Die Behinderteneinrichtung „Kalmenhof“ im Faschismus

„Euthanasie“ im Taunus

Thomas Ewald- Wehner

Die Tötungsanstalt Hadamar hat schreckliche Bekanntheit erlangt. Weniger bekannt ist die ebenfalls in Hessen befindliche Behinderteneinrichtung „Kalmenhof“ in Idstein im Taunus. Der Kalmenhof wurde 1888 als fortschrittliche Einrichtung vermögender Frankfurter Bürger für „idiotische“ Kinder gegründet. Charles Hallgarten als New Yorker Bankier mit starken Frankfurt-Bezügen war Mitbegründer des Kalmenhofs. Hallgarten war nicht nur vermögend, sondern auch „Sozialreformer“ mit jüdischem Hintergrund. Sein Engagement für die Förderung lernschwacher und geistig behinderter Kinder mit der Beteiligung an der Gründung der ersten Frankfurter „Hilfsschule“ wurde gewürdigt, indem die nach seinem Tod 1913 gegründete dritte „Hilfsschule“ der Stadt nach ihm benannt wurde. Es versteht sich, dass der Name während der Nazi-Zeit getilgt wurde.

Ein Standardwerk zur „Euthanasie“ im Kalmenhof schuf 1983 Dorothea Sick. Das 126 Seiten umfassende Werk verfügt über eine starke „Dokumentation“. In diesem Teil der Arbeit sind zur Thematik zahlreiche Briefe, Zeitungsartikel und Fragebögen abgedruckt, die durch knappe Texte eingeordnet werden. Es wird nachvollziehbar, das allein von Januar bis April 1941 232 Kalmenhofer „Stammzöglinge“ mithilfe der „Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft“ in die Mordstätte Hadamar geschafft wurden.

Der „ökonomische Hintergrund“ wird mit Blick auf den kommenden Krieg aufgehellt: „Wirtschaftliche Mobilmachung, das hieß für die Bevölkerung Verzicht auf Konsumgüter, das hieß weiterer Lohnabbau und Abschaffung aller Mitbestimmungsrechte in den Betrieben und das hieß natürlich auch radikaler Abbau aller Sozialleistungen.“

Noch bevor die Tötungsmaschinerie auf volle Touren kam, wurden die Lebensgrundlagen der behinderten Menschen etwa durch Herabsenkung der Pflegesätze und die Einschränkung medizinisch-pflegerischer Unterstützung auch im Kalmenhof zur „Politik einer gezielten Ermordung“ verdichtet. Durch „Selbstversorgung“ durch einen der Anstalt angeschlossenen Großbauernhof konnten in Idstein die Kosten noch einmal gesenkt werden. Diese Politik wurde sozialdarwinistisch begründet: „Ballastexistenzen“ und „unnütze Esser“ sollten zum Zweck des „Wohlstands“ der sonstigen Bevölkerung „ausgemerzt“ werden. Begleitet wurde dieses „Programm“ von „rassehygienisch“ gerechtfertigter Sterilisierung von „Hilfsschülern“, Alkoholkranken und als „asozial“ eingestufter Menschen. Die Begründung hierzu lieferte schon früh Adolf Hitler in seiner Barbarenbibel „Mein Kampf“.

In Idstein wurden 719 standesamtlich registrierte Tote aus dem Kalmenhof erfasst; 323 davon wurden kirchlich bestattet. Das evangelische Sterberegister weist viele evangelisch Bestattete mit „Euthanasie“ oder schlicht nur mit „E“ aus. Der damalige Pfarrer Paul Boecker – ein Mann der „Bekennenden Kirche“ – führte eine Kirchenchronik, welche die Zeit der Schrecken in Idstein beschreibt. Die Angaben zu den Toten sind nicht vollständig. Schätzungen gehen von weit mehr als 1.000 Toten aus. Hinter dem Krankenhaus der Idsteiner „Kinderfachabteilung“ befindet sich an einem gottverlassenen Ort der heute kurioserweise als „Kriegsgräber“-Gedenkstätte bezeichnete Anstaltsfriedhof. Dort wurden weitestgehend anonym pro Grabstelle „Mehrfachbestattungen“ durchgeführt. Aus Kostengründen kam auch ein mehrfach nutzbarer „Klappsarg“ zum Einsatz.

Die meisten Kalmenhof-Toten auf den Idsteiner Friedhöfen wurden namenlos verscharrt. Ihnen einen Namen zu geben und sie damit dem Vergessen zu entreißen war eine politische Großtat. So sammelte ein Totengräber die Leukoplaststreifen mit den Namen der Ermordeten, die diesen zur Kennzeichnung zwischen die Schulterblätter geklebt worden waren.

In der Idsteiner evangelischen „Unionskirche“ hingen lange Zeit hinter der Kanzel an einem Gitter über 20 Grab-Nummernschilder. Diese Schilder stammten von dem – im wahrsten Sinne „gottverlassenen“ – Friedhof in der Nähe der Kalmenhof-Klinik. Es heißt, sie seien jetzt im Archiv der Kirche.

Schon während 1947 die als „Kalmenhof-Prozess“ bezeichnete Aufarbeitung beim Landgericht Frankfurt am Main stattfand – medial begleitet durch die Berichterstattung in der „Frankfurter Rundschau“ –, begann in Idstein das „große Vergessen“. Das „Prinzip Vergessen“ funktionierte in Idstein so gut, dass 1978 – anlässlich der 90-Jahr-Feier des Bestehens des Kalmenhofs – unwidersprochen behauptet wurde, dass es zur Nazi-Zeit keine „Euthanasie“-Toten gegeben habe. Das änderte sich erst mit dem Erscheinen der Arbeit von Dorothea Sick und einem großen Artikel in der „Idsteiner Zeitung“ vom 30. und 31. Januar 1982 unter der Überschrift „Endstation Kalmenhof – ein vergessenes Kapitel Geschichte“. Sick macht dem Leser ihrer Arbeit diesen aufschlussreichen Artikel durch Faksimile-Abdruck zugänglich.

Die mittlerweile in 3. unveränderter Auflage vorliegende Arbeit kann beim Idsteiner Verein „­Gedenkort Kalmenhof e. V.“, Im Vorderlenzen 25, 65510 Idstein (info@gedenkort-kalmenhof.de) zum Preis von 10 Euro angefordert werden.

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"„Euthanasie“ im Taunus", UZ vom 27. März 2026



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