Per Wahlöös Krimi-Dystopie „Mord im 31. Stock“

Weimerer Republik

Schweden in einer nahen, dystopischen Zukunft: Der sich fürsorglich gebende Staat gleicht einer Diktatur, die Publizistik ist in einer Hand konzentriert, das Volk mit Boulevard ruhig gestellt. Kommissar Jensen eilt zum Verlagshochhaus, es gab eine Bombendrohung, das Haus wird evakuiert, es ist leer bis zum 30. Stock. Dort, wo der Fahrstuhl endet. Doch was befindet sich darüber?

Kommissar Jensen – der als einziger in diesem Hörspiel einen Namen hat – versucht, den Urheber der Drohung zu ermitteln. Das Papier, auf dem sie verfasst ist, ist eindeutig dem Verlagshaus zuzuordnen, für verdiente Mitarbeiter wurden darauf Urkunden gedruckt. Doch bei seinen Nachforschungen läuft Jensen gegen Wände des Schweigens. Schnell wird von Seiten des Verlagshauses ein Täter präsentiert, Jensen von den Ermittlungen abgezogen. Doch etwas kann an der glattgebügelten Geschichte nicht stimmen. Jensen forscht weiter – und eine Katastrophe kündigt sich an.

Der schwedische Schriftsteller Per Wahlöö, bekannt für die mit seiner Partnerin Maj Sjöwall geschriebenen Krimireihe um den Kommissar Martin Beck, hat mit „Mord im 31. Stock“ eine düstere Zukunftsvision geschrieben. Nicht nur die Medien, die gesamte Gesellschaft scheint wie gleichgeschaltet, der Staat greift massiv in die Privatleben der Menschen ein. Über die restliche Politik, ob Außen- oder Innen-, erfährt man sonst nichts. Doch das Gefühl sagt einem, dort geht nichts Gutes vor. Die Ruhe, die die Herrschenden an der Heimatfront erzeugen, muss ja für etwas gut sein.

„Mord im 31. Stock“, 1982 von Wolfgang Gremm unter dem Titel „Kamikaze 1989“ mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle verfilmt, ist bei „ARD Sounds“ in einer deutschen Hörspielfassung von 1982 zu hören. Unter der Regie von Hermann Naber hat Radio Bremen für die Produktion die erste Riege der deutschen Hörspielsprecher versammelt – von Nicole Heesters bis Christian Brückner. In seinem Podcast „Kein Mucks!“ stellt Bastian Pastewka den Zweiteiler vor – inklusive einer Einordnung, die zeigt, wie brandaktuell das Thema auch heute ist, das der Marxist Wahlöö hier zum Krimistoff gemacht hat.

Wen oder was versteckt aber nun der namenlose Verleger in dem namenlosen Verlagshaus, dem einzigen in dem namenlosen Staat? Spoilern darf man bei einer Krimi-Rezension natürlich nicht, auch nicht, wenn es sich um ein fast 50 Jahre altes Hörspiel dreht. Nur so viel sei verraten: Es gibt Verbrechen, es gibt eine Katastrophe, aber ermordet wurde im titelgebenden 31. Stock kein Mensch.

Per Wahlöö sei Krimifans generell sehr ans Herz gelegt. „Mord im 31. Stock“ ist kein typischer Wahlöö, sei aber trotzdem wärmstens empfohlen. Mit wenigen Sätzen zeichnet Wahlöö die Kulisse eines Staates, in dem die (Meinungs-)Freiheit abgeschafft ist und es der Bevölkerung kaum auffällt.

Anhören sollten sich die nicht nur nachdenklichen, sondern auch hervorragend gemachten zwei Folgen aber nicht nur Krimifans. Sondern auch diejenigen, die meinen, Kulturstaatsminister Wolfram Weimers Agenda sei eine zufällige. Wer Krieg führen will, braucht eine ruhige Heimatfront. Die gibt es nur, wenn es keine kritischen Künstler gibt und keine Journalisten, die über ihre Arbeiten berichten. Manche zensieren dafür Aussagen in der „Tagesschau“, verunglimpfen Buchhandlungen und versuchen Festival-Leiterinnen loszuwerden. Andere sperren solche Leute in einen 31. Stock.

Kein Mucks!
Der Krimi-Podcast mit Bastian Pastewka
Mord im 31. Stock
Folge 1 – Der Drohbrief
Folge 2 – Die Katastrophe
Von Per Wahlöö
Unter anderem mit Nicole Heesters, Arnold Marquis, Jürgen Thormann, Christian Brückner
Regie: Hermann Naber
Abrufbar unter ARD Sounds

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Weimerer Republik", UZ vom 3. April 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Baum.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit