„Viele Menschen merken gar nicht, wie sie ständig verkaspert werden“, sagt Kasperle zu Gretl. Er muss es ja wissen. Und tanzt zu modernem Techno, was die etwa 200 Besucherinnen und Besucher der Matinee des Frauenarbeitskreises der DKP Essen in der Zeche Carl dazu animiert, rhythmisch mitzuklatschen.
Engagierte Schauspielerinnen treffen auf engagierte Zuschauerinnen und Zuschauer – dieses Konzept hat sich gut bewährt. Seit bald 40 Jahren gibt es diese Veranstaltung zum Internationalen Frauentag am oder um den 8. März herum. Sie ist längst zur Institution geworden, die Besucher aus dem ganzen Ruhrgebiet anzieht.
Siw Mammitzsch, Kreisvorsitzende der DKP Essen, zählt in ihrer Eröffnungsrede laufende Kriege auf, verweist auf den Völkermord in Palästina und den Angriff der USA und Israels auf den Iran. „Mittendrin ist ein Deutschland, das wieder Weltmacht werden will.“ Unbegrenzte Aufrüstung auf der einen Seite, krasse Sozialkürzungen auf der anderen – folglich eine noch nie dagewesene Spaltung im Land. „Solche Verhältnisse wollen wir zum Tanzen bringen“, leitet Mammitzsch über zur Revue.
Die trägt den Titel „Tri Tra Trullala“. Kasperletheater also, als treffende Allegorie für Verhältnisse, die so absurd geworden sind, dass sie sich kaum noch satirisch überspitzen lassen. Nach dem ersten Auftritt von Kasperle und Gretl nimmt ein König Platz auf seinem Thron. Er spricht von einer „Zeit tiefgreifender Umbrüche“, auf die er mit „umfangreichen Reformen“ antworten müsse. Mit Merz-Perücke statt Krone verwandelt er sich in den staatstragend auftretenden Bundeskanzler. Seine Rede ist eine Aneinanderreihung von Originalzitaten von Friedrich Merz – ein Kabinett des Grauens, das die Zuschauer ins Mark trifft. Gretl muss da etwas geraderücken und verlegt Merz’ Haarinsel zwischen Nase und Oberlippe.
Kleine Gesten wie diese bringen überspitzt auf den Punkt, was kaum noch in Worte zu fassen ist. Sie wirken vor einem einfach konstruierten Bühnenbild, das nicht von der Leistung der Schauspielerinnen ablenkt. „Das hat ja Kabarett-Qualität“, freut sich eine kulturbeflissene Besucherin.
Die Schauspielerinnen aus dem Frauenarbeitskreis der DKP Essen präsentieren Alltagsszenen, die die Auswirkungen des Kriegskurses der Bundesregierung auf das Leben von Frauen nachzeichnen. Es treten auf: Eine Großmutter, die Wohngeld in einer Behörde beantragen möchte, aber an der bewusst menschenfeindlich gestalteten Bürokratie scheitert. Ein bewaffnetes Krokodil, das die Rüstungsindustrie symbolisiert und sich auf „fette Jahre“ freut. Der Teufel, der dafür wirbt, sich bei der Bundeswehr zu verpflichten – und auf Gretls verdutzte Frage, was denn „der Russe“ in Berlin wolle, „Rohstoffe klauen etwa?“, einen sicheren Tipp gibt: „Der Russe geht immer.“ Der Räuber Lars Listig, der für Finanzminister Lars Klingbeil steht, die Großmutter im Gespräch bestiehlt und nicht einmal vor ihrem Gebiss Halt macht. Eine ungewollt schwangere Prinzessin, die auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam macht und sich fragen muss, wer ihr noch zur Seite steht – „Ich kann ja nicht am Gesundheitskiosk entbinden.“ Seppl, der auf seine kleine Schwester aufpassen muss, weil die Kita krankheitsbedingt geschlossen bleibt. Ein Zauberer, der hustend feststellt, dass Klimaschutz eine Klassenfrage ist.
Kasperle und Gretl stellen schließlich die zentrale Frage: Was sollen wir tun gegen all diese Schweinereien? Noch einmal treten die Schauspielerinnen auf die Bühne, einzeln. Jede verliest eine Nachricht mit einem konkreten Beispiel aus den letzten Monaten für Widerstand gegen Imperialismus, den Kriegskurs der Regierung und den sozialen Kahlschlag: KiBiz-Protest in Düsseldorf, Berliner Appell, Generalstreiks gegen Waffenlieferungen an Israel in Italien, Palästina-Soli-Mahnwachen in Essen, der Streik der Länderbeschäftigten in der TVL-Runde, der Schulstreik gegen die Wehrpflicht. Beispiele, die Mut machen. Sie kulminieren in der Rezitation des Refrains von Hannes Stütz’ „Unser Marsch ist eine gute Sache“: „Wir marschieren für die Welt, die von Waffen nichts mehr hält, denn das ist für uns am besten!“ Viele der Besucherinnen und Besucher stimmen spontan ein. Sie kennen die Zeilen. Sie lassen sich bestimmt nicht verkaspern.
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