Israel geht es im Libanon nicht um die Entwaffnung der Hisbollah, sondern um Landnahme

Zerstörung, Vertreibung, Besatzung

Mit einer begrenzten Operation habe das Vorgehen Israels im Libanon nichts zu tun. Es handle sich um eine „Invasion“. Das sagte der libanesische Kulturminister Ghassan Salamé am Freitag in der Euronews-Flaggschiffsendung „Europe Today“. Die Pläne Tel Avivs, eine Pufferzone südlich des Litani-Flusses einzurichten, stellten aller Wahrscheinlichkeit nach einen langfristigen territorialen Eingriff dar. Ganze Dörfer würden zerstört, um Bedingungen zu schaffen, die eine Rückkehr der Zivilbevölkerung unmöglich machten. Selbst die prowestliche libanesische Regierung sieht sich gezwungen, neue Töne anzuschlagen: Israel verletze massiv die Souveränität des Libanon, heißt es. Man werde eine Beschwerde beim UN-Sicherheitsrat einlegen.

Israel führt völlig bewusst eine humanitäre Krise im Libanon herbei. Der Zedernstaat ist ohnehin durch eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise, die Aufnahme von etwa 1,5 Millionen Flüchtlingen aus Syrien und den Krieg, der seit Oktober 2023 anhält, gebeutelt. In den vergangenen drei Wochen wurden nach Angaben von UNICEF jeden Tag durchschnittlich 19.000 Kinder im Libanon vertrieben – insgesamt 370.000. Mehr als 1,2 Millionen Menschen wurden entwurzelt, was etwa 20 Prozent der libanesischen Bevölkerung entspricht. Über 1.140 Menschen haben bereits mit ihrem Leben bezahlt. Die Grundversorgungsleistungen brechen zusammen, Wassersysteme sind nicht mehr funktionstüchtig, über 435 Schulen mussten in Notunterkünfte umgewandelt werden.

Krankenwagen im Visier

Israel zerstört gezielt überlebensnotwendige Infrastruktur. Getroffen werden unter anderem Krankenhäuser und Rettungsteams, die Überlebende israelischer Angriffe bergen wollen. Wie bereits in Gaza wendet die israelische Armee sogenannte Double-Tap-Strikes (Doppelschläge) an. Dabei wird ein Ziel zweimal nacheinander in kurzem Abstand angegriffen, um diejenigen zu treffen, die den Opfern zu Hilfe eilen. Diese Strategie dient dazu, die Bevölkerung einzuschüchtern. Dass man gezielt Krankenwagen angreift hat Israels Militär inzwischen ganz offen zugegeben. Angeblich würden diese von der Hisbollah genutzt. Im Süden des Landes wurden mehrere Brücken bombardiert, wodurch mehr als 150.000 Menschen isoliert sind und ihr Zugang zu lebenswichtigen Gütern stark eingeschränkt oder gar gekappt ist.

Tel Aviv hat keinen Hehl daraus gemacht, was seine Ziele im Libanon sind. Man werde das Land zu einem „neuen Gaza“ machen, gab ein israelischer Armeevertreter den Startschuss. Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, die Streitkräfte arbeiteten daran, das „Rafah-und-Beit-Hanoun-Modell“ im Südlibanon umzusetzen – also ganze Städte und Ortschaften dem Erdboden gleichzumachen. Während in westlichen Medien immer noch behauptet wird, Israel habe zum Ziel, die Hisbollah zu entwaffnen, haben die Invasoren von Anfang an deutlich gemacht, worum es geht: nicht nur die Kämpfer der Hisbollah sind im Visier, sondern auch das „Umfeld“ der einzigen Kraft, die seit ihrer Gründung zu Beginn der 1980er Jahre wirksamen Widerstand gegen israelische Invasions- und Besetzungsversuche geleistet hat. Beseitigt werden sollen also nicht nur Bewaffnete, sondern auch ihre Anhänger und all diejenigen, die das völkerrechtlich verbriefte Recht des Libanon, sich gegen Angriffe und Besatzung zu wehren, unterstützen. Zugleich soll die gezielte Zerstörung ziviler Infrastruktur die Bevölkerung gegen die Hisbollah aufbringen – eine Strategie, die bereits im Jahr 2006 angewandt wurde und nach den südlichen Vororten Beiruts als „Dahiya-Doktrin“ benannt ist.

Im Schatten des Iran-Kriegs

Die von Israel verbreitete Behauptung, einziges Ziel des Kriegs sei die Entwaffnung der Hisbollah, hält einer Überprüfung nicht stand. Israelische Militärs haben inzwischen zugegeben, dass die Pläne für eine neuerliche Intensivierung des Kriegs längst in der Schublade lagen. Die von der Hisbollah nach der Ermordung des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei auf Israel geschossenen Raketen waren allenfalls ein willkommener Anlass. Schon Monate vor Beginn des Kriegs gegen den Iran hat Tel Aviv dem Libanon mit einem erneuten Überfall gedroht – der bereits laufende wurde ohnehin nie beendet.

Die UN-Mission Unifil hat allein zwischen dem 27. November 2024, an dem das eigentlich geltende Waffenstillstandsabkommen in Kraft trat, und Januar 2026 über 7.300 israelische Verletzungen des libanesischen Luftraums und mehr als 2.400 Grenzübertritte registriert. Auch wurden die israelischen Truppen unter Verstoß gegen die Vereinbarung bis heute nicht aus dem Libanon abgezogen, während die libanesische Armee militärische Stützpunkte der Hisbollah im Südlibanon beseitigte und Waffenlager sprengte. Die Kämpfer der Hisbollah schossen trotz tausender israelischer Angriffe und der fortdauernden Besatzung nicht zurück.

Gefahr eines Bürgerkriegs

Eine überwältigende Mehrheit der libanesischen Bevölkerung lehnt eine vollständige Entwaffnung der Hisbollah ab, solange keine nationale Verteidigungsstrategie vorliegt und die Armee nicht in der Lage ist, das Land und seine Bevölkerung zu schützen. Dennoch hat sich die prowestliche, unter massivem US-amerikanischem Druck eingesetzte Regierung unter Premierminister Nawaf Salam im vergangenen Sommer einem Plan Washingtons unterworfen, die Hisbollah zu entwaffnen. Ein Vorhaben, dessen Umsetzung nicht nur für die Armee gar nicht möglich ist – es nimmt auch die Gefahr eines Bürgerkriegs in Kauf. Zudem unterschlägt es völlig die geopolitischen, militärischen und ideologischen Grundlagen israelischer Politik, die sich seit Jahrzehnten und auch im aktuellen israelischen Krieg gegen den Libanon manifestieren.

Wie bereits im Gazastreifen und im Westjordanland ist die Ansiedlung der eigenen Bevölkerung in einem zu besetzenden oder bereits besetzten Gebiet fester Bestandteil israelischer Politik auch in Syrien und im Libanon. Nicht nur radikale Siedlergruppen, sondern auch relevante Teile der israelischen Regierung bezeichnen die völkerrechtswidrigen Siedlungen als einzige Garantie für israelische Vorherrschaft und „Sicherheit“. Gruppen der radikalen Siedlerbewegung zeichnen bereits auf Karten ein, wo sie in Gaza, in Syrien und im Libanon ihre Häuser errichten wollen. Territorium anderer Länder wird „zum Kauf“ angeboten. Während des Gaza- und des zeitgleichen Libanonkriegs haben israelische Siedler mehrere Vorstöße in den Zedernstaat unternommen – teils nicht nur unter den Augen, sondern auch unter dem direkten Schutz israelischer Soldaten. Sie pflanzten mitten im Libanon Bäume und versuchten, illegale Siedlungsaußenposten zu errichten.

Vision von Groß-Israel

Das jahrzehntelang vom Libanon vertretene Credo, eine schwache Armee schütze davor, angegriffen zu werden, hat sich längst als Trugschluss erwiesen. Das Konzept hat völlig die ideologischen und geostrategischen Beweggründe Israels für seine Invasionen im Zedernstaat verkannt. Die Hisbollah, die die israelischen Besatzungstruppen im Jahr 2000 zum Abzug zwang und Israel im Jahr 2006 in einem 34-tägigen Krieg standhielt, ist nicht aus anlasslosem Israelhass entstanden, wie westliche Politiker und Medien ganz im Sinne der von Israel verbreiteten Geschichtsschreibung gerne glauben machen wollen. Sie ist eine Reaktion auf die israelische Invasions- und Besatzungspolitik. Neben dem Wissen, dass eine Konfrontation mit ihren Kämpfern zu einem innenpolitischen Desaster führen würde, ist auch dies ein Grund für die Weigerung der libanesischen Armee, eine vollständige Entwaffnung der Hisbollah umzusetzen. Das Militär, das in der Vergangenheit eng mit der Hisbollah kooperiert hat, ist allein gar nicht in der Lage, das Land und seine Bürger wirksam zu verteidigen.

Vor diesem Hintergrund klingt die Erklärung der libanesischen Regierung von Anfang März regelrecht wie Ironie. Die „Entscheidung über Krieg und Frieden“ obliege „ausschließlich“ dem libanesischen Staat, heißt es darin. Darum werde ein sofortiges Verbot aller militärischen und sicherheitsrelevanten Aktivitäten der Hisbollah verhängt. Diese lägen „außerhalb des Gesetzes“. Die Hisbollah werde verpflichtet, „ihre Waffen an den libanesischen Staat zu übergeben und ihre Rolle auf politische Aktivitäten innerhalb verfassungsmäßiger und rechtlicher Rahmenbedingungen zu beschränken“. Die Armee solle umgehend mit der Entwaffnung der Hisbollah auch nördlich des Litani-Flusses beginnen.

Am 22. September 2023 hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor der UN-Generalversammlung eine Karte hochgehalten, auf der der Gazastreifen und das Westjordanland als Teil Israels eingezeichnet waren. Er sprach explizit von „Judäa und Samaria“. Schon 2016 hat der heutige Finanzminister Smotrich ausgegeben, dass er die Vision eines Großisrael umsetzen will, das Teile Syriens, des Libanon, Jordaniens, Ägyptens, des Irak und Saudi-Arabiens umfasst. Fakt ist, dass die israelische Regierung ganz im Sinne dieser Vision ihre Besiedlungs-, Annexions- und Expansionspläne rigoros umsetzt. Auch die Kriege gegen den Libanon und Syrien fügen sich lückenlos in dieses Bild ein. Dazu gehört auch die seit über einem Jahr andauernde Weigerung Tel Avivs, seinerseits die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens umzusetzen, sich aus dem Südlibanon zurückzuziehen und die Attacken auf das Nachbarland einzustellen.

Im Februar befand der US-amerikanische Botschafter in Tel Aviv, Mike Huckabee, im Interview mit Tucker Carlson, es sei „in Ordnung“, wenn „Israel alles nehmen würde“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte der prowestlichen Regierung in Beirut klar werden müssen, dass ihre Behauptung, ein „Normalisierungsabkommen“ mit Israel könne Frieden und Sicherheit bringen, mindestens eine Fehleinschätzung ist.

Der Litani-Fluss als „natürliche Grenze“

1413 Karte photo 2026 03 28 16 12 46 - Zerstörung, Vertreibung, Besatzung - Hisbollah, humanitäre Katastrophe, Invasion, Israelische Kriegsführung, Landnahme, Libanon, Vertreibung - Hintergrund

Vergangene Woche hat Israel ein weiteres Mal völlig unverblümt zugegeben, dass es im Libanon um Landnahme geht. Der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich gab aus, der Litani-Fluss sei die „natürliche Grenze“ Israels. Verteidigungsminister Katz kündigte an, man werde eine sogenannte Sicherheitszone bis zum Litani-Fluss einrichten und hunderttausende Bewohner des Südlibanon an der Rückkehr in ihre Häuser hindern. Im Schatten des israelisch-US-amerikanischen Kriegs gegen den Iran will Tel Aviv die seit Jahrzehnten in den Schubladen liegenden Pläne umsetzen. Es geht um dauerhafte Besetzung und Besiedlung und in letzter Konsequenz auch um die Annexion libanesischen Staatsgebiets.

Schon in den ersten Tagen des Zionismus beschränkte sich die Vorstellung eines jüdischen Staates keinesfalls auf das heutige israelische Staatsgebiet. Bereits 1919 versuchte einer seiner Protagonisten, Chaim Weizmann, den britischen Premierminister David Lloyd George davon zu überzeugen, die angestrebte jüdische Heimstätte solle bis tief in den Libanon hineinreichen. Den Litani-Fluss bezeichnete er als unentbehrlich. Der erste israelische Premierminister David Ben Gurion wünschte sich den Litani-Fluss ebenfalls als nördliche Grenze. Ein christlicher Pufferstaat sollte von dort aus eine weitere „Schutzzone“ darstellen. Schon während des „Unabhängigkeitskriegs“ von 1948, den die Araber als „Nakba“ (Katastrophe) bezeichnen, besetzte die israelische Armee 14 libanesische Dörfer.

Nach biblischer Überlieferung hat Jakob seine Zelte auf der Ebene von Khiam im heutigen Libanon aufgeschlagen. Dessen Erbe wird als religiös-historische Rechtfertigung für den israelischen „Anspruch“ auf Teile des Südlibanon angeführt. Tatsächlich aber geht es um die strategische Bedeutung des Gebiets und um Ressourcen. Würde Israel den Litani-Fluss kontrollieren, würde es seine Wasserversorgung um 40 Prozent erhöhen. Alle israelischen Invasionen in den Libanon wurden als begrenzte Sicherheitsoperationen ausgegeben: Die „Operation Litani“ von 1978, in der die israelische Armee das Gebiet südlich des Flusses besetzte und an ihre christliche Stellvertretermiliz „Südlibanesische Armee“ (SLA) übergab, die die vornehmlich schiitische Bevölkerung tyrannisierte. Zwischen 1982 und 2000 besetzte Israel eine „Sicherheitszone“ von 800 Quadratkilometern. Und auch 2006, während des Juni-Kriegs, zielte die Armee mit einer Bodenoffensive auf den Litani.

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"Zerstörung, Vertreibung, Besatzung", UZ vom 3. April 2026



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