Am zweiten bundesweiten Schulstreik in der vergangenen Woche beteiligten sich wieder mehr als 50.000 Schülerinnen und Schüler. Neben der kriegsmüden und streikbereiten Jugend sind vermehrt auch Eltern Teil der Friedensproteste gegen die Wehrpflicht und Hochrüstung. Ob in Trier, Münster, Frankfurt am Main oder Kiel: In vielen Städten bundesweit haben es Eltern ihren Kindern gleichgetan und sich in Initiativen „Eltern gegen Wehrpflicht“ organisiert. Auch in Berlin unterstützt eine Elterninitiative die streikende Jugend, berichtet Armin Duttine, Gewerkschafter und Vater einer 16-jährigen Tochter, im UZ-Interview.
UZ: Von der Jugend lernen heißt kämpfen lernen – das ist für einige Erwachsene sicherlich neu. Wie kam es dazu, dass ihr euch zusammengefunden und in der Initiative organisiert habt?
Armin Duttine: Die Berliner Gruppe von Eltern gegen Wehrpflicht hat sich aus persönlichen Bekanntschaften und Aktivitäten in Organisationen der Friedensbewegung ergeben. Wichtig dabei war aber auch die Beteiligung von Eltern an den Demonstrationen zum ersten Schulstreik im Dezember letzten Jahres. Wir sind mittlerweile eine Vernetzung von immerhin mehr als 30 Eltern, die ihre Kinder dabei unterstützen, dass sie nicht zu Kriegs- und Zwangsdiensten eingezogen werden. Ich habe schon im Dezember die Eltern in der Klasse unserer Tochter über diesen Streik informiert und wollte mobilisieren. Leider gab es keine Reaktionen. Es ist ein gutes Gefühl, nun nicht mehr alleine zu stehen.
Ich engagiere mich, da meine Frau und ich eine 16-jährige Tochter haben, die wir vor diesem Zwang und dem Unglück des Krieges schützen und ihr ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen wollen. Ein wichtiger Teil unserer Erziehung – unterstützt durch die Erziehung und Bildung in Kita und Schule – ist auch, Konflikte gewaltfrei und wertschätzend zu lösen. Mit der Wehrpflicht und anderen Arten von Zwangsdiensten wird diese wichtige Vermittlung von menschlichen Werten in ihr Gegenteil verkehrt. Wir möchten also dazu beitragen, dass unsere Erziehung und die wertvolle pädagogische Arbeit von vielen Erzieherinnen, Lehrkräften und Schulsozialarbeiterinnen nicht in den Müll gekippt werden.
UZ: Wie habt ihr den Schulstreik vergangene Woche erlebt und wie konntet ihr als Eltern unterstützen?
Armin Duttine: Der Schulstreik war unser bisheriges Highlight. Mit einem eigenen „Eltern gegen Wehrpflicht“-Transparent und der Parole „Militarisierung stoppen!“ waren wir gut sichtbar für die Schüler. Wir konnten viele Gespräche führen und auch bei anderen Eltern für unsere Initiative werben. Außerdem haben wir bereits im Vorfeld eine gemeinsame Folgeveranstaltung mit Schülerinnen und Schülern aus den Schulstreik-Komitees geplant und auf die Beine gestellt. Wir hatten den 97-jährigen Armin Lufer als Zeitzeugen zu Gast, der den rund 60 Schülerinnen und Schülern, Eltern und Großeltern von seinen Erlebnissen als Hitlerjunge und Kindersoldat im deutschen Faschismus und Vernichtungskrieg berichtete. Das war sehr eindrücklich, weil es klar vor Augen geführt hat, was Krieg und Zwang konkret bedeuten und welche erschreckenden Parallelen zu heute existieren.
UZ: Bereits beim ersten Schulstreik im Dezember gab es Berichte über Repressionen gegen Schülerinnen und Schüler durch Lehrkräfte und Schulleitungen, die einschüchtern wollen. Wie geht ihr als Elterninitiative damit um?
Armin Duttine: Die Berichte über Repressionen auch beim Schulstreik vergangene Woche sind erschreckend: In München soll die Polizei Schüler von der Demonstration geholt und in die Schule zurückgebracht haben. Bei uns in Berlin wurde ein Schüler während der Demonstration festgenommen, weil er auf ein Schild „Merz leck Eier!“ geschrieben hatte. Gegen den 18-Jährigen wird jetzt wegen des Verdachts der Verleumdung ermittelt – das ist absurd. Die Repressionen nehmen spürbar zu, je stärker die Jugendbewegung wird. Wir als Eltern wollen den Schülern weiter Mut machen und sie unterstützen: Lasst euch nicht einschüchtern!
Die Repressionen werden deshalb auch Thema in unserer Initiative. Wir wollen die Schüler zum Beispiel darüber aufklären, dass die Schulleitungen im Umgang mit den Protesten einen Ermessensspielraum haben. Die Schulen können auch mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommen statt sie einzuschüchtern. Dafür gibt es positive Beispiele. Viele aus dem Schulpersonal stehen auf der Seite der protestierenden Jugend. Wir versuchen, uns Wissen anzueignen, das bei der Organisation von juristischem Sachverstand helfen kann, und Argumente aus pädagogischer Sicht einzubringen, denn bei uns sind auch Lehrkräfte aktiv.

Auffällig war, dass die Berliner Senatsverwaltung für Bildung dieses Mal keine Anweisung an die Schulen kommuniziert hat, dass eine Teilnahme gegen die Schulpflicht verstoße. Das war anders als beim ersten Streik und könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Senat Sorge davor hat, dass Sanktionen die Schülerinnen und Schüler erst recht bestärken, sich zu wehren – und dass so die Friedensbewegung, in der bisher eher Ältere aktiv sind, durch junge Leute verstärkt wird. Genau diese Brücke zu bilden ist unser Ziel. Denn nach dem Streik ist vor der nächsten Aktion: Dazu gehören unter anderem die Ostermärsche – in Berlin am Ostersamstag.
UZ: Die anvisierten Rekrutierungszahlen von Pistorius und Co. wollen nicht in Erfüllung gehen – erwartbar wird die Bundeswehrwerbung zunehmen, auch an Schulen. Wie geht ihr damit um?
Armin Duttine: Viele junge Menschen und ihre Eltern beschäftigen sich noch nicht mit dem Thema Wehrpflicht, weil sie es noch nicht wirklich mitbekommen haben oder es ignorieren. Wenn die Wehrpflicht dann aber nicht nur Theorie bleibt, sondern Praxis wird, wird das Thema auch ins Bewusstsein der jungen Menschen und ihrer Eltern kommen. Das bietet die Chance, die Menschen dann auch für Gegenargumente besser zu erreichen. Je mehr Zwang ausgeübt wird, desto mehr Widerstand kann entstehen. Unsere Aufgabe ist es, zu einem solchen Widerstand zu motivieren und ihn in konkrete und organisierte Handlungen zu übersetzen. Wir werden unsere Aktivitäten und die politische Lage Mitte März gemeinsam auswerten und die nächsten Schritte planen. Ganz praktisch werden wir uns sicherlich mit dem Fragebogen zur Wehrerfassung der Bundeswehr auseinandersetzen und mit der Beratung und Kontaktvermittlung zur Kriegsdienstverweigerung. Aber wir wollen auch verstärkt an Schulen und bei Elternvertretungen werben und in Aktion gehen gegen Jugendoffiziere und Karriereberater der Bundeswehr. Eines ist klar: Wir brauchen einen längeren Atem, denn das Thema Wehrpflicht ist mit dem zweiten Schulstreik nicht vom Tisch und es wird weitere Schulstreiks geben. Das haben die streikenden Schülerinnen und Schüler schon angekündigt. Wir sind mit dabei!
Die Menschen müssen endlich erkennen, welche Interessen sie haben. Das haben die jungen Menschen vielleicht schon viel besser erkannt als die Älteren. „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“, der Leitspruch der Jugend zeigt ja, wie politisch bewusst diese Bewegung schon ist. Sie wollen keine Kriege, sie wollen eine friedliche, demokratische und soziale Zukunft. Und sie haben eine Gegnerorientierung, die sich nicht gegen andere Länder und ihre Menschen richtet, sondern letztlich gegen die Kapitalistenklasse.









