Mit dem Band „Was dieses Land kann“ setzt Günter Pohl seine Reihe „Von der Ordnung der Welt“ auf zunächst einmal ungewöhnlich wirkende Weise fort. Erstmals sind es nicht die beiden liebgewonnenen Protagonisten Noem und Myop, die uns in rheinischer Debattierfreude ebenso lebhaft wie erkenntnisreich durch die Philosophiegeschichte geleiten und hierbei manchen Aberwitz kapitalistischen Denkens und Herrschens entlarven.
Stattdessen vereint das Buch mehr als 100 während der vergangenen zwei Jahrzehnte entstandene Glossen, die den zehn Themenfeldern „Das Personal“, „Die Medien“, „Die Freunde“, „Die Staatsräson“, „Die Kriegstrommeln“, „Die Kirche und ihr Gott“, „Die Menschenrechte“, „Die Europäische Union“, „Die Verwandtschaft“ sowie „Der Fußball“ subsumiert werden. Jedem Beitrag ist eine kurze Einordnung vorangestellt, die mit einem Hang zum Wortspiel und beißendem Spott in den beleuchteten Sachverhalt einführt. Auch innerhalb der Glossen selbst seziert der Autor mit analytischer wie sprachlicher Schärfe und einem bei aller Bitterkeit ob der geschilderten Zustände unverwüstlichen Humor die Prämissen, Mechanismen und unauflösbaren Widersprüche eines zwecks totaler Profitmaximierung auch vor der Menschheitsvernichtung nicht zurückschreckenden Glaubens- und Gesellschaftssystems.
Trotz der Abwesenheit des in den drei vorangegangenen Bänden munter und unverzagt die wirklich großen Ideen wälzenden Duos muss das Publikum keineswegs auf mancherlei philosophische und literarische Inspiration verzichten. Bei der Erlangung eines vertieften Verständnisses der unerquicklichen Gegenwart hilft es beispielsweise sicherlich, diese im Sinne Francis Bacons, seines Zeichens Begründer des Empirismus, als „eine durch die Jahrhunderte gereifte Zeit“ zu begreifen. Weitere geistesgeschichtliche Orientierung bieten unter anderem Bezugnahmen auf Bertolt Brecht, Georg Christoph Lichtenberg, Karl Kraus, Gabriel García Márquez, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Denis Diderot, Eduardo Galeano und Diego Armando Maradona.
Das dialektisch geschulte, bildungsgesättigte Anschreiben des Autors gegen den militärisch-industriellen Komplex in all seinen empörenden Facetten und Schattierungen könnte sich leicht zu einer pflichtschuldig-hölzernen Angelegenheit auswachsen, besäße Pohl nicht die Fähigkeit, vermeintlich diffizile Zusammenhänge und Prozesse mittels Bloßlegung der Tragödie als Farce exemplarisch zu veranschaulichen. Die fatale Simplizität und Vorhersehbarkeit bundesrepublikanischen Regierungshandelns erweist sich im titelgebenden Text etwa am Beispiel einer ehemaligen Grünen-Bundesvorsitzenden, denn sie wird „regelmäßig in die erste Reihe gerufen, wenn ein Medium die nächste Rüstungsrunde einläuten und dabei sichergehen will, dass keine Überraschung und kein Zögern zu erwarten ist: Schneller Waffen liefern, wie Ricarda Lang es möchte.“ Die viel beschworene rückhaltlose Unterstützung der Ukraine als „Verlängerung einer braunen Tradition“ zu kritisieren ist eine unerlässliche Gegenposition, wenn Wladimir Selenski zwei Mitgliedern des durch neonazistische Tendenzen gekennzeichneten Asow-Regiments es ermöglichen kann, ihre ultranationalistische Ideologie vor dem griechischen Parlament auszubreiten. Das als Staatsräson verbrämte Abnicken des durch den israelischen Staat im Verbund mit der extrem rechten Siedlerbewegung am palästinensischen Volk verübten Unrechts bringt die bittere Feststellung auf den historischen Punkt, die BRD habe schlicht und ergreifend „das beste Argument – ein zweites Auschwitz verhindern kann besser, wer für das erste verantwortlich war“.
Im Hinblick auf den seit etlichen Jahren anschwellenden politischen und medialen Kriegsgesang macht Pohl eindrucksvoll deutlich, „dass – bevor Schlagbäume zerstört werden – zunächst moralische Grenzpflöcke umgetreten werden müssen“.
Die christliche Religionsmaschinerie bekommt nicht minder pointiert ihr Fett weg. Wer noch eine Resthoffnung bezüglich der Selbstheilungskräfte des katholischen Missbrauchs- und Vertuschungskartells hegt, möge sich in „Das Beschweigen der Lämmer“ kurz und schmerzhaft vom Gegenteil überzeugen lassen.
Die selektive Eindimensionalität des Mehrheitsdiskurses um Menschenrechte führt Pohl mittels des Befundes klar vor Augen, dass ihre Realisierung „nicht eine Frage der Moral, sondern der materiellen Voraussetzungen“ darstellt. Nahtlos in die Behandlung der übrigen Themenfelder fügt sich der Fußball-Part des Buchs ein, denn eines gilt generell: „Gewalt kommt von oben.“
Insgesamt besteht ein wesentlicher Nutzen des Buchs darin, dass die über einen längeren Zeitraum verfassten Texte die Haltlosigkeit des zur Legitimierung eines rigorosen Kriegsertüchtigungskurses dienenden Begriffs der „Zeitenwende“ aufzeigen. Wie sich im Zuge ihrer Lektüre erschließt, entspringt die zunehmende innere und äußere Militarisierung keineswegs einer historischen Zäsur, sondern ist vielmehr in der politischen und ökonomischen DNA der BRD angelegt. „Was dieses Land kann“ lässt sich somit auch als Aufforderung verstehen, mit einer Umwälzung der hierfür verantwortlichen Herrschaftsverhältnisse zu beginnen. Entsprechende Gründe liefert Pohl jedenfalls zuhauf.
Günter Pohl
Was dieses Land kann. Von der Ordnung der Welt IV
CommPress Verlag, Essen 2026, 253 Seiten, 24 Euro
Erhältlich im UZ-Shop








