Zeit für Gegendruck

Werner Sarbok im Gespräch mit Jutta Markowski

UZ: Du kommst gerade von der regio­nalen Kundgebung aus Dortmund zurück. Wie war die Resonanz auf den Streikaufruf? Hat die Gewerkschaft den Nerv der Kolleginnen und Kollegen getroffen?

Jutta Markowski: Ganz offensichtlich. Wir haben mit 1 400 Kolleginnen und Kollegen lautstark und kraftvoll unsere Forderungen untermauert. Mit 6 Prozent mehr Gehalt und 100 Euro mehr für Azubis streiken wir für eine bessere Bezahlung. Aber auch die Forderung nach Abschaffung der sachgrundlosen Befristung und der garantierten unbefristeten Übernahme der Auszubildenden finden große Unterstützung.

Die Beschäftigten im Gesundheitswesen wollen aber auch Dampf machen für die Verhandlungen um die Entgeltordnung zum TVÖD im Bereich der kommunalen Arbeitgeber (VKA). Hier erwarten wir für die Gesundheitsberufe eine deutliche Aufwertung und angemessene Eingruppierung.

UZ: Wie ist die Stimmung und Streikbereitschaft unter den Kolleginnen und Kollegen im Betrieb?

Jutta Markowski: Die Kolleginnen und Kollegen leisten alle harte Arbeit und stehen unter einem immens hohen Druck. Ob die Reinigungskraft, die Beschäftigten der Ver- und Entsorgung, die Verwaltungsangestellten, Therapeuten oder die Pflege, das ganze Krankenhaus ächzt unter Personalmangel und erhöhtem Arbeitsaufkommen – und dann werden wir mit einem unterirdischen Angebot der Arbeitgeber verhöhnt? Das kommt nicht gut an!

Vielen KollegInnen ist durch die Rentendiskussion in den letzten Wochen deutlich geworden, dass sie von Altersarmut bedroht sind. Also ist der Kampf um höheren Lohn auch ein Beitrag zur Alterssicherung.

UZ: Es ist ja eine besondere Situation, wenn die Gewerkschaft die Beschäftigten der Krankenhäuser des Öffentlichen Dienstes zu Kampfmaßnahmen in einem Tarifkampf aufruft. Naturgemäß ist es leichter, seinen Schreibtisch oder seine Werkbank für einen Streik zu verlassen als pflegebedürftige Menschen. Hat sich da etwas im Bewusstsein der KollegInnen verändert?

Jutta Markowski: Unser Krankenhaus ist streikerprobt. Dennoch haben die die aktiv Streiken immer ein schlechtes Gewissen, ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Es ist für die KollegInnen im Notdienst immer ein Tag mit noch mehr Belastung, denn die Patienten müssen ja weiter versorgt werden. Durch rechtzeitige Notdienstvereinbarungen ist es aber gelungen, vom Regelbetrieb auf die Versorgung von Notfällen umzustellen.

Auch der Streik der Beschäftigten der Charité um einen Tarifvertrag zur Mindestbesetzung hat ausgestrahlt. Man hört immer häufiger von den Kollegen, dass wir mutiger werden müssen, um unsere Forderung nach mehr Personal durchsetzen zu können.

UZ: ver.di sorgt sich auch um die Attraktivität der Arbeitsplätze in den Kliniken und fordert höhere Entgelte auch mit Hinweis darauf ein, dass es Probleme gebe, junge Menschen für die Arbeit im Krankenhaus zu gewinnen. Kannst du das bestätigen?

Jutta Markowski: Absolut! Es gibt immer weniger Bewerber für die Pflegeausbildung, und viele fertig Ausgebildete bleiben nicht im Dienst am Bett. Hier spielt sicherlich auch die eklatante Unterbezahlung eine Rolle, aber nicht nur. ver.di liegt mit ihrer Kampagne „Mehr von uns ist besser für alle!“ genau richtig. 162 000 Beschäftigte fehlen in den Kliniken. Schaut man auf den fortschreitenden Konkurrenz- und Privatisierungsdruck der Krankenhäuser, wird klar, dass sie uns weiter auspressen wollen. Hier muss noch mehr Gegendruck aufgebaut werden.

UZ: Welche Eindrücke nimmst du von der heutigen Aktion mit?

Jutta Markowski: Der Streiktag heute war Mut bringend. Ist es doch eine schöne Erfahrung, wenn so viele unterschiedliche Berufsgruppen zusammenstehen, der Solidargedanke der Gewerkschaft ist unmittelbar erlebbar.

Besonders beeindruckend war der Jugendblock auf der Demonstration. So viele junge Gewerkschafter, die laut Bambule gemacht haben. Klasse!

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"Zeit für Gegendruck", UZ vom 29. April 2016



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