DHL verschärft mit unmöglichen Lieferversprechen den Widerspruch zwischen Zustellern und Kunden

Eine App, sie zu knechten

Bei der „Morgenandacht“ kriegt der Standortleiter einen roten Kopf. Die Qualitätszahlen stimmen nicht, Einschreiben werden nicht erkannt, in Zustellbezirken ganze Straßen immer wieder abgebrochen. Die Kundenbeschwerden erreichen in einer Woche Höhen, die einstmals in einem Jahr erreicht wurden. Er versucht, Arbeitsrichtlinien zu erklären, die durch die erneute Aufteilung von vier Bezirken vollkommen obsolet werden. Hier kann kaum noch jemand „nach Vorschrift“ arbeiten. Und selbst dem Standortleiter ist das klar. Aber was kann er tun?

Standortleiter bei der Post haben keinen leichten Job. Nur eine Lohngruppe über den Zustellern, werden sie mit „Produktivitätszahlen“ dazu gedrängt, die Zahl an Zustellern auf das für den Profit notwendige Maß zu reduzieren. Arbeit auf Abruf wird ausgeweitet und die Bezirkskenntnis der Zusteller dadurch immer schlechter. Gleichzeitig landen die Beschwerden bei ihnen. Stehen die Zusteller zusammen, werden die Standortleiter geradezu zerrieben.

Anfang April berichtete „Onlinehändler News“, das Nachrichtenportal der Onlinehändler, über Erweiterungen der DHL-App. Die Kunden können die Zusteller nun genauer online verfolgen, bis auf 15 Minuten wird ein „Zustellzeitfenster“ angezeigt. Das Werbeversprechen ruiniert sich an der Realität: Zustellrouten werden bis zur Grundstücksgrenze am Rechner bemessen. Jeder Briefkasten auf dem Grundstück, jedes Hochhaus und jeder ältere Kunde, der länger als die vorgesehenen 30 Sekunden zur Tür braucht, bringt diese Art der Bemessung zum Scheitern. Außerdem sind Zusteller Menschen mit menschlichen Bedürfnissen und hin und wieder Arbeiter mit dem Recht auf Pausen.

Das Kapital kann zwei Dinge tun: Bezirke so bemessen, dass die rechtzeitige Zustellung an Wohnungstür und Briefkasten möglich ist. Das würde Werbeversprechen einlösen und die Ankündigung des Pakets sogar hilfreich machen. Die andere Möglichkeit besteht darin, Bemessung, Arbeitsbedingungen und Service zu verschlechtern und damit jede Lieferankündigung obsolet zu machen. Das Kapital hat sich für die zweite Variante entschieden.

Dahinter steht eine einfache Logik: Bei Post und Paket sind die Lohnkosten der entscheidende Faktor. Die Ausbeutung kann nur gesteigert werden, wenn Postler mehr rennen. Nun ist aber eine Verhaltens- und Leistungskontrolle per Tarifvertrag ausgeschlossen. Also wird der Druck indirekt erhöht, durch immer neue Überwachungsinstrumente für die Kunden. Die sollen für den Druck auf die Zusteller sorgen.

Die gewerkschaftliche Antwort sind Schildchen: „Hier arbeitet ein Mensch“ oder „Auch Zusteller haben ein Recht auf Pause“, die auf Autos oder Fahrrädern angebracht werden. Das ist nett, verkauft aber den Schein, nämlich dass die Kunden das Problem wären, als Realität. Dass die Kundenerwartungen von der DHL geschürt werden und dass Aufklärung darüber die Kunden zu Verbündeten der Zusteller gegen DHL und den Überwachungs-, Datensammel- und Werbewahn machen würde, kam ver.di bislang offenbar nicht in den Sinn.

So wie die zusammenstehenden Zusteller den Standortleiter abprallen lassen und seine Probleme wie Produktivitätszahlen nicht zu ihren machen, wird auch eine solche Herangehensweise an die App-Überwachung erst betrieblich erkämpft und dann gewerkschaftlich verallgemeinert werden müssen. Das ist ein beschwerlicher Weg, der für rote Köpfe bei den beteiligten Gewerkschaftern und Kommunisten sorgt. Aber deren rote Köpfe lohnen sich wenigstens.

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"Eine App, sie zu knechten", UZ vom 10. April 2026



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