„Im Casino gibt’s keine Uhren. Überall gibt’s Uhren, aber nicht im Casino … Auf den Tischen nur Chips. Wenn man echtes Geld setzen müsste, würde wahrscheinlich niemand spielen.“ Das sagt eine, die es wissen muss. Tiziana Bordon hat gutes Geld verdient als Croupier (!) im größten Casino Europas. Das „Casino di Campione“ liegt in der winzigen, nur rund 2.000 Bewohner zählenden italienischen Exklave am Luganer See im Schweizer Kanton Tessin und war fast ein Jahrhundert lang deren einziger Arbeitgeber. Tiziana hat erlebt, wie Geldadel und gekrönte Häupter in Luxuskarossen und Nobelgarderobe Glamour und Glanz nach Campione brachten. Aber sie hat auch durchschaut, wie mit Tricks – luxuriösen Einladungen, „zeitloser“ Beleuchtung et cetera – die Zocker an die Roulettetische gefesselt werden, bis sie, restlos pleite, ihre Juwelen versetzen müssen, um noch Benzin für die Heimfahrt zu kaufen.
Ihre letzte Lektion hat Tiziana (und mit ihr das ganze Dorf) gelernt, als 2018 das Casino urplötzlich Konkurs anmeldete. Alle Träume zerplatzt, 99 Prozent der Campionesi arbeitslos. Vom Casinobetrieb, der beständig Millionen – saubere wie unsaubere – ins Dorf scheffelte, blieb Campione nur die totale Pleite – und ein architektonisches Monstrum des vom Reichtum gespeisten Größenwahns: das an Nazi-Protzbauten erinnernde Casino mit den fast fensterlos erscheinenden Fassaden. Der Börsencrash 1929 an der Wall Street könnte als Bild den Kommentar inspiriert haben, dass hier „sich niemand in die Tiefe stürzen kann“.
Für Anton von Bredow, Architekt und Koregisseur von „Architektur des Glücks“, muss der Anblick dieses die wunderschöne Landschaft verschandelnden Monstrums fast wie Folter erschienen sein – aus der ihn sein Regiepartner Michele Cirigliano zum Glück erlöste. Den hatte, wie er im Presseheft sagt, „die physische und mentale Omnipräsenz des Casinos“ immer schon und auch nach 2018 noch fasziniert. Das macht ihren Film zu mehr als einem abgeschlossenen Zeitdokument. Ihr Film bleibt „am Ball“: Er zeigt, wie nur wenige Jahre nach dem Crash in Campione vorsichtige neue Hoffnungen keimen. Im Januar 2022 begann eine Art Neustart mit stark reduziertem Personal, dessen Zukunft ungewiss bleibt, aber das Filmteam fand sogar eine russische Immobilienmaklerin, die „wertlos“ gewordene Grundstücke zu vermarkten beginnt.
Beispielhaft ist der große historische Bogen, den Bredow und Cirigliano ausloten. Sie schöpfen nicht nur aus dem verblüffenden Archivmaterial aus Campiones Glanzzeiten: König Faruk war hier oft zu Gast, ebenso Filmgrößen wie Fellini oder Sophia Loren. Auch ein im Parkhaus langsam verstaubender Rolls-Royce hat bessere Zeiten gesehen. Die Kamera (Jonas Jäggy, Aurelio Buchwalder) begleitet Fabrizio und seine Ziege durch die leeren Straßen des Dorfes. Das Restaurant, das ihm Arbeit gab, ist dicht, aber als Dank für seine besseren Jahre schmückt er beharrlich „sein“ Campione kostenlos mit bunten Blumenkübeln. Er will ein Beispiel geben, dass die Dorfbewohner „wieder selbst die Zügel in die Hand nehmen und nicht bloß warten, dass die Dinge sich von allein lösen“. Die türkischstämmige Deniz Keles hat in Campione eine Shisha-Bar und ein Restaurant betrieben, aber an Zukunft für ihre zweite Heimat glaubt sie nicht mehr. Ein auf Spielbanken spezialisierter Historiker stellt das Finanzgeflecht zwischen Casinos und Mafia dar, während der pensionierte Pfarrer des Dorfes an den biblischen Turmbau zu Babel erinnert und sich unaufgeregt über den hässlichen Turm mokiert: „Ein Blick dorthin, und alle Probleme sind gelöst.“ Sein Wort in Gottes Ohr! Aber ob’s funktioniert?
Architektur des Glücks
Regie: Michele Cirigliano und Anton von Bredow
Im Kino









