Zu den geschichtspolitischen Kontroversen seit dem Ende der DDR gehört die Selbstbefreiung der Häftlinge von Buchenwald durch das Internationale Lagerkomitee (ILK) und die Internationale Militärorganisation (IMO) am 11. April 1945. Immer wieder wird dieser Vorgang zugunsten einer Befreiung durch die US-Armee geleugnet. Es ist vollkommen unstrittig, dass erst mit dem Heranrücken der alliierten Streitkräften die Selbstbefreiung möglich wurde, gleichzeitig ist und bleibt es eine Tatsache, dass es den politischen Häftlingen des KZ Buchenwald – als einzigem Lager – möglich war, die Befreiung von innen heraus zu organisieren.
Anfang April 1945 kam die Order aus Berlin, dass die verbliebenen Häftlinge des KZ Buchenwald auf Transporte in andere Lager geschickt werden sollten. Dem politischen Widerstand war klar, die Befreiung war nur noch wenige Tage entfernt. Daher wurde versucht, solche Transporte nach Möglichkeit zu verhindern.
Am 6. April kommandierte die SS 46 Häftlinge, 32 Deutsche, fünf Holländer, vier Tschechen, drei Österreicher und zwei Polen, ans Lagertor. In der Häftlingsschreibstube war durchgesickert, ein Spitzel habe sie als angebliche „Führer des Widerstands“ denunziert. Das ILK beschloss: „Die aufgerufenen Häftlinge stehen unter dem Schutz des Internationalen Komitees und werden im Lager versteckt! Wer der SS hilft, die 46 Versteckten zu finden, ist ein Verräter, ein Feind. Exekutionen der SS werden nicht mehr geduldet.“
Die Gesuchten wurden an verschiedenen Orten im Lager versteckt. Der Häftlings-Lagerschutz musste zwar das Lager nach den 46 Häftlingen durchsuchen – blieb jedoch „erfolglos“. Das war nicht nur eine Botschaft an die SS, sondern auch gegenüber den Mithäftlingen. „Hier gibt es eine konspirative Widerstandskraft, die in der Lage war, sich der SS zu widersetzen.“ Diese Botschaft wurde verstanden.
Am 8. April, einem Sonntag, erklärte der SS-Lagerführer: „Bis 12 Uhr muss das Lager leer sein.“ Der SS-Rapportführer brüllte durch das Mikrofon: „Lagerältester, aufmarschieren lassen!“ Es geschah jedoch nichts. Um 14 Uhr marschierte die SS in schwer bewaffneten Kolonnen durch das Eingangstor, stellte zwei Maschinengewehre auf und sperrten den Appellplatz ab. Eine Gruppe von SS-Leuten drangen bewaffnet in die Blocks ein und prügelte Häftlinge hinaus. Auf diese Weise wurden innerhalb einer Stunde knapp 10.000 Häftlinge herausgetrieben. Die Hälfte wurde zum Weimarer Bahnhof gescheucht. Die anderen blieben bis zum Abtransport unter Bewachung ukrainischer SS-Freiwilliger unter freiem Himmel.
Am 8. April 1945 setzte das ILK einen Funkspruch in englischer, deutscher und russischer Sprache an die US-Armee ab: „An die Alliierten, an die Armee des Generals Patton – hier Konzentrationslager Buchenwald – SOS – wir bitten um Hilfe – die SS will uns vernichten.“ Es dauerte nur eine kurze Zeit, bis eine Antwort der US-Armee in englischer Sprache aufgefangen werden konnte: „KZ Buchenwald – aushalten – wir eilen Euch zu Hilfe – Stab der 3. Armee.“
Am kommenden Tag gab es einen neunstündigen Fliegeralarm, so dass die Räumung nicht fortgesetzt werden konnte. Am Dienstag, 10. April, befahl der Lagerkommandant: „Das Lager wird heute restlos evakuiert. Um 11 Uhr gehen die russischen Kriegsgefangenen in einem Sondertransport ab, dann folgen alle übrigen Häftlinge zu 4.000 Mann in Abständen von je zwei Stunden.“ Doch erst mit deutlicher Verspätung formierte sich der Transport der Kriegsgefangenen. Die IMO hatte ihnen Messer, Schlagwaffen und andere Instrumente zur Selbstverteidigung übergeben, um sich gegen Versuche der SS wehren zu können, den Transport zu liquidieren.
Am 11. April 1945 waren noch etwa 21.000 Häftlinge, darunter 904 Kinder und Jugendliche, im Lager. Dieser Tag markierte für alle Häftlinge das Ende der SS-Herrschaft. Es begann damit, dass es keinen morgendlichen Zählappell gab. Um 10.15 Uhr meldete die Sirene „Feind-Alarm“. Um 12.10 Uhr hörten die Häftlinge zum letzten Mal die verhasste Stimme des Rapportführers Hofschulte: „Sämtliche SS-Leute aus dem Lager.“ Jedoch blieben die Wachtürme besetzt und im Außenbereich waren Teile der Postenkette zu erkennen.
Aufklärer der IMO entdeckten Kampfhandlungen in Hottelstedt, einem etwa einen Kilometer vom Lager entfernten Dorf. Um 14 Uhr marschierte eine Kompanie SS-Reserve in Richtung Front, setzte sich dann aber in Richtung Osten ab. In dieser Situation, als amerikanische Truppen in direkter Nähe des Lagers waren, entschied sich das ILK für einen Aufstand und erteilte dem Leiter der IMO die Freigabe der Waffen. Wie in vielen Übungen erprobt, stießen daraufhin die internationalen Kampfgruppen gegen die Türme und die gesamte Lagerumzäunung vor. Gleichzeitig wurden an bestimmten Durchbruchstellen die Tore und Drahthindernisse niedergerissen, die Postentürme besetzt, mit den dort erbeuteten Waffen weitere Häftlinge ausgerüstet.
Jorge Semprún (1923 – 2011), spanischer Schriftsteller, Résistancekämpfer, Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens von 1942 bis 1964, Häftling im Kleinen Lager, Autor zahlreicher Bücher über Buchenwald, von 1988 bis 1991 spanischer Kulturminister, schilderte diesen Tag mit folgenden Worten:
„Die Kampfgruppen sammelten sich an den zuvor festgelegten Stellen. Um 15.00 Uhr gab das militärische Komitee den Befehl, die Aktion zu beginnen. Die Kameraden brachen plötzlich vor, Waffen im Arm: automatische Gewehre, Maschinenpistolen, einige Handgranaten, Parabellums, Panzerfäuste … Waffen, die in langen Jahren geduldig gesammelt worden waren für den heutigen, so unwahrscheinlichen Tag.
‚In Gruppen formiert!‘ brüllte Palezon, der militärisch Verantwortliche der Spanier. Wir waren, ebenfalls brüllend, aus den offenen Fenstern gesprungen. Jeder wusste, welche Waffe für ihn bestimmt war. An Sonntagnachmittagen hatten wir, ohne die Waffen, dies alles, diesen Zeitplan geübt, inmitten der ausgehungerten, desorientierten Menge; alles, alles war schon Reflex geworden. Später marschierten wir nach Weimar, bewaffnet. Als es Nacht wurde, erreichten uns die Panzer Pattons auf dem Wege. Zuerst ungläubig, dann, nach unseren Erklärungen, begeistert, entdeckten die Panzer diese bewaffneten Gruppen, diese fremden Soldaten in Lumpen.“ (Aus: „Glocke vom Ettersberg“, II-1997)
David Rousset (1912 – 997), französischer Schriftsteller, Résistancekämpfer, interniert in verschiedenen KZ, nach 1945 Journalist und Abgeordneter für die gaullistische Partei, beschreibt, wie französische Häftlinge diesen Tag erlebt haben:
„Der Lagerschutz gibt die Waffen aus der Effektenkammer aus. Gleichzeitig beginnt die Verteilung am Hygiene-Institut. Die Tschechen treten schnell vor dem Block an; es sind 30 Mann. 20 weitere kommen hinzu. Die Spanier, die Franzosen, die Deutschen und die Russen sind die ersten am Stacheldraht. Den Wachen auf den Türmen wird zugerufen, sich zurückzuziehen. … Eine Gruppe von Franzosen greift eine Maschinengewehrstellung an, die die Ukrainer (SS-Hilfswillige) verlassen haben. Der Stacheldraht wird an drei Stellen fast gleichzeitig durchbrochen. Erste amerikanische Panzer fahren auf der Straße Hottelstedt/SS-Revier vorbei, ohne anzuhalten. Sie fahren Richtung Weimar. Die SS auf dem Turm wird entwaffnet und gefangen genommen.“ (Aus: „Le Serment de Buchenwald“, No. 264, 1996)
Bis zur Nacht wurden etwa 120 Gefangene gemacht. Die Zahl stieg in den zwei folgenden Tagen auf insgesamt 220. Untergebracht wurden sie im Block 17. Alle Gefangenen wurden den eintreffenden amerikanischen Truppen übergeben. Es gab keine Selbstjustiz.
Um 15.15 Uhr flatterte die weiße Fahne auf dem Haupttor. Der Lagerälteste Hans Eiden verkündet durch das Mikrofon „Kameraden, wir sind frei! Die Faschisten sind geflohen. Das internationale Lagerkomitee hat die Macht übernommen. Wir fordern euch auf, Ruhe und Ordnung zu bewahren.“
Paul Bodot und Emmanuel Desnard, zwei Aufklärer der US-Armee, die als Kämpfer der Résistance im Sommer 1944 in die US-Armee eingetreten waren, berichteten:
„Es war der 11. April 1945. Ich war als Sergeant beim Übersetzerstab der Military Intelligence, dem Kampfkommando ‚B‘, zugeteilt, das zur 4. Panzerdivision der 3. Armee des General Patton gehörte. Unsere Aufgabe gab uns eine bestimmte Unabhängigkeit, so dass wir uns an diesem Tage, unserer Abteilung vorauseilend, ein Stück von der Marschroute entfernt hatten. Auf einem Feld bemerkten wir eine Gruppe Gefangener, die von bewaffneten Zivilisten bewacht wurden.
Wir hielten an und wurden von demjenigen, der das Kommando führte, empfangen. Es war ein Belgier, der uns mitteilte, dass einige Kilometer entfernt sich das Lager Buchenwald befände, in dem sich rund 22.000 Deportierte befänden, die sich durch einen Angriff auf die Wächter selbst befreit hätten. Sie hätten bewaffnete Gruppen aufgestellt wie die seinige und machten nun Jagd auf entflohenes Wachpersonal. Er schlug vor, uns zum Lager zu führen, und nahm, nachdem Leutnant Desnard zugestimmt hatte, auf der Motorhaube unseres Jeeps Platz. Er führte uns über Felder und dann durch einen Wald zum Eingang des Lagers.
Unsere Ankunft ist nicht zu beschreiben. Wir wurden durch die Verantwortlichen des Befreiungskomitees empfangen (das sich aus Deportierten verschiedener Nationalitäten zusammensetzte). Sie sagten uns, dass wir die ersten seien, die das Lager beträten.
Unser Eintreffen in Buchenwald war eher zufällig. Wir konnten uns nicht aufhalten, da unser Kommando seine Marschroute einhielt und wir es schnellstens wieder erreichen mussten.
Zu unserer großen Überraschung trafen wir dann nach einigen hundert Metern auf einer Straße amerikanische Fahrzeuge, deren Fahrer nicht ahnten, dass sie so nahe bei einem der berüchtigten Lager waren.“ (Aus: „Le Serment de Buchenwald“, No. 120, 1978)
Unser Autor ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR).
Lasst nicht nach in eurer Wachsamkeit
Vor 25 Jahren, am 9. April 2001, starb der jüdische Kommunist Emil Carlebach. Geboren am 10. Juli 1914, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, trat er 1931 dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) bei. 1933 und 1934 wurde er wegen antifaschistischer Tätigkeit verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Nach Verbüßung der Haft wurde er ins KZ Dachau verschleppt, 1938 dann nach Buchenwald verlegt. Dort wurde er Blockältester des Judenblocks und Mitglied der illegalen Internationalen Lagerleitung.
Zum 50. Jahrestag der Selbstbefreiung hielt er seine letzte große Rede als Vizepräsident der Überlebendenorganisation der Buchenwaldhäftlinge. Damals musste die angerückte Politprominenz noch gute Miene machen. Im Angesicht der Zeitzeugen war es noch nicht möglich, den organisierten Widerstand im KZ und die Rolle der Kommunisten darin zu leugnen.
Wir dokumentieren die Rede von Emil Carlebach am 9. April 1995 in Buchenwald anlässlich des 50. Jahrestages der Selbstbefreiung des KZ im UZ-Blog.









