Als der Porzellanpfleger Joe Fernwright in Philip K. Dicks Roman „Galactic Pot-Healer“ („Der galaktische Topfheiler“, 1969) arm und von der Polizei verfolgt aufbricht, um einen einträglichen Job auf einem fremden Planeten anzutreten, überkommen ihn Zweifel. Er habe zu lange nicht seiner Berufung nachgehen können. Wer weiß, ob er kann, was er soll? Am Flughafen bekommt er geistlichen Zuspruch: „Sie haben gearbeitet und nicht gearbeitet. Nicht zu arbeiten ist die härteste aller Arbeiten“, heißt es in der Übersetzung von Joachim Pente (2019 im Verlag S. Fischer erschienen).
Ryland Grace (Ryan Gosling) bekommt in „Project Hail Mary“ weniger Zuspruch vor dem Himmelfahrtskommando, das schon der Filmtitel verspricht. Oder er kann sich an diesen nicht erinnern: Der zum Lehrer degradierte Molekularbiologe wacht in einem Raumschiff aus dem Koma auf und ist mit seiner Verwirrung allein auf weiter Flur. Denn die anderen beiden Raumfahrerinnen und Raumfahrer sind im Schlaf zu Schlafes Bruder übergegangen und so tot wie Graces Motivation, mit der Einsamkeit Lichtjahre von der Erde entfernt klarzukommen. Denn auch ohne die nachwachsenden Erinnerungen ist dem hyperintelligenten Kasper klar, dass ihn, anders als Dicks Pottreparateur, kein Topf voll Gold erwartet, sondern der Tod im All, ganz gleich, ob die Mission gelingt oder nicht.
Notwendig ist die wenig gnadenvolle Reise von Grace, allein ihm fehlt der Glaube: Sterne mümmelnde Zellen, „Astrophagen“, machen sich an der Sonne und an anderen Leuchten in der Galaxie zu schaffen. Die Erde droht zu erfrieren, auch die sofortige taktisch-nukleare Freibombung der Straße von Hormus und das Anwerfen aller Dieselmotoren der Welt könnten nicht verhindern, dass durch die Abkühlung ein beträchtlicher Teil der Menschheit innerhalb von drei Jahrzehnten draufginge. Grace weiß darum, könnte in seiner Schulklasse abzählen, wer alles nicht 50 werden wird, und trotzdem braucht er eine Extraeinladung, um sich selbst zu opfern. Die kommt von der ostdeutschen Vertretung der Europäischen Weltraumorganisation ESA, Eva Stratt (Sandra Hüller). Mit harter Hand streichelnd und notfalls Ushankaträger herbeipfeifend, trägt Stratt als Staatspersonal jenen Forscher zur Jagd, der auf der Erde eigentlich nicht mehr viel zu suchen hat, um den einen Stern in der Milchstraße zu inspizieren, der nicht kontaminiert wurde.
Die nötige Auflösung des Wunders betreibt die Menschheit nicht allein: Grace bekommt extraterrestrische Gesellschaft. Der spinnig-steinig-drollige Kerl, im englischen Original von James Ortiz gesprochen, wird Grace schrulliger Kumpan, die mit Rückblenden versehene Robinsonade zum ulkigen Kammerspiel im Kosmos.
Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Andy Weir, dessen Debüt „The Martian“ („Der Marsianer“, 2011) bereits von Amazon verfilmt wurde – 2015 schoss man dafür Matt Damon in die unendlichen Weiten und ließ ihn mit sich allein – gerät damit zur wissenschaftslastigeren Neuauflage von „Cast Away – Verschollen“ (2000). Mochte man damals mit der Beziehung zwischen Tom Hanks und Volleyball Wilson sympathisieren, freut sich das Publikum von „Der Astronaut“ nebst niedrigschwelligem Humor unter Otto-Waalkes-Niveau über die interkulturelle Assoziation von Mensch und Alien-Steinspinne. Die Freude währt zumindest so lang, bis die Einsicht kommt, dass zweieinhalb Stunden dafür zu lang sind und der Film das Gefühl performativ mitvermittelt, wie es ist, über vier Jahre in einem Raumschiff zu stecken. Es fehlt nur noch Sandra Hüller neben einem sitzend und mit sanfter Macht verhindernd, dass man vor dem Abspann den Kinosaal verlässt.
Der Astronaut – Project Hail Mary
Regie: Phil Lord, Chris Miller
Unter anderem mit Ryan Gosling, Sandra Hüller und Lionel Boyce
Im Kino









