VW: Überraschungs-Milliarden, weitere Einschnitte und die Forderung nach einem Plan B

Alles auf Anfang

Zwei Februarmeldungen aus dem mit rund 325 Milliarden Euro Jahresumsatz größten deutschen Industriekonzern sind wohl zusammen zu lesen: Erst meldeten die Wirtschaftsblätter Anfang des Monats, bei den Bilanzarbeiten von VW seien 6 Milliarden Euro zusätzliche Mittel aufgetaucht. Die 2024 beschlossenen „Sparprogramme“ bei Entwicklung und Einkauf, aber auch der Verkauf von Forderungen des Konzerns an Dritte – also eine Art kreative Buchführung – hätten zu dieser Summe beigetragen.

Diese Nachricht sorgte prompt für Unruhe bei den fast 300.000 VW-Beschäftigten in Deutschland. Denn gegen sie läuft seit Weihnachten 2024 ein Sparprogramm, das Betriebsrat und IG Metall nach heftigen Auseinandersetzungen mit dem Konzernmanagement inklusive Warnstreiks zähneknirschend unterschrieben hatten. Und obendrauf kam die zweite VW-Meldung, die besagt, dass es weitere Einschnitte im Konzern geben soll.

Nur zur Erinnerung, weil so etwas von Außenstehenden schnell vergessen wird: Gegen den Verzicht auf die damals öffentlich diskutierte Schließung von VW-Standorten einigten sich das Unternehmen und die Vertreter der Werktätigen nicht nur auf den Abbau von 35.000 Stellen bis Ende 2030 und das Herunterfahren der Gesamtkapazität der deutschen Werke um 700.000 Fahrzeuge. Die jährliche Erfolgsprämie wurde gekürzt, das tarifliche Urlaubsgeld vorerst gestrichen. Gekürzt wurden auch die Jubiläumsprämien. Und die vereinbarten Gehaltserhöhungen landeten zu erheblichen Teilen nicht auf den Konten der Beschäftigten, sondern in einem „Zukunftsfonds“, aus dem die Abfindungen für den vereinbarten Stellenabbau finanziert werden sollten. In diese Stimmung hinein fanden sich nun besagte 6 Milliarden Euro, die nicht nur die Bilanz aufhübschen, sondern damit auch die Bonuszahlungen für das Management deutlich erhöhen dürften.

Das „ManagerMagazin“ berichtet, dass der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume und sein Finanzvorstand Arno Antlitz Mitte Januar vor 120 Führungskräften eine Beschleunigung des 2024 vereinbarten „Sparkurses“ verkündet hätten. Angesichts der weiterhin kritischen Lage im Konzern, der 2025 kaum 3 Prozent Rendite erwirtschaftet habe, sei dies unvermeidlich. Von einer Kostensenkung um 20 Prozent und in Zahlen rund 60 Milliarden Euro bis 2030 sei die Rede gewesen.

Die Aufregung über diese scheinbar neuen Zahlen verdrängte zumindest medial die überraschend aufgetauchten 6 Milliarden Euro. Klarheit über die Lage im Konzern herrscht wohl erst am 10. März, dann lädt der Vorstand zur Pressekonferenz, auf der die Zahlen der Bilanz 2025 auf den Tisch gelegt werden.

Besonders gut aussehen dürften sie nicht. Denn trotz aller Bemühungen ist VW Teil des deutschen Deindustrialisierungsdramas, dem 2025 zwischen Rhein und Oder mehr als 120.000 Industriearbeitsplätze zum Opfer gefallen sind – davon 50.000 in der Automobilindustrie. Das alles findet statt, obwohl weltweit nicht weniger, sondern mehr Autos als je zuvor gebaut und verkauft werden – von weniger als 80 Millionen im Jahr 2010 auf über 90 Millionen 2024. Der Kuchen schrumpft also nicht, sondern wächst weiter. Wachsen tun allerdings die Marktanteile asiatischer Hersteller, vor allem aus Japan, Südkorea und der Volksrepublik China. Ihre Innovationskraft ist größer, ihre Kosten pro Fahrzeug sind geringer. Die westeuropäischen und US-amerikanischen Hersteller, die noch bis zur Jahrtausendwende diesen Markt beherrscht hatten, tuckern hinter der Führungsgruppe immer weiter hinterher.

Statt in dieser Situation die Kooperation mit den neuen führenden Autonationen auszubauen, droht durch öffentlichen Druck eine im wahrsten Sinne des Wortes blutige Verschlimmbesserung der Lage. Mitten in die Debatten hinein forderte am 17. Februar die „Wirtschaftswoche“, jetzt müsse „ein Plan B auf den Tisch: Militärfahrzeuge und Drohnen“. Denn VW, so argumentiert Autor Martin Seiwert, sei schließlich in seinen Anfängen nur nach außen hin als Produzent von Privatautos, in Wirklichkeit aber von Anfang an zur Herstellung von Militärfahrzeugen gegründet worden. Diese sollten „tauglich für drei Soldaten plus Gewehr“ sein. Daran solle wieder angeknüpft werden – schließlich sei „Zeitenwende“.

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"Alles auf Anfang", UZ vom 27. Februar 2026



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