Ein tödlicher Arbeitsunfall in der Montagehalle der Firma „Lahn Technology Solutions“ steht am Anfang der Krimireihe von Christiane Jansen. Opfer ist der Außenseiter Sascha Zurawski. Er stürzt von der Galerie in die Tiefe und wird dabei durch am Boden stehende Bohrer aufgespießt. Die Betriebsratsvorsitzende Kassandra „Kassi“ Hübner ist eine der Ersten an der Unfallstelle. Keine Sekunde lang denkt sie an ein Gewaltverbrechen. Doch in dem Bestreben aufzuklären, wie es zu diesem furchtbaren Unfall kommen konnte, und weitere Gefahren für die Mitarbeiter abzuwehren, stellt sie Fragen zur Sicherheit im Betrieb. Warum beispielsweise hatte das Geländer an der Galerie nachgegeben? Und warum wurden die Bohrer ausgerechnet unter der Galerie gelagert? Das war untypisch und warf zumindest für Kassi Fragen auf.
Als engagierte Betriebsratsvorsitzende, die immer ein Ohr in die Belegschaft hat, weiß Kassi, Zurawski war nicht besonders beliebt und viele haben ihn lieber von hinten gesehen. Aber dass jemand nachgeholfen haben könnte und den Tod Zurawskis wie einen Unfall aussehen ließ, schließt Kassi zunächst aus. Erst allmählich stößt sie bei ihren Nachforschungen auf den Mitarbeiter Viktor Basler, der ein Geheimnis mit sich rumzutragen scheint. Sie trifft auf Sascha Zurawskis Eltern, die offenbar wenig Interesse am Leben ihres Sohns zeigen. Und in der Wohnung des Kollegen zeigt sich, dass Zurawski offenbar viel Geld gehabt haben musste – deutlich zu viel für einen kleinen Angestellten. Und so verdichten sich die Hinweise darauf, dass der Unfall vielleicht doch kein Unfall war. Bei dem Versuch, Klarheit in den Tathergang zu bringen und ein Motiv aufzudecken, gerät Kassi in Berührung mit der extrem gewalttätigen Snuff-Porno-Szene, in die auch Viktor Basler verstrickt zu sein scheint.
Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Stattdessen soll darauf hingewiesen werden, dass die Geschichte weitergeht. Fall 1 ist unter dem Titel „Kollegen im Abgrund“ abgeschlossen, doch beim Besuch eines Betriebsräteseminars in einer gewerkschaftlichen Bildungsstätte geschieht erneut ein Mord. Und erneut sind Kassis kriminalistische Fähigkeiten gefordert. „Lehrlingsbande“ lautet der Titel von Jansens zweitem Band. Ermordet wurde Jannik, ein junger Kollege in Ausbildung und seit Kurzem in der Jugend-und-Auszubildende-Vertretung. Als Betriebsratsvorsitzende legt Kassi nicht nur Wert auf guten Kontakt zur JAV, sondern weiß auch, wie wichtig eine gute Bildung für die Persönlichkeitsentwicklung insbesondere der jungen Kolleginnen und Kollegen ist.
Im Mittelpunkt von Fall zwei steht jedoch nicht nur Jannik, sondern auch dessen neue Freundin Lupita sowie der eifersüchtige Nebenbuhler Linus. Der löst nicht nur große Panik bei Jannik aus, sondern verlässt am Morgen nach dem Mord auch Hals über Kopf die Bildungsstätte. Doch schon bald ist klar, hier geht es um mehr als um Eifersucht. Warum beispielsweise taucht Janniks Vater, ein reicher Anwalt, am nächsten Morgen in der Bildungsstätte auf und erteilt all jenen eine Absage, die eine Trauerfeier planen? Und welche Rolle spielt der Motorradclub MC Snakebite? Liegen die Ursachen für den Mord möglicherweise weit zurück in der Vergangenheit? Auch in ihrem zweiten Mordfall bringt Kassi Licht ins Dunkel. Ihre Nachforschungen führen sie schließlich zu Thorben Lamberti, einem Mitarbeiter der Lahn Technology Solution. Sie stößt dabei auf Drogenschmuggel und gerät wiederholt in große Schwierigkeiten.
Spannungsgeladen, engagiert und mit dem Blick der sogenannten kleinen Leute erzählt Christiane Jansen ihre Kriminalgeschichten. Ihre Kulisse ist die Arbeitswelt, ihre Prota-gonisten sind Jugendvertreter und Betriebsräte. Kenntnisreich beschreibt die Autorin die Arbeit im Industriebetrieb und man fällt sofort hinein in eine Welt fordistischer Produktionsprozesse, brummender Maschinengeräusche und der Gerüche aus Metall und Schmierfett – eine Welt, die seit eineinhalb Jahrhunderten die Erwerbsbiografien von Millionen von Menschen prägt. Jansens unverstellter Blick auf diejenigen, die tagtäglich unter den Bedingungen industrieller Fertigung ihren Mann und ihre Frau stehen müssen, macht ihre Kriminalgeschichten authentisch und lesenswert. Sie beschreibt nicht die Welt der oberen Zehntausend, sondern die der arbeitenden Mehrheit. Und bewusst entscheidet sie sich dafür, dass nicht superschlaue Detektive, engagierte Kriminalkommissare oder hochstudierte Anwälte den Mord aufklären, sondern eine junge Betriebsrätin, die dabei auf ihren Alltagsverstand, ihren Sinn für die Wahrheit und ihre Menschenkenntnis zurückgreifen muss. So wird aus der Erzählung über die kleinen Leute eine Erzählung für die kleinen Leute. Gut recherchiert, kurzweilig geschrieben, flüssig erzählt. Jansens Kriminalgeschichten sind lesenswert, spannungsgeladen und ein Geheimtipp für alle Krimi-Fans.
Bei Lesungen verrät die Autorin, die übrigens einige Jahre als hauptamtliche Gewerkschaftssekretärin gearbeitet hat und noch immer in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit tätig ist, dass Kassis dritter Fall bereits in Arbeit ist. Mehr als fünf Bände soll die Serie allerdings nicht haben. Doch wer sich durch die Bücher liest und Jansen zuhört, dem fällt es schwer zu glauben, dass die Autorin das Schreiben nach Band 5 aufgeben wird. Und in der Tat: Es wäre ein großes Glück für alle Krimi-Fans, Christiane Jansen würde auch nach Band 5 einfach weiterschreiben.
Christiane Jansen
Kollegen im Abgrund
Die Betriebsrätin Band 1
BoD, 300 Seiten, 15,– Euro
Christiane Jansen
Lehrlingsbande
Die Betriebsrätin Band 2
BoD, 370 Seiten, 17,– Euro








