Honorarsenkung für Psychotherapeuten trifft vor allem gesetzlich Versicherte

Nur noch Privatpatienten?

Seit dem 1. April erhalten Psychotherapeuten für ihre Leistungen 4,5 Prozent weniger Honorar. Das hatte der Erweiterte Bewertungsausschuss (EBA) am 11. März beschlossen. Eine Woche später, am 18. März, kündigte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) an, gegen diese Entscheidung eine Klage beim Landesgericht Berlin-Brandenburg einzureichen. Die KBV gehört allerdings selbst dem EBA an.

Widerstand regte sich bei Protesten in Hannover, Bremen, München, Düsseldorf, Mainz, Berlin, Stuttgart, Marburg, Saarbrücken und weiteren Städten. Noch sind es überwiegend die Psychotherapeuten selbst, die auf die Straße gehen. Doch die Hauptbetroffenen werden in Kürze die Patientinnen und Patienten sein. Zahlt die Kasse weniger, werden Psychotherapeuten, von denen es am Bedarf gemessen bereits heute viel zu wenige gibt, zunehmend ihre Kassenzulassung niederlegen und nur noch Privatpatienten aufnehmen. Oder sie wandern ab: in Kliniken, Krankenhäuser oder ins Ausland.

Die Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz beträgt laut Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung derzeit 142 Tage, also 4,5 Monate. Allerdings ist das für den Zeitraum vom Erstgespräch bis zur Vergabe eines Therapieplatzes gerechnet. Bis ein Erstgespräch zustande kommt, sind in vielen Fällen bereits Monate vergangen. Betroffene Patientinnen und Patienten wissen: Die Wartezeit beträgt nicht selten ein Jahr und mehr, gerechnet ab der Verordnung durch den Hausarzt.

Durch die neue Regelung wird die Zwei-Klassen-Medizin weiter verstärkt. Schon jetzt bieten oft nur noch Privatpraxen ein Erstgespräch an. Kassenpatienten müssen bereit sein, große Entfernungen auf sich zu nehmen – und das nicht nur auf dem Land. So warnte die Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen, dass die neue Regelung ein „fatales Signal“ sei und die psychotherapeutische Versorgung im Land gefährde.

Zu den am stärksten von psychischen Erkrankungen betroffenen Gruppen gehören Jugendliche. Die Befragungsreihe „Jugend und Corona“ der Universität Hildesheim ergab im Frühjahr dieses Jahres, dass 30 Prozent der 15- bis 30-Jährigen unter einer psychischen Erkrankung litten. Klima, Krieg, Krise und allen voran eigene Geldsorgen empfänden sie als besonders belastend. Wenige Jahre zuvor hatten mehr als 60 Prozent der Jugendlichen in der bekannten Studie der Bertelsmann-Stiftung angegeben, dass sie psychisch belastet sind und unter Einsamkeit und Zukunftsangst litten. Bei den über 60-Jährigen sieht das nicht anders aus. Jeder Zweite ist „psychisch belastet“ und mit zunehmendem Alter steigt die Zahl derer, die an Depression erkranken.

Und was ist mit den Menschen, die „mitten im Leben“ stehen, als Berufseinsteiger, als junge Familienväter oder -mütter? Gerade die „Generation Z“ (geboren zwischen 1995 und 2010), die von Konservativen gerne als „Lifestyle-Jugend“ geschmäht wird, sieht sich einem extremen Leistungsdruck ausgesetzt – von der Ausbildung und dem Studium bis zur Suche nach einem adäquaten Arbeitsplatz, der auch noch mit kleinen Kindern in Einklang gebracht werden muss. Jeder Zweite (48 Prozent) sieht sich laut YouGov-Umfrage „eher hohem“ bis „sehr hohem“ Stress ausgesetzt.

„Arbeit macht krank“, heißt es im Volksmund. Aber ist es wirklich „die Arbeit“, oder ist es unser kapitalistisches System, in dem Kapitalerträge, Selbstoptimierung und Individualisierung über allem stehen und Gemeinschaft und Solidarität auf der Strecke bleiben? Hier sei an die Studie des DGB im Rahmen des „Index Gute Arbeit“ erinnert, wonach 63 Prozent der Beschäftigten mindestens einmal im vergangenen Jahr krank zur Arbeit gegangen sind. 44 Prozent von ihnen hatten eine Woche oder länger krank gearbeitet. So werden Krankheiten verschleppt und chronifiziert. So entstehen und verschlimmern sich psychische Krankheiten. Laut „DAK Psychreport“ hat jeder dritte Mensch in Deutschland in seinem Leben mindestens einmal eine voll ausgeprägte psychische Störung. Überlange Wartezeiten auf eine Psychotherapie oder ihr gänzliches Fehlen verschlimmern die Lage. Und hier schließt sich der Kreis: Schon heute finden die meisten Patientinnen und Patienten erst dann eine Therapie, wenn sie bereits erheblich chronisch belastet sind. „Berufsfähigkeitsreduziert“ heißt das in der Amtssprache – der Punkt, an dem das kapitalistische System seine „unbrauchbar“ gewordenen Beschäftigten ausspeit.

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"Nur noch Privatpatienten?", UZ vom 10. April 2026



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