Streiks an sieben Standorten von Amazon. Gewerkschaft fordert Tarifverträge

ver.di erhöht den Druck

Bundesweit haben in den vergangenen Tagen mehrere tausend Beschäftigte des Handelskonzerns Amazon die Arbeit niedergelegt. An sieben Standorten des Unternehmens wurde im Umfeld des umsatzstarken „Black Friday“ am 27. November gestreikt.

Öffentlich angekündigt war ein dreitägiger Ausstand von Donnerstag bis Samstag, gefolgt vom ohnehin weitgehend arbeitsfreien Sonntag. Umso größer dürfte die Überraschung bei den Bossen gewesen sein, als auch am Montag wieder in fünf Versandzentren die Arbeitsaufnahme verweigert wurde. Zwar behauptete der Konzern wie immer, dass die „Aktionen“ keine Auswirkungen auf die Zustellung der Bestellungen gehabt hätten, doch zahlreiche Kunden veröffentlichten in den sozialen Medien Benachrichtigungen, wonach sie leider etwas länger auf ihre Pakete warten müssten.

Der 2013 begonnene Arbeitskampf bei Amazon gehört inzwischen zu den längsten in der Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Auch nach acht Jahren werde den Kolleginnen und Kollegen die von ver.di geforderte tarifvertragliche und existenzsichernde Entlohnung vorenthalten, kritisierte zum Auftakt der neuen Streikwelle ver.di-Verhandlungsführer Orhan Akman. „Gleichzeitig macht der Konzern mit dem reichsten Mann der Welt an der Spitze durch Coronavirus-Pandemie, Black Friday, Cyber Monday und im Weihnachtsgeschäft riesige zusätzliche Milliardengewinne.“ Dabei würden Schutzmaßnahmen in den Versandzentren missachtet und die Gesundheit der Beschäftigten den Profitzielen geopfert, so Akman. Mehrere hundert Amazon-Beschäftigte hätten sich bereits mit dem Coronavirus infiziert. Die vorgeschriebenen Abstände der Beschäftigten zueinander ließen sich in Stoßzeiten kaum einhalten.

Zudem gerät Amazon wegen der Überwachung und Bespitzelung der Belegschaften unter Druck. Vor wenigen Tagen untersagte der niedersächsische Datenschutzbeauftragte dem Konzern den Einsatz einiger Funktionen einer Software, über die das Management sekundengenauen Zugriff auf die Arbeitsleistung jedes einzelnen Kollegen hat. Die so erhobenen Daten dienen dem Unternehmen dazu, Beschäftigte zu entlassen oder befristete Verträge auslaufen zu lassen, wenn sie nicht die durchschnittliche Arbeitsleistung erreichen – ein perfides System, wie das ARD-Magazin „Panorama“ analysierte. Denn so steigt die durchschnittliche Arbeitsleistung immer weiter an – und früher überdurchschnittlich arbeitende Menschen müssen plötzlich um Lohn und Brot fürchten.

Ansonsten setzt Amazon neben der Peitsche auch aufs Zuckerbrot. Im Weihnachtsgeschäft kündigte das Unternehmen an, einigen Standorten zeitweilige Bonuszahlungen in Höhe von 2 Euro pro Stunde an. Die Landesbezirks-Fachbereichsleiterin für den Handel bei ver.di in Nordrhein-Westfalen, Silke Zimmer, kritisierte dieses System, weil die Prämien nur ausgezahlt werden, wenn die Beschäftigten nicht krank werden. Eine solche Anwesenheitsprämie sei in Pandemiezeiten jedoch „völlig deplatziert“, so Zimmer.

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"ver.di erhöht den Druck", UZ vom 4. Dezember 2020



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