Immer wieder ist in den vergangenen Jahren der geschichtspolitische Streit um das Erinnern insbesondere in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald aufgeflammt. Tatsächlich gibt es nur wenige historische Orte, an denen Häftlinge in dieser Form nicht nur Opfer waren, sondern auch Handelnde gegen die SS-Herrschaft, die erfolgreich für das eigene Überleben und ihre Befreiung kämpften. Somit ist das KZ Buchenwald aus unterschiedlichen Perspektiven ein Referenzpunkt für ideologische Auseinandersetzungen. In der DDR war die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald mit dem historischen Narrativ eine wichtige Erinnerungsstätte, in der sich das antifaschistische Selbstverständnis des Staates ausdrückte. Anfang der 1990er Jahre wurde versucht, diesen historischen Ort umzuschreiben und umzugestalten und den Antifaschismus abzuwickeln. Dass dies nicht in dem Umfang gelang, wie es sich die Regierenden vorgestellt hatten, hatte viel damit zu tun, dass sich die Überlebenden auf nationaler Ebene und mit dem Internationalen Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) engagiert in diesen geschichtspolitischen Streit einmischten und, so kann man es im Rückblick sagen, das Schlimmste verhinderten. Seit einigen Jahren ist die Zeit der Zeitzeugen abgelaufen. Nun scheint es angesagt, das politisch gewollte Geschichtsbild auf dem Ettersberg ohne deren störenden Einwände umzusetzen.
Sichtbar wurde das bereits im vergangenen Jahr, als bei der internationalen Kundgebung auf dem Appellplatz zum Befreiungstag in keiner der offiziellen Reden der Begriff „Selbstbefreiung“ gebraucht wurde. Es waren Teilnehmende des internationalen Jugendtreffens der Fédération Internationale des Résistants (FIR), die unter diesem Motto ihren Gedenkgang durchführten, und es waren spanische Jugendliche, die den Schwur von Buchenwald vom 19. April 1945 mit seiner Botschaft „Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln und Schaffung einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit“ auf dem Appellplatz vortrugen. Als eine Jugendliche zum Abschluss ihres Beitrags das militärische Vorgehen der israelischen Regierung in Gaza als Genozid bezeichnete, führte dies zu einem gewissen Eklat – der kommunikativ hätte gelöst werden können. Stattdessen entwickelte sich hieraus und aus einer später korrigierten Anweisung, Palästina-solidarische Kleidungsstücke nicht in der Gedenkstätte zeigen zu dürfen, ein monatelanger Konflikt, der bis zum Verwaltungsgericht ging. Wenig überraschend bestätigte das Gericht die Haltung der Gedenkstätte juristisch.
Der Aufruf „Kufiyas in Buchenwald“ verschiedener politischer Gruppen, diesen Konflikt anlässlich des diesjährigen Befreiungstages erneut mit Aktionen in der Gedenkstätte zu thematisieren, entwickelte sich für das Buchenwald-Gedenken kontraproduktiv. So waren die Buchenwald-Lagergemeinschaften der Meinung, man solle den politische Streit um die Einschränkungen der Palästina-Solidarität im Sinne der regierungsamtlichen Staatsräson nicht in der Gedenkstätte austragen – es gebe dafür passendere Orte wie das Bundeskanzleramt, den Reichstag und andere Zentren der Regierenden. Zwar nahm der Aufruf auch Bezug auf den Schwur von Buchenwald, jedoch stieß die Zielrichtung der Aktion bei denen, die sich seit Jahrzehnten für ein angemessenes geschichtspolitische Gedenken anlässlich des Jahrestages der Selbstbefreiung einsetzen, auf keine Begeisterung.
Vollkommen absurd wurde es, als die Auseinandersetzung um diesen Aufruf die mediale Öffentlichkeit erreichte. Die Leitmedien, allen voran die Springer-Presse, die viele Jahrzehnte hinweg das geschichtspolitische Erinnern in Buchenwald denunziert hatten, gerierten sich als „Verteidiger der Gedenkstätte Buchenwald gegen linksextremistische Angriffe“. Es war doch „Bild“, die noch in den 1990er Jahren mit Schlagzeilen wie „SS und Kommunisten gegen die Häftlinge“ oder andere Verleumdungen über die Lagergeschichte herzog. Nun behauptete sie, sie würde die Gedenkstätte unterstützen. Besonders unangenehm wurde es, als sich die Lobby-Verbände der israelischen Regierung zum „Schutz der Gedenkstätte“ aufschwangen. Hat man schon vergessen, wie der israelische Botschafter Ron Prosor im letzten Jahr dafür gesorgt hatte, dass der israelisch-US-amerikanische Philosoph Omri Boehm wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der Netanjahu-Regierung als Redner vom staatlichen Festakt in Weimar ausgeladen wurde?
Wenn in diesem Jahr auf dem Appellplatz bei der Kundgebung zum Befreiungstag protestiert werden sollte, dann aus einem anderen Grund, der ebenfalls mit geschichtspolitischen Angriffen auf die Gedenkstätte zu tun hat. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat sich nämlich selbst zu der Kundgebung der Gedenkstätte und des IKBD auf dem Appellplatz eingeladen. Wahrscheinlich hatte er gehört, dass im vergangenen Jahr seine Vorgängerin Claudia Roth bei der Befreiungsfeier gesprochen hatte, und möchte nun eigene Signale dagegen setzen. Welche Schwerpunkte Weimer für das zukünftige Erinnern setzt, hat er im November 2025 mit dem vom Kabinett beschlossenen Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung gezeigt. Grundsätzlich geht es ihm um die Durchsetzung der Totalitarismus-Doktrin, auch wenn er offiziell erklärt, dass keine Vermischung des Erinnerns der KZ-Zeit mit der Nachnutzung der Orte stattfinden solle.
Zudem versucht er, mit dem Fokus auf die Opferperspektive und die Shoah jeglichen Blick auf den antifaschistischen Widerstand und damit auch den aktiven Kampf der politischen Häftlinge für die Rettung der 21.000 mit der Selbstbefreiung am 11. April 1945 zu verdrängen. Dies geschieht nicht mit ideologischen Anweisungen, sondern viel subtiler mit der Lenkung finanzieller Fördermittel, die nur noch für Projekte eingesetzt werden sollen, die diesem Geschichtsbild entsprechen.
Auf Weimers Selbsteinladung reagierten die Lagergemeinschaften mit einem offenen Brief (UZ berichtete), der medial vielfach wahrgenommen wurde. Sie forderten Weimer nach all den kulturpolitischen Skandalen auf, von seiner geplanten Rede auf dem Ettersberg Abstand zu nehmen. Das sei der Würde des Ortes angemessen.
So versuchte auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse die PR-Abteilung des S. Fischer Verlags, einen Titel zu pushen, der wieder einmal die „DDR-Lastigkeit“ der Buchenwald-Erinnerung abwickeln soll. Ines Geipel, zuvor als „Doping-Expertin“ auf Kreuzzug gegen die DDR unterwegs, hat sich seit einiger Zeit des Themas Buchenwald angenommen – es verspricht mehr Aufmerksamkeit für ihre Anti-DDR-Kampagne. Tatsächlich wurde ihr Buch von den Feuilletons aller überregionaler Zeitungen rezipiert. Bezeichnend ist, dass die meisten Rezensionen von Autoren kamen, die sich erkennbar noch nicht mit dem Thema Buchenwald beschäftigt hatten, jedoch hinreichend Erfahrungen mit der Abwicklung des Antifaschismus der DDR haben. So wurde in keinem der „Qualitätsmedien“ auf inhaltliche Schnitzer in diesem Buch hingewiesen. Dass die auch dem Lektorat des Fischer-Verlags nicht aufgefallen sind, zeigt, mit welcher Intention der Verlag dieses Buch auf den Markt brachte – ganz sicher nicht, um einen Beitrag zur geschichtlichen Aufarbeitung zu Buchenwald zu leisten.
Es bleibt dabei: Der beste Schutz für die antifaschistische Erinnerung ist das geschichtspolitische Engagement all derer, die sich mit Buchenwald verbunden fühlen. Dazu gehört am 12. April 2026 nicht nur die Kundgebung des IKBD zum Jahrestag der Selbstbefreiung, sondern auch das Treffen der Nachkommen, ein Angebot der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, das sich in diesem Jahr explizit mit dem Thema des antifaschistischen Widerstands der Häftlinge beschäftigt. Sabine Stein, die ehemalige Leiterin des Archivs der Gedenkstätte, wird dazu mit ihren Kenntnissen der Geschichte und der Dokumente eine Einführung geben.









