Brandon Q. Morris lässt die DDR samt Raumfahrtprogramm weiterexistieren – das geht nicht sonderlich gut

Erstarrte Verhältnisse

Detailreich, wissenschaftlich exakt und nachvollziehbar: das sind Begriffe, mit denen Schreiberinnen und Leser von Hard Science Fiction das Subgenre loben. Auch wenn die erzählte Geschichte in der Zukunft spielt, muss die technische Entwicklung nachvollziehbar, das eventuelle Außerkraftsetzen physikalischer Gesetze erklärt sein. Kurzum: Wenn es in einem Roman, der in 100 Jahren spielt, „einfach so“ keine Schwerelosigkeit mehr im All gibt, dann ist es keine Hard Science-Fiction, egal wie nachvollziehbar etwa Hyperraumreisen oder Kälteschlaf geschildert werden. Eine Geschichte sollte versuchen, möglichst logisch, streng und akkurat in ihrer Verwendung des aktuellen Wissens darüber sein, welche Technologien, Phänomene, Szenarien und Situationen praktisch und theoretisch möglich sind. Bekannte Vertreter der Hard Science Fiction sind Arthur C. Clarke („Aufbruch zu den Sternen“, 1951), Andy Weir („Der Marsianer“, 2011) und der chinesische Shootingstar Liu Cixin („Die drei Sonnen“, 2006).

Der Deutsche Brandon Q. Morris, der sich selbst als Vertreter der Hard Schience-Fiction betrachtet, die er eine „realistische“ Science-Fiction nennt, hat in diesem Frühjahr ein neues Buch veröffentlicht, sein zweites bei Fischer Tor. Und beweist, dass es mit der Hard Science Fiction gar nicht so einfach ist, wenn man nur auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt schaut.

„Die letzte Kosmonautin“ spielt im Jahr 2029. Die Deutsche Demokratische Republik feiert ihren 80. Geburtstag, Egon Krenz ist immer noch Staatsrats- und Parteivorsitzender und in der Raumstation „Völkerfreundschaft“ kreist die Kosmonautin Mandy Neumann um die Erde, als Gesellschaft nur einen Roboter mit Künstlicher Intelligenz namens Bummi. Nachdem Mandy zu den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag der Republik einen Stern ans Firmament gezaubert hat, häufen sich auf der Raumstation Unfälle, die bald Zweifel bei ihr aufkommen lassen, dass die DDR sie lebend wieder auf die Erde zurückkehren lassen will. Gleichzeitig macht sich Tobias, Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei, mit seiner Jugendliebe auf die Suche nach deren verschwundenem Mann, einem hochangesehen Physiker. Die Suche führt sie in ein Sperrgebiet in der Lausitz, in dem angeblich das riesige Ölvorkommen der DDR abgebaut wird …

Die DDR des Jahres 2029 beschreibt der im einzigen sozialistischen Staat auf deutschem Boden aufgewachsene Brandon Q. Morris so, wie sich Leser aus dem Westen die DDR gern vorstellen: Ein Unterdrückungsstaat, in dem alle Angst haben und trotzdem versuchen, die Stasi irgendwie auszutricksen, sexuell verklemmt (warum ausgerechnet die DDR sexuell verklemmt sein soll, erklärt aber auch er nicht), bürokratisch und mit komischen Worten hantierend. So kommt dann zum sozialistischen Winkelement das Handtelefon, der Ultrakurzstreckenfunk und das Kybernetz und die Gründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands ist zur Namensgeberin des Trabant-­eigenen Navigationssystems degradiert. Morris setzt bei der Beschreibung der DDR alles daran, sie als grau und trist erscheinen zu lassen – und kommt dabei streckenweise noch nicht einmal ohne diese Adjektive aus. Und natürlich ist die DDR chronisch Pleite, obwohl das, was sich in dem Sperrgebiet in der Lausitz befindet, sie „in eine Liga mit den Arabischen Emiraten brachte“. Deshalb hockt Mandy Neumann (ja, Mandy, denn so und nicht anders heißt man in der DDR) auch in einer ausgedienten Raketenstufe, die zur „Völkerfreundschaft“ umgebaut wurde.

Das Problem bei Morris’ „realistischer“ Science Fiction ist nicht der Teil mit der Wissenschaft, akkurat lässt er Mandy mit dem Nachfolgemodell der DDR-Entwicklung MKF-6, einer Multispektralkamera, die Erde fotografieren und auch das, was sich tatsächlich in der Lausitz verbirgt, ist physikalisch nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheint. Aber auch Brandon Q. Morris ist gefangen in den seit der Konterrevolution erstarrten Verhältnissen, in denen Menschen Fortschritt nur noch als technischen Fortschritt denken können. Ausdruck davon ist der Blick auf die DDR, von dem er in einem Interview sagt, er „wollte ein realistisches Land ohne falsche Romantisierung“. Was dabei herausgekommen ist, ist das Gegenteil einer Romantisierung, das plumpe Reproduzieren westlicher Propaganda. Und ein unglaubwürdiges Bild einer DDR, wie sie heute hätte aussehen können.


Brandon Q. Morris
Die letzte Kosmonautin
Fischer Tor, 400 Seiten, 16,99 Euro


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Erstarrte Verhältnisse", UZ vom 3. Juni 2022



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