Regierung Netanjahu setzt weiter auf Groß-Israel, wird solch ein Gebiet aber nie kontrollieren können

Überfordert in den Wahlkampf

Sieht man die prächtige Skyline von Tel Aviv oder Bilder aus Haifa, Städte, die nachts hell erleuchtet sind, wirkt es, als sei der Krieg für Israel nur eine geringfügige Störung. So begrüßt laut Umfragen die überwiegende Mehrheit (etwa 80 Prozent) zumindest der jüdischen Israelis den Krieg gegen den Iran. Doch mit steigenden Kriegskosten, fehlenden Einnahmen aus Tourismus, zerstörten Radaranlagen, zu Dutzenden verbrannten Panzern im Libanon, mit der Einberufung von Hunderttausenden Reservisten, die nach wiederholten Dienstzeiten erschöpft und demotiviert sind, droht Chaos. Im Oktober dieses Jahres stehen Wahlen an und der Wahlkampf hat bereits begonnen.

Während Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ursprünglich gehofft hatte, nach einem erfolgreichen Regime-Change im Iran vorgezogene Wahlen gewinnen zu können, ist diese Idee passé. Die Israelis unterstützen zwar den Krieg, sein Initiator aber würde keinen Gewinn daraus ziehen können. Tatsächlich gibt es in Umfragen weder für Regierungskoalition noch Opposition eine Mehrheit.

Benjamin Gantz, der einstige Hoffnungsträger europäischer Politiker, betonte, Israel müsse den Krieg gegen Iran fortsetzen, um sich die „Freiheit seiner Handlungen“ zu erhalten. Der frühere Ministerpräsident Naftali Bennet kritisierte in einem Interview mit dem israelischen „Channel 12“: „Die jetzige Führung weiß nicht, wie man gewinnt, nicht in Gaza, nicht im Libanon und nicht im Iran.“ Damit griff er eine Aussage des Generalstabschefs Eyal Zamir auf, der gewarnt hatte, die israelische Armee sei einem derartigen Druck ausgesetzt, dass ihr Zusammenbruch drohe.

Das ist nicht nur Wahlkampf. Hisbollah sei geschwächt, hieß es über viele Monate in Tel Aviv. Doch weiter fliegen Rakete und Drohnen aus dem Libanon in den Norden Israels, immer wieder geraten israelische Soldaten in Hinterhalte.

Es bräuchte 20.000 weitere Reservisten, um Abhilfe zu schaffen, heißt es. Wieso 20.000 Reservisten die Armee vor dem Kollaps retten sollen, wo doch schon mehrere Hunderttausend eingezogen wurden, erschließt sich nur aus dem Kontext. Noch immer werden die ultraorthodoxen Religionsschüler von der Einberufung verschont. Zwar gilt seit Herbst 2024 für sie keine Ausnahme mehr von der Wehrpflicht – doch nur ein kleiner Teil von ihnen folgt der Einberufung. Je länger der Krieg andauert und je härter die Kämpfe werden, umso drängender wird dieses Thema. Für viele Israelis, die wieder und wieder zum Wehrdienst eingezogen werden, ist es inakzeptabel, dass die Religionsschüler davon ausgenommen sind.

Finanzminister Bezalel Smotrich hatte erneut unwidersprochen dazu aufgerufen, den Süden des Libanon bis zum Fluss Litani zu annektieren. Doch wie vor 20 Jahren kann die israelische Armee die Hisbollah offenbar nicht überwinden. Zwar zerstört Israel seit Monaten – schon lange vor Beginn des Krieges gegen den Iran – echte oder vermeintliche Ziele der Hisbollah im Libanon, doch die Angriffe auf Städte im Norden Israels halten an, viele der Einwohner fliehen in den Süden. Anders als bei den Angriffen nach dem 7. Oktober werden die Einwohner nicht von Staats wegen evakuiert. Im Gegenteil: Netanjahu fordert sie auf, vor Ort zu verbleiben, um den Eindruck von Normalität zu erhalten. Auch das ist vermutlich bereits Teil des Wahlkampfs.

Auch wenn die Zensur in Israel jede unabhängige Berichterstattung verhindert, ist doch klar, dass der Traum von „Groß-Israel“, den nicht nur Netanjahu und seine Regierung träumen, nicht erreichbar ist. Westbank, Syrien, Libanon, Gaza und nun Iran und Jemen – selbst mit Hilfe der USA ist ein Staat, kaum größer als Hessen, mit der Kontrolle dieser Gebiete überfordert.

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"Überfordert in den Wahlkampf", UZ vom 3. April 2026



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