Die Klassiker und die Ökologie – Eine Tagung der Marx-Engels Stiftung

Was Wert hat, trägt ein Preisschild

Helmut Selinger, Physiker vom Institut für sozialökologische Wirtschaftsforschung (isw) aus München, machte mit seinem Vortrag „Marx, Engels und die Ökologie“ den Auftakt. Eine in der marxistischen Bewegung immer wieder geführte Diskussion über die Prioritäten zwischen der Ökonomie und aktuell der Sicherheit von industriellen Arbeitsplätzen einerseits und dem Schutz der natürlichen Ressourcen andererseits setzte er gleich an den Anfang seines Vortrags. Als Antwort auf den ersten Entwurf des Gothaer Programms, das als Ursprung des Reichtums der Kapitalisten die Arbeit nennt, schrieb Marx in seiner Kritik: „Die Arbeit ist nicht die Quelle allen Reichtums. Die Natur ist ebenso die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.“ Selinger untermauerte die Gleichwertigkeit von Arbeit und Natur durch viele Hinweise auf die Aussagen von Marx und Engels zu Erkenntnissen der Naturwissenschaften in Hinblick auf das Mensch-Natur-Verhältnis. Einen wichtigen Beitrag sieht Selinger in den derzeit laufenden Studien zur Aufarbeitung der Texte von Marx in Rahmen des MEGA-Projekts durch Kohei Saito. Der japanische Marxist verweist auf Notizen des späten Marx, nach denen „die Störung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur als der gravierendste Widerspruch im Kapitalismus anzusehen“ sei. Daraus gehe hervor, so Selinger, „dass das wahre Ziel der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie nicht richtig begriffen werden kann, wenn man den Aspekt der Ökologie vernachlässigt“.

Franz Garnreiter, Diplom-Volkswirt, begann seinen Vortrag mit der Feststellung, dass auch der sogenannte Grüne Kapitalismus nichts anderes als Kapitalismus mit dem Ziel der Profitmaximierung ist. Dies zeige sich an der Bepreisung von allem, was in der Warenwelt gehandelt wird. „Alles, was knapp ist und einen Nutzen größer als Null hat, wird mit einem Preisschild versehen“, so Garnreiter. Dazu gehöre auch die Natur, die im Kapitalismus zur reinen Ware werde. Damit sei ein Stoppen der Klimazerstörung nicht erreichbar, sondern lediglich ein optimaler, durch den Marktsuchprozess aufgefundener besserer Grad der Klimazerstörung. Wie eigennützig die kapitalistischen Staaten dabei vorgehen, belegte Garnreiter eindrucksvoll mit Zahlen und Grafiken. Zum Beispiel dürfe den Einträgen von klimaschädlichen Emissionen der deutschen Industrie nicht nur das zugerechnet werden, was sie in Deutschland selbst in die Umwelt absondern, sondern auch diejenigen Anteile, die von deutschen Unternehmen in Asien und anderen Erdteilen in die Natur emittiert werden. Einer wissenschaftlich sauberen Beurteilung von Emissionen von CO2 müssten auch die erheblichen Anteile des Transports von Waren per Schiff und Flugzeug zugerechnet werden, was allerdings keine Statistik der kapitalistischen Ökonomie tue.

Uwe Hiksch, Naturfreund und Aktivist in der Friedensbewegung, befasste sich in seinem Referat mit der „Transformation zu einer sozialen Klimapolitik“. Er schlug den Bogen von der kapitalistischen Ökonomie zu den konkreten Kämpfen von Umweltorganisationen wie den Naturfreunden und Gewerkschaften. „Die Deregulierung von Umwelt-, Sozial- und Handelsstandards durch den Abschluss von neoliberalen Freihandelsabkommen und die systematische Aushebelung traditioneller regulierender Institutionen wie zum Beispiel der WTO haben zu einer weiteren Verschärfung der Umweltzerstörung beigetragen.“ Konkret nannte Hiksch Vorschläge der Naturfreunde, wie zum Beispiel öffentliche Investitionen für eine konsequente Verkehrswende oder die Forderung, dass sich die Staaten des Globalen Nordens an den zu erwartenden Kosten für die mögliche Vermeidung oder die Schäden durch Überschwemmungen, Hurrikans, Naturkatastrophen, Dürreperioden und Wasserknappheit durch einen Zukunftsfonds für die Länder des Südens beteiligen müssen.

Alle Beiträge werden in Kürze auf der Homepage www.marx-engels-stiftung.de zum freien Download zur Verfügung stehen.


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"Was Wert hat, trägt ein Preisschild", UZ vom 27. März 2020



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