Wie in jedem März trafen sich auch in diesem Jahr Freunde, Verwandte, ehemalige Kollegen und Kriegsgegner am Gedenkstein in Sassnitz, um an eine Katastrophe zu erinnern. In der Nacht vom 17. auf den 18. März 1999 sank in der Ostsee, auf halber Strecke zwischen Rügen und Bornholm, die „Beluga“. Drei ostdeutsche Fischer starben. Warum ihr Schiff unterging, ist bis heute nicht geklärt. Weshalb aber wurde dieses Unglück zum „Cold Case“? Über die Ostsee führen schließlich die am besten überwachten Wasserstraßen der Welt. Dennoch passieren dort hin und wieder Sachen, die ein Geheimnis bleiben. Etwa die Sprengung der Gasleitungen Nord Stream I und II im September 2022 – übrigens unweit des Unglücksortes der „Beluga“, was gewiss ein Zufall war.
Das Interesse der ermittelnden Behörden in Deutschland an der Aufklärung des Schiffsunglücks war mäßig. Das befremdete die Sassnitzer Kollegen und erst recht die Angehörigen der toten Seeleute. Die Kapitänswitwe betrieb aktive Ursachenforschung auf eigene Faust und fragte beispielsweise beim Bundesverteidigungsministerium in Bonn an. Es habe in dem Seegebiet, in welchem das Boot ihres Mannes sank, ein Militärmanöver gegeben. Könnte es eventuell einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Untergang der „Beluga“ und dem Manöver geben, erkundigte sich die Witwe. Und sie bekam auch Bescheid: Nein, natürlich nicht.
Journalisten des NDR verfolgten den Fall – inzwischen ein Vierteljahrhundert lang. Sie recherchierten, publizierten, dokumentierten. Auch sie bissen überall auf Granit. Oder in Watte. Wenn etwa Informanten aus Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht öffentlich bezeugten, was sie gesehen oder gehört haben wollten. So blieb, was sie hinter vorgehaltener Hand berichteten, nur Gerücht. Unbewiesen, juristisch unverwertbar. Ja, die Angst geht um. Den Verlust des Jobs in der Kriegswirtschaft fürchtet mancher mehr als den Krieg selbst.
Wenige Tage vor dem Beginn des völkerrechtswidrigen NATO-Angriffs in Jugoslawien 1999 hatte es in dem Seegebiet vor Bornholm ein NATO-Manöver gegeben. Die „Beluga“ war, darauf deuten seriöse Gutachten hin, nachts unter eine Trosse (ein dickes Tau aus Stahldraht) geraten, die das Schiff binnen neunzig Sekunden unter Wasser gedrückt hatte. Ein deutsches und ein französisches Schiff seien Parallelkurs gefahren, die Stahltrosse von Bug zu Bug straff gespannt. So sollen im Kriegsfall kleine gegnerische Überwassereinheiten gestoppt und Seeminen untergepflügt werden. Die Kriegsschiffe seien, so ein Informant gegenüber den Journalisten, abgeblendet und unter elektronischer Tarnung gefahren, nicht erkennbar auf dem Radar. Ostseefischer beobachten im Umfeld militärischer Übungen immer wieder funkelektronische Störungen, die ihre Sicherheitstechnik ausschalten. Vermutlich ist also auch die „Beluga“ blind in ihr Unglück gefahren. Alle beteiligten und ermittelnden Staatsdiener schwiegen, Dokumente gab es angeblich nicht, Zusammenhänge wurden vertuscht und Aufzeichnungen gelöscht.
Die DDR hatte ab dem Jahr 1958 eine jährliche Ostseewoche unter dem Motto „Die Ostsee muss ein Meer des Friedens werden“ veranstaltet. Daran nahmen alle Anrainerstaaten teil. Die DDR ist nicht mehr und die Ostsee alles andere als ein Meer des Friedens. Auf dem Wasser und an den Gestaden ist das Kriegsgeschrei groß und sorgt angeblich für wirtschaftlichen Aufschwung in der Region. Vier Tage vor Weihnachten 2024 titelte etwa die „Ostseezeitung“ (OZ): „Hoffnung für Werft Wismar: Milliarden-Auftrag für U-Boote“. IG Metall und SPD-Politiker der Region hätten den Zuschlag begrüßt. Die gleiche Postille am 24. April 2025: „Zeitenwende: Hochschulen in MV forschen für den Krieg – Uni Rostock soll an U-Boot-Jäger mitgearbeitet haben“. Im Innenteil forderte ein Kommentator „keine Forschungsverbote“ und den Abbau von Hemmnissen, „die zivil-militärische Forschungskooperationen erschweren“.
Ende August vergangenen Jahres war der Kanzler in Rostock gewesen. Nach der Besichtigung des neu eingerichteten nationalen Hauptquartiers fürs künftige Kriegsgebiet (Merz: „Die Bedrohung durch Russland ist real“) flog er zur Fregatte „Bayern“, die vor Warnemünde kreuzte. Die „Ostseezeitung“ bejubelte die demonstrative Visite in mehreren unkritischen Beiträgen, während Kriegsgegner protestierten. Der Friedenspolitische Sprecher der „Linken“ im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Torsten Koplin, erklärte, es spreche Bände, dass der erste Besuch des Bundeskanzlers in MV militärischen Einrichtungen gelte. Wohl wahr. Merz wusste aber auch sonst nicht, wo ihm der Kopf stand. In seiner Abschlusserklärung zeigte er sich sehr beeindruckt, was „die Bundeswehr hier an der Nordsee“ leiste. Nun, zwischen Nord- und Ostsee gibt es schon gewisse Unterschiede, auch wenn beide gleichermaßen als maritime Schlachtfelder vorgesehen sind. Headline der „Ostseezeitung“ am 2. Februar dieses Jahres auf der ersten Seite: „Panzerrampen, Gleise, Kräne: Rostocker Hafen investiert für die NATO. Seehafen soll kriegstüchtig werden.“
Waren die drei Sassnitzer Fischer von der „Beluga“ also bereits die ersten Kriegstoten?
Michael Schmidt
Cold Case auf der Ostsee.
Der Fall BELUGA
verlag am park in der edition ost, 240 Seiten, 20 Euro
Erhältlich unter uzshop.de









