Eigentlich ist die Berichterstattung über die Oscar-Verleihung von ziemlicher Langeweile geprägt: Wer war mit wem da, wer hatte was an, und (der einzige interessante Teil) wer bekommt was und wer bekommt nichts. In politisch brisanten Zeiten von Krieg und Krise kommt das wesentlich Interessantere „Wer sagt was?“ hinzu. So auch bei der Verleihung der diesjährigen Academy Awards, wie die Oscars eigentlich heißen.
Nur, den deutschen Zuschauern der ARD blieb diese Information verwehrt. In den „Tagesthemen“ hieß es zu Bildern der Verleihung: „Im Dolby Theatre dann nur wenig Kritik am US-Präsidenten und seiner Kriegspolitik. Javier Bardem verbindet als einer von Wenigen seine Laudatio mit einem politischen Statement.“ Und dann hört man das Statement – vermeintlich. „No to war“, sagt der spanische Schauspieler, gefolgt von einem Einatmen. Bei den „Tagesthemen“ folgt ein Schnitt. „Der Abräumer des Abends ist …“ Das ist Zensur im Sinne der Staatsräson. Denn Javier Bardem sagte „No to war and free Palestine“. Das sollten die Zuschauer der „Tagesthemen“ nur nicht erfahren. Also wird einfach die Hälfte des Statements abgeknipst. Als hätte Wolfram Weimer persönlich den Beitrag geschnitten.
Die Menschen sind aber nicht völlig verblödet und schnell kursierte im Internet die Originalszene aus dem Dolby Theatre. Die Kritik schlug hohe Wellen. Und die „Tagesthemen“? Wenn man nach dem Beitrag sucht, findet man einen Korrekturhinweis: „Diese Sendung wurde nachträglich bearbeitet. In der Ursprungsversion des Beitrags über die Oscarverleihung war nur der erste Teil des Statements von Javier Bardem zu sehen (,No to war‘) – wir haben die Version korrigiert und sein Statement verlängert (,No to war and free palestine‘).“ Die Pointe dabei: Den Beitrag kann man sich aufgrund der Bildrechte der Oscarverleihung eh nicht mehr anschauen.
Wolfram Weimer, Kulturstaatsminister mit Gestaltungs- und ohne Rücktrittswillen, wird sehr zufrieden gewesen sein mit der Redaktion.
Apropos Weimer. Der hat in der vergangenen Woche völlig schamfrei die Leipziger Buchmesse eröffnet. Zwischen- und Buhrufe im, Demonstranten vor dem Saal – und auf der Bühne ein Kulturstaatsminister, der Meetings mit Politikern verkauft (und meint, nur weil er nicht mehr aktiv tätig, sondern nur Nutznießer ist, sei das okay) und der eiskalt verkündet, eben diese Politik habe eh nichts mehr zu melden. Im Gespräch mit der Zeitung „Die Zeit“ hatte Weimer behauptet, er wisse selbst nicht, was beim Verfassungsschutz gegen die drei vom Buchhandlungspreis ausgeschlossenen Buchhandlungen vorliegt. „Das darf uns der Verfassungsschutz nicht im Detail sagen.“
Wer kontrolliert hier also wen? Offensichtlich der Inlandsgeheimdienst die Politik, wenn allein die Meldung angeblicher Erkenntnisse dazu ausreicht, dass Buchhandlungen keinen Preis mehr bekommen, für den sie von einer Jury ausgewählt worden sind. Der arme Herr Kulturstaatsminister konnte also gar nicht anders, noch nicht mal die Faktenlage selbst bewerten – schöner Nebeneffekt. Und so rühmt er sich auf der Bühne: „Ich selber habe für die Meinungsfreiheit als Journalist und Verleger mein halbes Leben lang leidenschaftlich gekämpft. Immer wieder und gerade gegen den übergriffigen Staat“. Beispiele für seinen Kampf bleibt er schuldig. Und er findet: „Die Kategorie der Freiheit und die Kategorie der Förderung aber sind zwei ganz unterschiedliche Dinge.“ Aha.
Zur Erinnerung: Der leidenschaftliche Kämpfer für die Meinungsfreiheit hat gerade erst versucht, die Intendantin der Berlinale loszuwerden, weil sie Meinungsäußerungen über Palästina und Israels Völkermord nicht unterbunden hat.
In Deutschland sollen ungebetene Meinungen in der Kunstszene unterdrückt werden. Mit Raumnutzungsverboten, Streichung von Fördermitteln und dem Austausch von Intendanzen. Wenn das alles nicht fruchtet (weil Menschen wie Javier Bardem keine Förderung nötig haben), greift man anscheinend zum Mittel der Zensur. Damit im deutschen Fernsehen bloß keiner „Free Palestine“ sagt.









