Frauen spielten eine zentrale Rolle in der Pariser Kommune

Wir wollen frei sein … Auf die Barrikaden!

Florence Hervé referierte auf der Tagung „150 Jahre Pariser Commune“ der Marx-Engels-Stiftung zur Rolle der Frauen beim ersten Anlauf zur Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft. Wir bringen Auszüge aus ihrem Vortrag in redaktioneller Bearbeitung. Alle Vorträge der Veranstaltung stehen auf der Internetseite www.marx-engels-stiftung.de zur Verfügung.

Die außerordentliche Beteiligung von Frauen an der Pariser Kommune wurde lange Zeit vergessen und verschwiegen. Sie ist heute unstrittig und wird zum 150. Jahrestag der Kommune sowohl in Frankreich wie in Deutschland und Österreich in einigen Veröffentlichungen gewürdigt.

Clara Zetkin stellte bereits vor mehr als 100 Jahren fest: „Zum ersten Male riss in einem Lande das Proletariat mit kühnem Sinn und starker Faust die Staatsmacht an sich. Dem gewaltigen Ereignis fehlte nicht der typische Wesenszug jeder elementaren Revolution: die Beteiligung breiter Frauenmassen.“
Heute wird eher gefragt, ob Frauen überhaupt Gestaltungseinfluss auf die Kommune hatten oder diese nur unterstützt haben; ob sie in dieser Zeit etwas erreicht haben; ob es sich bei der Kommune um eine gescheiterte „Männerrevolution“ handelte.

Frauen in der IAA

Französinnen hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gute Gründe, die Gesellschaft und ihr Leben ändern zu wollen. Frauenfeindlichkeit und Sexismus waren im alltäglichen Leben weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Die Emanzipationsfrage hatte in den frühsozialistischen und feministischen Bewegungen der 1830er Jahre eine große Bedeutung, spielte aber in der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) kaum eine Rolle. Frauen waren zwar in den meisten Sektionen nicht ausgeschlossen – „Ladies are admitted“, so Karl Marx in einem Brief an Friedrich Engels 1865 –, blieben jedoch in der Minderheit, ohne besonderen Einfluss. In der Pariser Sektion waren sie zunächst ausgeschlossen: Der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon predigte zwei Rollen für die Frau: „Hausfrau oder Kurtisane! Lieber die Frau hinter Schloss und Riegel als emanzipiert!“ 1866 hatte der Kongress der Internationale in Genf die Fabrikarbeit von Frauen verurteilt. Er sah darin eine der „Ursachen für die Degeneration der menschlichen Rasse“.

Mit den Arbeitervertretern und späteren Kommunarden Eugène Varlin und Benoît Malon gab es zwar ab 1867 eine Neuorientierung der Pariser Sektion der Internationale in puncto Frauenerwerbsarbeit – der Proudhon-Antifeminismus hielt sich aber noch lange in der fortschrittlichen Bewegung Frankreichs.

Soziale Lage der Frauen

Die innen- und außenpolitische Lage im französischen Kaiserreich wirkte sich katastrophal auf Frauen aus. Es ist eine Zeit der Ausbeutung, des sozialen Elends und der Armut. Die Arbeits- und Lebensbedingungen sind für Frauen besonders hart. Ein Drittel aller Erwerbstätigen sind Frauen. Sie arbeiten oft 13 Stunden täglich, erhalten aber nur die Hälfte des Männerlohns. Heimarbeit ist weit verbreitet. Um zu überleben, prostituieren sich viele Arbeiterinnen – man nennt es „das fünfte Viertel des Tages“. Hinzu kommen die elenden Wohnverhältnisse, Alkoholmissbrauch und gewalttätige Männer.

Die Kommunardin Louise Michel (1830 – 1905) schreibt: „Sklave ist der Proletarier, Sklave aller Sklaven ist die Frau des Proletariers.“ Zetkin, die 1882 eine 28-seitige Rezension über Michels Memoiren für „Die Neue Zeit“ geschrieben hat, sollte diesen Satz aufgreifen.

Paris friert und hungert während der Belagerung durch die preußischen Truppen im Deutsch-Französischen Krieg 1870. Frauen sind besonders betroffen, da sie für die Versorgung und die Kinder zuständig sind. Auf sich selbst gestellt, organisieren die Einwohner ihren Schutz und ihre Versorgung in den Stadtteilen selbst. Frauen sind in den neuen „Wachsamkeitskomitees“ in der Mehrheit.

Die im Februar 1871 gewählte reaktionäre Thiers-Regierung plant, sich dem neu gegründeten Deutschen Reich zu ergeben: Paris soll seine Waffen abliefern. Am 18. März 1871 sendet sie 6.000 Soldaten auf den Montmartre, um die Kanonen der Nationalgarde zu holen. Die Frauen schlagen Alarm. Sie verhindern, dass die Regierungssoldaten schießen, und zwingen sie zum fluchtartigen Rückzug aus Paris.

Die Frauen-Union

Ein revolutionärer Stadtrat wird errichtet. Die erste Arbeiterregierung der Welt entsteht. Überall bilden sich revolutionäre Frauenkomitees. Zu den Versammlungen kommen bis zu 4.000 Pariserinnen. Trotz männlichen Widerstands setzen Frauen auch ihre Teilnahme in bisher Männern vorbehaltenen Klubs durch – und ergreifen dort das Wort.

Sie organisieren selbstverwaltete Werkstätten, bilden Frauengewerkschaften, übernehmen die Neugestaltung des Erziehungswesens. Sie versorgen und pflegen die Verwundeten. Sie demonstrieren und kämpfen gar mit der Waffe in der Hand, was männlichen Protest hervorruft. Louise Michel leitet ein Frauenbataillon.

Besonders hervorzuheben ist die Anfang April gegründete „Frauen-Union zur Verteidigung von Paris und zur Pflege der Verwundeten“. Die Historikerin Edith Thomas nennt sie „weibliche französische Sektion der Internationale“. Es ist faszinierend nachzulesen, wie detailliert und durchdacht diese Organisation der Arbeit ist: Es geht um die Gründung von Frauenwerkstätten und Genossenschaften, um die Änderung der sozialen Produktionsverhältnisse und der Arbeitsbedingungen, um gleiche Entlohnung. Die Produktionsgenossenschaften liegen im Bereich der Komitees jedes Arrondissements. Die Frauen schreiben sich bei den Komitees ein. Die Arbeitskommission mit Leó Frankel an der Spitze arbeitet eng mit der Frauen-Union zusammen. Allein zwischen dem 11. April und dem 14. Mai initiiert die Frauen-Union fast täglich öffentliche Versammlungen. Die Ungleichheit der Geschlechter, erklärt sie, beruhe auf der Macht der herrschenden Klasse.

Die Frauen-Union wendet sich an die Bürgerinnen von Paris: „Paris ist abgeriegelt, Paris wird bombardiert … Die Stunde ist gekommen. Schluss mit der alten Welt! Wir wollen frei sein! Vorwärts zu den Toren von Paris, auf die Barrikaden!“

Nathalie Le Mel

Die bretonische Buchbinderin Nathalie Le Mel (1827 – 1921), Mutter von drei Kindern, ist Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation und nimmt an gewerkschaftlichen Streiks unter anderem für Lohngleichheit teil.

Mit dem Sozialisten Eugène Varlin gründet sie in Paris eine Konsumgenossenschaft für preiswerte Lebensmittel und die Arbeiterrestaurantkette „Der Kochtopf“ – eine selbstverwaltete Volksküche, die günstiges Essen bereitstellt. Während der Kommune sind es Hunderte von Hungrigen, die sie mit ihrer Volksküche versorgt.

Sie ist Mitgründerin und eine der Verantwortlichen der Frauen-Union, aktiv in der Kommission zur Organisation der Arbeit. Sie kämpft auf den Barrikaden und wird nach der Niederlage vom Kriegsgericht zur Verbannung nach Neukaledonien im Südpazifik verurteilt.

Nach der Amnestie 1879 kehrt sie nach Paris zurück, wo sie zunächst für die Zeitschrift der Opposition „L’Intransigeant“ („Der Kompromisslose“) arbeitet. Sie verlässt die Zeitschrift, als diese in der Dreyfus-Affäre eine antisemitische Position vertritt. Sie stirbt im Elend.

Elisabeth Dmitrieff

Elisabeth Dmitrieff (1850 – 1918?, eigentlich Elizabeta Luknitschna Tomanowskaja, geb. Kuschelewa) ist eine charismatische Russin. Die außereheliche Tochter einer Krankenschwester und eines adeligen Großgrundbesitzers genießt eine gute Erziehung. Im Nachbarhaus lebt der Schriftsteller und Autor Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski. Ihr Musiklehrer ist Modest Mussorgsky. Sie lernt Deutsch, Französisch, Englisch. Mit 16 Jahren begeistert sie sich für Marx, den sie den „modernen Moses“ nennt. Mit 17 geht sie eine Scheinehe mit einem älteren Oberst ein.

Sie reist nach Genf und nimmt dort Kontakt mit den exilierten russischen Revolutionären auf, darunter Anna Korwin-Krukowskaja und Nikolai Utin, mit dem sie eine russische Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation gründet. Sie reist zum Sitz der IAA nach London, wo sie Vertraute von Marx’ Töchtern wird. Während ihres dreimonatigen Aufenthalts besucht sie des Öfteren Marx und spricht mit ihm über die Lage in Russland.

Der Generalrat schickt „the Russian Lady“ als Korrespondentin der Kommune nach Paris. Über ihre Korrespondenz ist leider wenig bekannt. Im April 1871 kritisiert sie in einem Brief an Hermann Jung die übrigen Generalratsmitglieder in London, „die dort in Untätigkeit bleiben, während Paris an der Schwelle der Zerstörung steht … Die Pariser Bevölkerung schlägt sich heroisch (teilweise), aber man hat niemals damit gerechnet, so im Stich gelassen zu werden.“

Elisabeth Dmitrieff ist eine radikale Ideologin der Kommune, eine Aktivistin und Organisatorin. Es gelingt ihr, in kürzester Zeit viele Frauen zu mobilisieren. Sie ist Mitgründerin und führend in der Frauen-Union, mit zuständig für die Neuorganisation der Arbeit. „Da die Frauenarbeit am meisten ausgebeutet wird, ist deren sofortige Neugestaltung dringend.“ Dmitrieff will neue Produktionsformen initiieren, Berufsverbände gründen, die Konkurrenz zwischen Mann und Frau im Arbeitsleben abbauen, unter anderem durch gleiche Löhne. Und sie kämpft auf den Barrikaden.

Nach der „Blutwoche“ flüchtet sie über die Schweiz nach Russland, wird in Abwesenheit zur Deportation verurteilt. Sie folgt einem Abenteurer nach Sibirien. Ihre Spuren verlieren sich.


Florence Hervé (Hrsg.)
Louise Michel oder: Die Liebe zur Revolution
Dietz Verlag Berlin 2021
138 Seiten, 12,– Euro

Florence Hervé ist Herausgeberin des aktuellen Buchs über „die rote Jungfrau“ Louise Michel und ihren Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung, Frauendiskriminierung, Krieg, Kolonialismus und Rassismus, für eine kindgerechte Erziehung und ein respektvolles Verhältnis zu Natur und Tieren.


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"Wir wollen frei sein … Auf die Barrikaden!", UZ vom 21. Mai 2021



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