Zur Bewusstseinslage der abhängig Beschäftigten in Vorkriegszeiten

Nicht wieder stillhalten!

Diejenigen, die zusammendachten, was zusammengehört, gab es immer. Vor 1914 sammelten sie sich um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Beide wurden nicht müde, den Zusammenhang herzustellen von Massenverarmung und eingeschnürter Meinungsfreiheit auf der einen und Aufrüstung und Kriegsgeschrei auf der anderen Seite. In den Köpfen der deutschen Arbeiterklasse und anderen Teilen der Lohnabhängigen aber gab es ein merkwürdiges Nebeneinander: Da war das Bewusstsein, nicht der Klasse anzugehören, die Panzerkreuzer auf Panzerkreuzer auf die Werften schieben ließ – auch als Erbe der bis zur Jahrhundertwende noch revolutionären deutschen Sozialdemokratie, die sich zu Karl Marx und Friedrich Engels bekannte. Da waren aber auch das Vertrauen in Gott, Kaiser und Vaterland und die von allen Medien geschürte Furcht vor dem russischen Zarismus. Die Haltung, beim großen Krieg nicht mitmachen zu wollen, und der antirussische Deutschland-Taumel hoben sich in Millionen Köpfen gewissermaßen gegenseitig auf. Auch deshalb setzten viele Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Füße nicht in Bewegung, um die Kriegsgefahr zu stoppen. Als dann die Kanonen donnerten und die Repressionen gegen alle Kriegsgegner zunahmen, war es zu spät. Erst 1918 setzte sich millionenfach die Erkenntnis durch, dass frühere Gegenwehr gut gewesen wäre. Diese Erkenntnis führte immerhin zur Vertreibung des Kaisers und zu einer halben Revolution.

Eine Kriegsvorbereitung später hatte die KPD plakatiert: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“ Dieser Losung folgten Millionen. Auch die sozialdemokratisch wählenden Arbeiter nickten auf Veranstaltungen, Kundgebungen und in den Diskussionen zu den Argumenten der Kommunistinnen und Kommunisten. Sie blieben aber stumm gegenüber ihrer Forderung, den drohenden zweiten großen Krieg mit dem Mittel des Streiks zu stoppen. In ihren Köpfen stand die Einsicht, dass die Krupps die Krauses ins Verderben treiben würden, erneut neben Russenhass und Angst. Auch hier hob sich beides auf und ließ erneut die Füße stillstehen. Am Ende war es wieder zu spät und der Protest äußerte sich nur noch still. Zum Beispiel in den Todesanzeigen für Soldaten. „Gefallen für Führer, Volk und Vaterland“ – dieser Stehsatz stand 1940 noch in rund 80 Prozent der Anzeigen, 1944 nur noch in 10 Prozent. 1945 bis 1949 fand in denselben Köpfen millionenfach die Einsicht, dass Imperialismus und Krieg eine Einheit bilden, wieder zusammen. Immerhin führte das diesmal wenigstens in einem Teil Deutschlands zur Beseitigung des Kapitalismus und zur Gründung der DDR. Aber wieder war die Einsicht in die Zusammenhänge bei Millionen erst nach der Katastrophe gekommen.

Nun also zum dritten Mal. Auch heute gibt es eine millionenfache Ablehnung gegen Wehrpflicht und die Erkenntnis, dass der Verlust von Arbeitsplätzen und Einkommen, die ständig steigenden Preise die Kehrseite von Aufrüstung, Sanktionen und Kriegsgetrommel sind. Und wieder steht neben dieser Einsicht der erneut herangezüchtete Russenhass – diesmal nicht auf Zar oder Stalin, sondern auf Putin. Wieder blockiert dieses Propagandageheul zusammen mit der aufkommenden Furcht vor dem sozialen Abstieg die Füße derer, die auch auf die Ostermärsche gehört hätten.

Bertolt Brecht wies auf das große Karthago hin, das drei Kriege führte und nach dem dritten nicht mehr auffindbar war. Noch ist es nicht zu spät, diesmal die Dinge im Kopf vorher zusammenzubringen und sich in Bewegung zu setzen gegen Imperialismus, Verarmung, Angst und Krieg.

[author_box]

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Nicht wieder stillhalten!", UZ vom 10. April 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Stern.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit