Vom großen deutschen Philosophen Immanuel Kant, der berühmt für seine pedantisch geordnete Lebensweise war, gibt es die nicht verbürgte Anekdote, bei der sich Folgendes zugetragen haben soll: Während einer seiner mittäglichen Tischgesellschaften in seinem Haus im damaligen Königsberg – heute Kaliningrad – wozu er immer gern einige seiner Studenten einlud, soll er nach seinem treuen Diener Martin Lampe geschickt und von ihm verlangt haben, dass er ihm zum Nachtisch etwas Obst bringen solle. Dieser antwortete, dass er ihm kein Obst bringen könne, sondern nur Äpfel, Birnen oder Trauben, so Lampe, der damit Kants Philosophie herausforderte. An seine Studenten gewandt soll er dann sinngemäß ausgeführt haben, dass das Ding an sich für uns grundsätzlich unerreichbar und unbekannt sei. Es sei der gänzlich unbestimmte Gedanke von Etwas überhaupt, von dem wir nichts wissen können.

So schön, so gut, was sagt uns das in Bezug auf die „ostdeutsche Küche“? Vermehrt findet man in den aktuellen Medien eine Hinwendung zur selbigen. Jüngst las ich, dass man sogar vorsichtig von einer neuen ostdeutschen Küche sprechen würde, als ernsthafte Auseinandersetzung mit Herkunft, Improvisation und gesunder Selbstbehauptung, als „Kochen unter Bedingungen des Mangels“. Wenn von Würzfleisch mit Dresdner Worcestersauce als einem „authentischen DDR-Gericht“ philosophiert wird, bleibt einem der Broiler im Halse stecken. Mit Jägerschnitzel, Soljanka, Tote Oma, Grünen Klößen und Ketwurst will man uns, wie es scheint, die Geschichte der DDR-Kulinarik nachträglich erklären.
„Weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu essen, bitte sehr …“, heißt es in Brechts Lied. Essen muss jeder. Wie er es aber tut, das gibt Auskunft über den Zustand einer Gesellschaftsordnung, über ihre Menschlichkeit und deren Kultur. Meine eigenen Erfahrungen besagen, es hat in der DDR keine Not geherrscht – und hungern musste auch niemand. Essen ist, nach Marx – wie Wohnen und Sich-Kleiden eines der elementaren Bedürfnisse des Menschen, das er befriedigen muss, um überhaupt leben zu können. Hier sollte man gleich – ganz im Kant-schen Sinne – einen Küchenirrtum beseitigen: eine „DDR-Küche“ gab es nicht. Es gab ein breites und vielfältiges kulinarisches Angebot in Restaurants, Hotels, Betriebskantinen, Schulen und Gaststätten, zum Beispiel in Sachsen, Thüringen oder an der Küste, und immer unter der Prämisse, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“, denn persönliche Vorlieben und ästhetische Empfindungen sind subjektiv und können nicht durch rationale Argumente bewiesen oder widerlegt werden.
Gekocht wurde nach ganz unterschiedlichen Rezepten, neuen und alten. Der erste deutsche Fernsehkoch der DDR war Kurt Drummer, seines Zeichens Chefkoch des Berliner Interhotels. Er prägte seit 1958 mit seiner Sendung „Der Fernsehkoch empfiehlt“ die Kulinarik des Landes. Er moderierte 650 Folgen von 1958 bis 1983. Ihm zur Seite stand der Fernseh-Fischkoch Rainer Kroboth, bekannt geworden durch seinen legendären Ausspruch „Säubern, säuern, salzen“, damit sollte häusliche Küche und Herd für lukullische Experimente angeregt werden. Die Lebensmittelindustrie der Republik blieb nicht untätig: 1983 entwickelte das Ernährungsinstitut in Rehbrücke das neue Aroma „Rindfleischbraten mit Geschmack“, 1985 kreierte die VEB Suppina die Instant-Fruchtkaltschale Erdbeere, 1986 schuf der Milchhof in Prenzlau das Frühstücksdessert „De Sötschnut“ und 1988 kam vom VEB Fischfang Rostock die Fischschnitte mit Weißkohl und Kümmel – eine Liste, die sich beliebig fortsetzen lässt. Die Liebe zum Essen lebt auch in der kleinsten Küche.
Auch in der DDR gab es so etwas wie eine Do-it-yourself-Bewegung, Brot wurde selbst gebacken, Pralinés wurden von Hand gefertigt, Kefirpilze vermehrt und Schnaps in der eigenen Destille gebrannt: Kocherlebnisse in der Küche gehörten genauso zum Alltag wie die diversen Angebote in den Restaurants. Es gab Krebsschwanzcocktails, Lady-Curzon-Suppe, Kalbsmedaillons in Madeirasoße mit Pommes-Chips, Krebs mit Fasan, Austern und Zitronenschaumcreme mit flambierten Kirschen, auch diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, fündig wird man in den Menükarten nicht nur der Interhotels der DDR. Liebhaber einer exotischen Küche griffen nach den Kochbüchern und Rezeptheften von Ursula Winnington, die von ihren Küchenfans gern nachgekocht wurden. Bleibt mit Immanuel Kant nur zu sagen, „Sie werden bei mir nicht Philosophie lernen, aber – Philosophieren, nicht bloß Gedanken zum Nachsprechen, sondern denken.“ In diesem Sinne, erst denken, dann schreiben und kochen! Genießen in der DDR war deshalb authentisch, weil es bunt und vielfältig war, ganz zum Verdruss aller Besserwissender.








