspruch nehmen, in den Arbeitskampf zu gehen, und dann so beleidigt werden, sind die erst mal geschockt und entsetzt, wie man mit ihnen umgeht. Wenn wir zum Arbeitskampf aufrufen, dann ist es das Recht jedes Einzelnen, sich daran zu beteiligen. Das darf nie wieder vorkommen, weder dort noch woanders.

UZ: Herr Christmann hatte ja Medien gegenüber verlauten lassen, die Streiks seien zwar legal, die „Forderungen aber horrend“. Das klingt nach Gutsherrenmanier. Was sagt ihr dazu?

Christian Umlauf: Ein Kollege, der teilweise über 200 Stunden Schichtzeit hat, davon aber nur 170 bezahlt bekommt, erhält 2.550 Euro brutto. Bei Lohnsteuerklasse I kommt man da mal schnell an 1.600 und ein paar Zerquetschte. Das halten wir für absolut nicht mehr zeitgemäß. Und vor allem auch nicht hinsichtlich einer möglichen Rente. Da sprechen wir von einem Niveau, das in Richtung Hartz IV geht. Das kann nicht sein, wenn ich mein Leben lang gearbeitet habe. Von daher ist das aus seiner Sicht – ihm geht es sicherlich besser, wenn er in Rente geht – vielleicht nicht verständlich, aber für die Kolleginnen und Kollegen lebensnotwendig. Immerhin kommen durch sein Verhalten Kollegen auf uns zu und sagen, das ginge gar nicht, sie schlössen sich uns an.

UZ: Herr Christmann sprach von „Provokationen“ ihm gegenüber.

Christian Umlauf: Er hat es als Provokation betrachtet, dass wir seinen Betriebshof betreten und an einem seiner Busse ein Streikplakat angebracht haben. Es ist durch ein BAG-Urteil erlaubt, dass wir auf den Betriebshof dürfen und der Streik dort stattfindet. Wo denn auch sonst? Natürlich wollen wir auch mit den Kolleginnen und Kollegen, die sich uns noch nicht angeschlossen haben, sprechen und sie davon überzeugen mitzumachen. Wenn man das als Provokation sieht, ist das wieder eine Frage des Demokratieverständnisses. Das ist legitim, das ist ganz normal, nur in seinem Weltbild anscheinend im Moment noch nicht vorhanden.

UZ: Wie kommen die Busunternehmen in Rheinland-Pfalz durch die Corona-Krise?

Christian Umlauf: Eigentlich sehr gut. Natürlich sind weniger Fahrgäste mitgefahren. Anfänglich waren das zum Teil sehr hohe Ausfallraten, mittlerweile nicht mehr. Allerdings wurden diese Ausfälle komplett ersetzt, durch Zahlungen von fünf Milliarden Euro von Bund und Ländern. Die einzigen zusätzlichen Kosten, die sie hatten, sind Corona-bedingt. Für Masken, Hygieneartikel und Sonstiges zum Schutz der Beschäftigten. Ansonsten sind die ÖPNV-Betriebe gut durchgekommen. Was die Reisebranche betrifft: Die haben ihre Leute in Kurzarbeit geschickt und sich von Personalkosten entlastet. Da findet natürlich im Moment kaum Umsatz statt.

UZ: Für die Warnstreiks habt ihr einen Fahrgast-Hilfsfonds aufgelegt, um Menschen zu unterstützen, die Schwierigkeiten haben, zur Arbeit zu kommen, wenn die Busse nicht fahren.

Christian Umlauf: Das ist richtig. Die Kolleginnen und Kollegen bedauern sehr, wenn Schülerinnen und Schüler, Seniorinnen und Senioren oder die, die sich kein Auto leisten können, betroffen sind durch diese Arbeitskämpfe. Das heißt nicht, dass wir uns dafür entschuldigen. Jeder dieser Kolleginnen und Kollegen hat ein Prozent vom Weihnachtsgeld – das sind leider nur 2,60 Euro, aber immerhin – zusammengetragen, so dass wir an die 5.000 Euro haben, mit denen wir Hilfsbedürftigen, die in dieser schweren Zeit zusätzlich belastet sind, entgegenkommen wollen.

UZ: Ihr habt der VAV ein Ultimatum bis zum 4. Juni gestellt, die Tarifverhandlungen mit euch wieder aufzunehmen. Wie geht es dann weiter?

Christian Umlauf: In den letzten Tagen kam etwas Bewegung rein. Wir haben am 2. Juni einen Gesprächstermin mit dem VAV. Da sprechen wir über unsere Kernforderungen, aber auch über den Manteltarifvertrag in seiner Gänze. Wir werden gemeinsam am 3. Juni mit allen Kolleginnen und Kollegen eine Streikdelegiertenkonferenz machen, auf der wir entscheiden, ob wir vom 7. bis zum 13. Juni in einen ganzwöchigen Streik gehen oder nicht. Insgesamt haben wir gesagt, dass wir bis zum 20. Juni eine Entscheidung brauchen. Weil wir seit dem 1. Januar 2019 einen offenen Manteltarifvertrag haben, sind wir nicht mehr bereit, länger zu warten. Wenn bis dahin keine Entscheidung da ist, werden ab 21. Juni keine Busse im privaten Bereich mehr rollen. Dann gehen wir in einen Erzwingungsstreik.

Wir hoffen, dass wir den noch abwenden können. Das liegt aber nicht an uns allein, sondern auch am Land, was die Zahlungen anbelangt, und natürlich auch an den Arbeitgebern, mit uns etwas Vernünftiges hinzubekommen.

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"Unbezahlt in der Pampa", UZ vom 4. Juni 2021



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