Werkschau von Renate Müller in Klaffenbach bei Chemnitz

Knautschen und knutschen

In der DDR kannte jedes Kindergartenkind ihre lustigen Tiere aus Jute, Leder und Holz. Die handgefertigten Nashörner, Krokodile und Flusspferde von Renate Müller waren mit Holzwolle gefüllt. Jedes ein Unikat, auch wenn in Serie gefertigt. Und alle für den Gebrauch bestimmt. Die Kinder knautschten, knutschten und knuddelten sie. Die DDR ehrte ihre Schöpferin mit diversen Preisen. So bekundete der Staat, wie wichtig er die Arbeit der Spielmittelgestalterin aus Sonneberg nahm. Renate Müller bekam 1978, als zum ersten Mal der Preis „Gutes Design DDR“ vergeben wurde, diesen auch prompt. Die FDJ hatte ihr Jahre zuvor schon die Medaille „Kleiner Trompeter“ überreicht – für ihr „therapeutisches Spielzeug“, das Renate Müller mit Ärzten und Therapeuten für Betreuungs- und Fördereinrichtungen entwickelt hatte.

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Renate Müller bei der Ausstellungseröffnung am vergangenen Samstag (Foto: Frank Schumann)

Im Oktober wird Renate Müller 80, was das Wasserschloss Klaffenbach zum Anlass nahm, die in ihrer Sonneberger Manufaktur noch immer tätige Künstlerin mit einer Werkschau zu ehren. Das Schloss liegt im Süden von Chemnitz, der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas. Auf mehreren Etagen des mit EU-Mitteln aufwendig restaurierten Bauwerks aus dem 16. Jahrhunderts sind unter dem erklärenden Titel „KunstHANDWERK + SpielTHERAPIE + KindUMWELT“ ein Vierteljahr lang Arbeiten von ihr zu sehen. Die Exposition wurde am letzten Samstag eröffnet: unter einer sehr interessanten Holzkonstruktion unterm Schlossdach. Dieser Bürgersaal, einst Speicher, in welchem auch Feiern, Empfänge, Seminare und andere Kulturveranstaltungen stattfinden, war bis auf den letzten Stuhl besetzt. Und davon gab es genau 160. Das heißt: Die Ostdeutschen kennen diese Frau und schätzen unverändert ihre Arbeiten, auch wenn diese heute zumeist als „Designobjekte“ in Galerien von Japan über USA bis nach China gezeigt werden, aber kaum in deutschen Galerien. Sammler gibt es auch nur in Übersee.

Günter Höhne, der vermutlich beste Kenner der Formgestaltung in der DDR, würdigte die Künstlerin, die sich anschließend wie ein Teenager über die Bühnenbalustrade schwang, um wortreich ihm und allen zu danken, die an ihrer Entwicklung direkt und indirekt beteiligt waren. Renate Müller, geborene Lindemann, stammt aus dem thüringischen Sonneberg, was unschwer am Klang ihrer Worte zu merken ist, die rasch und ungebremst aus ihr heraus­purzeln. Bereits ihre Vorfahren hatten Spielzeug unter reformpädagogischen Gesichtspunkten entwickelt. Die Eltern schickten sie 1964 an die Sonneberger Fachschule für angewandte Kunst, wo sie von Helene Haeusler unter die Lehrer-Fittiche genommen wurde. Haeusler war vom Bauhaus beeinflusst, was man allein an ihrer Materialwahl sah. In der Spielzeugstadt Sonneberg drehte sich alles um Plüschtiere – Haeusler kam Ende der fünfziger Jahre mit alten Zuckersäcken. Das grobe Material, Rupfen genannt – weshalb Müllers Kreationen „Rupfentiere“ heißen –, war in der Branche Provokation und Revolution in einem. In ökonomischer Hinsicht für die DDR aber von Vorteil.

Aus der Sonneberger Manufaktur der Eltern wurde 1972 der VEB Therapeutisches Spielzeug, später VEB Sonni. Dort war Müller als Gestalterin angestellt, bis sie sich 1978 – inzwischen Mitglied des Verbandes Bildender Künstler der DDR (VBK) – selbstständig machte. Im VBK wurde sie Gründungsmitglied und später Leiterin der auch international aktiven Arbeitsgruppe „Kindumwelt“. Das alles erledigte sich 1990. Nur eben nicht Müllers künstlerische Ambitionen. Sie kaufte den elterlichen Betrieb zurück und nannte ihn „Renate Müller Spielzeug + Design“. Dort ist sie unverändert tätig, entwirft, schneidet zu, näht und stopft Holzwolle in die Rupfenfiguren (genäht auf unkaputtbaren Industrienähmaschinen aus dem VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge, bekannt als Veritas, 1992 von der Treuhand liquidiert). Nachwuchs ist nicht in Sicht, Tochter und Sohn leben und arbeiten im Westen Deutschlands in anderen Branchen. Sie will weitermachen, so lange es geht.

Der Besuch der Ausstellung lohnt. Diese erzählt nicht nur über eine einzigartige Künstlerin, die in Deutschland ihresgleichen sucht, sondern auch über das Land, in dem sie ausgebildet wurde und sie tätig war für kommunale und Betriebskinderkrippen und -gärten sowie für „Rehabilitationseinrichtungen für behinderte Kinder“, wie das damals in der DDR hieß. Souverän auch die Begleittexte. Die Kuratoren Kathi Halama und Eva Kühnert erwiesen sich resistent gegenüber dem Zeitgeist, der üblicherweise ostdeutsche Lebensstationen und Ereignisse mit Kommentaren überzieht.

Renate Müller Werkschau 1965 – 2025
Wasserschloss Klaffenbach/Chemnitz vom 12. Juli bis 19. Oktober,
geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr.

Eintritt: 8 Euro

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"Knautschen und knutschen", UZ vom 18. Juli 2025



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